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Aus der Stadt „Mieses Ausnutzen von alten Leuten“
Hannover Aus der Stadt „Mieses Ausnutzen von alten Leuten“
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08:13 13.03.2015
Lieber unfreundlich als leichtgläubig: Um sich vor Betrug zu schützen, sollten Senioren misstrauisch gegenüber Fremden an der Haustür sein.
Lieber unfreundlich als leichtgläubig: Um sich vor Betrug zu schützen, sollten Senioren misstrauisch gegenüber Fremden an der Haustür sein. Quelle: Mascha Brichta
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Hannover

Rentnerin Jutta Mausolf hatte Glück. Dachte sie. Eine Lebensmittelkette namens Alpenkönig gratulierte der 68-Jährigen zu ihrem Gewinn. Oder besser: ihren Gewinnen. Zu einer Gratis-Verköstigung mit Jagdberger Heumilchkäse, Apfelstrudel und einem Liter Eierpunsch. Zu einem 20-Zoll-LCD-Farbfernseher. Einem „achttägigen Sonnenurlaub auf unsere Kosten“. Und zu einer Kaffeemaschine inklusive Porzellantassen. Doch als die zu 100 Grad schwerbehinderte Frau die Verkaufsveranstaltung in einer Gaststätte verließ, hatten sie und ihr Lebensgefährte nur verloren. 990 Euro, abgebucht vom Konto des 72-Jährigen. Am Donnerstag verurteilte das Amtsgericht Hannover zwei Männer wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs zu Freiheitsstrafen von knapp drei Jahren.

Der 45-jährige Remo J. wurde wegen Betrugs in sechs Fällen zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Sein 47 Jahre alter Bruder Mirko J. bekam wegen fünf Straftaten zwei Jahre und sieben Monate aufgebrummt. Die 37-jährige Ehefrau von Mirko J. sprach das Schöffengericht unter Vorsitz von Simon Schnelle mangels Beweisen frei. War Stefanie J. von den betagten Zeugen nicht wiedererkannt worden, weil sie inzwischen Haarfarbe und Frisur geändert hat? Oder wurde ihr Name von den Brüdern ohne ihr Wissen missbraucht? Staatsanwalt Stefan Dach hatte ihre Schuld für erwiesen angesehen und eine Haftstrafe von zweieinhalb Jahren gefordert, ihr Verteidiger auf Freispruch plädiert.

Als Jutta Mausolf und ihr Lebensgefährte im März 2013 in der Gaststätte in Letter eintreffen, sind dort schon weitere 20 Senioren versammelt. Von Fernsehgerät und Kaffeemaschine ist da schon nicht mehr die Rede. Jetzt wird den Anwesenden eine Bahncard im Wert von 449 Euro versprochen. Die 68-Jährige weist darauf hin, dass sie und ihr Partner aufgrund ihrer Schwerbehinderung gratis Zug fahren dürfen. „Das macht doch nichts, dann bekommen Sie das Geld eben so“, erklärt ihnen ein freundlicher Mann mittleren Alters. Er werde ihnen den Betrag auf ihre Karte buchen, sagt er. Er bittet das Paar in ein schummriges Hinterzimmer. Holt ein EC-Kartenlesegerät heraus. Der 72-Jährige aus Marienwerder zieht seine Girocard durch den Schlitz. Gibt seine PIN-Nummer ein. Doch in diesem Moment hat sich der Kontostand des Rentners nicht etwa erhöht. Sondern ist um 990 Euro gefallen. Nun steht er im Minus, muss seinen Dispokredit in Anspruch nehmen.

Sein kostbares Geld ist auf das Konto einer Cloppenburger Reisevermittlungsfirma namens Valentine Reisen gewandert. Geschäftsführerin war zeitweise Stephanie J., später firmierte einer der Brüder als Chef. Schon 2012 warnten Verbraucherzentralen vor den Abzockermethoden von Valentine.

Ins Vereinsheim des Badenstedter SC hatte in der Vorweihnachtszeit Feinkost Hummer eingeladen. Hier wird den Senioren ein üppiger Weihnachtskorb versprochen. Ein Weihnachtsessen. Eine Kaffeemaschine. Und ein Wertgutschein in Höhe von 379 Euro. „Nach unserem Besuch bei uns werden Sie nicht mehr an Weihnachtseinkäufe denken“, steht auf einem Werbezettel geschrieben - so etwas nennt man Galgenhumor. Verlesen wird vor Gericht die Aussage eines damals 73-Jährigen, der inzwischen verstorben ist. Ihm haben die Betrüger etwas von einer Aldi-Guthabenkarte erzählt, mit einem Plus von 379 Euro. Um diese Karte aktivieren zu können, benötige man allerdings die Girocard des Rentners. Zum Datenabgleich. Der Rest ist bekannt: Lesegerät, Karte durchziehen, PIN, 792 Euro weg. Als der Senior am nächsten Tag zum Discounter geht und seine neue Guthabenkarte belasten will, erfährt er die bittere Wahrheit: So etwas kenne man hier nicht.

An den zwei Verhandlungstagen im Amtsgericht tritt ein halbes Dutzend älterer Herrschaften in den Zeugenstand. Im Rollstuhl. Mit Krücken. Manche Geschädigte sind schwerhörig. Andere können sich an nichts mehr erinnern. Bringen einiges durcheinander. Sie sind die klassischen Opfer für Betrüger, denen nichts heilig ist. Richter Schnelle wählt in seiner Urteilsbegründung eine drastische Formulierung: „Wenn man sieht, dass es die Bande ganz bewusst auf Menschen abgesehen hatte, die gebrechlich und sehr leichtgläubig sind, geht einem das Messer in der Tasche auf.“ Und er ergänzt: „Das ist ein mieses Ausnutzen von alten Leuten.“

Die Bande, zu der noch einige Helfer gehörten, war im ganzen Bundesgebiet tätig. Auch bei anderen Staatsanwaltschaften laufen Ermittlungen. Ein weiterer Tatort in Hannover war das Anderter Schützenhaus, die Dunkelziffer der Geschädigten ist wohl erheblich. Die Betrüger warteten mit einem breit gefächerten Angebot mieser Tricks auf. So ließen sie die Senioren auch gerne Reiseverträge unterschreiben, vorgeblich für Gratisurlaube. Doch gratis war hier gar nichts, die Quittung bekamen die leichtgläubigen Kunden später. Mittels Rechnungen und Mahnschreiben.

Gerne boten die charmant auftretenden Scheinverkäufer zudem dubiose Produkte zu völlig überhöhten Preisen an. Vitaminpräparate im Supersonderangebot für 998 statt 5140 Euro. Ein Fußsohlenmassagegerät zum Schnäppchenpreis von 1500 Euro. Statt 2800. Nur eine 78-Jährige aus Badenstedt, die 500 Euro Anzahlung geleistet hatte, bekam überhaupt jemals ein solches Gerät zu sehen. Doch ihr Arzt riet ihr später strengstens von einer Benutzung ab: Das sei überhaupt nicht gut für ihre Knie und ihre Wirbelsäule.

Ein 88-Jähriger aus der Nachbarschaft kam erst gar nicht in diese Verlegenheit. „Ein Herr von Feinkost Hummer ist mit mir zur Bank gefahren“, berichtete er, „da habe ich 1500 Euro abgehoben und ihm gegeben.“ Und das Massagegerät? Bekam er nie zugestellt.

Warum machten sich die älteren Herrschaften überhaupt auf den Weg zu den so unglaublich verheißungsvollen Treffen? „Man fährt zu solchen Veranstaltungen, weil man da Bekannte trifft“, erklärt eine 78-Jährige. Und Jutta Mausolf? Ärgert sich über sich selbst. Dass sie so naiv war, auf die Betrüger hereinzufallen. Doch in erster Linie richtet sich ihr Zorn auf die Abzocker von Valentine und Co.: „Es ist eine unglaubliche Frechheit, einer schwerbehinderten Frau wie mir das Geld aus der Tasche zu ziehen.“

Von Michael Zgoll und Julia Röhrbein

Die Tricks der Betrüger

Dreiste Trickbetrüger setzen alles daran, das Vertrauen ihrer zumeist älteren Opfer zu erlangen, um dann deren Gutmütigkeit auszunutzen. Oft geben sie sich als Polizisten, Wasserwerker oder Handwerker aus. In diesen Fällen ist es unablässig, sich den Ausweis zeigen zu lassen, oder Rücksprache mit dem Vermieter zu führen, ob tatsächlich Reparaturen im Haus geplant sind. Darüberhinaus gibt es eine Reihe von Tricks, mit denen die Betrüger versuchen, ihre Opfer zu übertölpeln.

  • Der Enkeltrick: Er ist so etwas wie der Klassiker unter den Trickbetrügereien. Die Opfer erhalten einen Anruf. Der Anrufer gibt sich als entferntes Familienmitglied aus und schildert, er befinde sich in einer absoluten Notlage und benötige dringend Geld. Er überredet die Opfer, einen größeren Geldbetrag vom Konto abzuheben und einem Boten zu übergeben.
  • Der Zetteltrick: Die Täter klingeln an der Wohnungstür, geben vor, dem Nachbarn eine Nachricht hinterlassen zu wollen und bitten um Zettel und Stift. Während das Opfer nach dem Verlangten in der Wohnung sucht, gehen die Täter in den Räumen auf Beutezug.
  • Die neuste Masche: Jüngst verschickten Trickbetrüger Briefe mit dem gefälschten Kopf der Rentenversicherung. Die Empfänger wurden in den Schreiben aufgefordert, möglichst schnell die Summe von 756,86 Euro auf ein angebliches Konto der Versicherung zu überweisen. Anderenfalls drohten eine sofortige Sperre des Rentenkontos und weitere rechtliche Schritte.

tm

Bernd Haase 15.03.2015
13.03.2015
Veronika Thomas 15.03.2015