Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Trieben Zahnschmerzen Patientin in den Tod?
Hannover Aus der Stadt Trieben Zahnschmerzen Patientin in den Tod?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 12.03.2015
Von Michael Zgoll
Massive Probleme nach einer Implantat-Behandlung machten einer 63-jährigen Misburgerin das Leben ein Jahr lang zur Hölle.
Massive Probleme nach einer Implantat-Behandlung machten einer 63-jährigen Misburgerin das Leben ein Jahr lang zur Hölle. Quelle: Patrick Pleul
Anzeige
Hannover

Der Selbstmord einer Frau, der möglicherweise mit einer schmerzhaften Zahnbehandlung zusammenhängt, wird bald das Landgericht Hannover beschäftigen. Der Ehemann und die erwachsene Tochter der im Juni 2014 gestorbenen Misburgerin werfen einem in Hannover praktizierenden Zahnarzt erhebliche Behandlungsfehler vor. Die daraus resultierenden Qualen hätten die 63-Jährige in den Tod getrieben. In der Klageschrift, die Anwalt Marcus Vogeler jetzt eingereicht hat, fordern die Angehörigen ein Schmerzensgeld, dessen Höhe das Gericht bestimmen soll. Zuvor hatte der Mediziner von den Erben die Begleichung einer Rechnung von 8556 Euro für eine ersatzweise hergestellte Prothese eingeklagt, die erst nach dem Tod der Frau fertig wurde – diese Rechnung wollen die Angehörigen nicht begleichen.

Die Ausgangsbasis für die Behandlung beim Zahnarzt war nicht günstig: Die Frau war Angstpatientin, litt unter Depressionen und befand sich in psychotherapeutischer Behandlung. Weil ihre Zähne aufgrund einer Parodontitis erheblich geschädigt waren, empfahl ihr der Doktor eine Grundsanierung ihres Gebisses. Im Mai 2013 wurden der Frau elf Zähne im Oberkiefer sowie ein Zahn im Unterkiefer gezogen; als Ersatz verbaute der Arzt im Oberkiefer acht Implantate plus festsitzender Prothese sowie im Unterkiefer drei Implantate mit Krone und Brücke. Der Eigenanteil der Patientin an den Behandlungskosten sollte – das ist strittig – entweder 21 445 oder 18.000 Euro betragen.

Mit der OP begannen die Schmerzen, die die Misburgerin – so die Angehörigen – bis zu ihrem Tod begleiteten. Das größte Problem bereitete ihr die Oberkiefer-Prothese, die der Zahnarzt fest verschraubt hatte. Wie die Patientin auf rund zwei Dutzend losen Blättern notierte, die nach ihrem Tod gefunden wurden, gab es in den Folgemonaten ständig neue Eingriffe rund um Provisorien und Prothese. Seit August ernährte sie sich nur noch von Babykost, Weißbrot und Suppe, verlor deutlich an Gewicht.

Die Prothese, im Oktober 2013 eingesetzt, ließ sie laut ihren Aufzeichnungen beim Sprechen lispeln und zischen. Immer wieder finden sich Notizen wie „Kann es vor Schmerzen nicht aushalten, mein Kopf platzt“ (November 2013), „Starke Schmerzen, Zahnfleischbluten, obere Reihe Schrauben zu fest gedreht, ganzer Oberkiefer geschwollen und blutet“ (Januar 2014) oder „Bis heute starke Schmerzen. Wieder angeschraubt. Nichts passt. Ich kann nicht mehr“ (Februar 2014). Obwohl die Prothese nun nur noch auf fünf statt acht Implantaten fixiert war, ließ der Druckschmerz nicht nach. Die Frau lieh sich in der Praxis einen Schraubendreher zum Nachjustieren, kaufte später im Baumarkt einen eigenen.

Im April 2014 begutachtete ein Sachverständiger des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) die Frau. Er stellte fest, dass die festsitzende Verschraubung der Oberkiefer-Prothese eine vernünftige Mundhygiene verhinderte. Auch erkannte er ausgeprägte und schmerzhafte Zahnfleischrötungen.

Doch das Einsetzen eines weiteren Provisoriums half nicht, die Schmerzen blieben. Im Mai 2014 notierte die Patientin: „Vom Zahnarzt zu Tode gequält. Ich kann nicht mehr“, Anfang Juni: „Ich kann nicht essen, seit über einem Jahr nur Brei, Kindernahrung, Suppen. Dieser Zahnarzt macht mich kaputt.“ Am 5. Juni erkundigte sich die 63-Jährige in der Praxis, wann ihr neues Prothesen-Modell – zum Herausnehmen – fertig sei. Zwei Tage später fand ihr Ehemann sie im Badezimmer. Tot. Sie hatte eine Überdosis Antidepressiva geschluckt.

Die Angehörigen und ihr Anwalt sagen, dass der Arzt von vornherein eine herausnehmbare Prothese hätte wählen müssen. Dafür hätte es gereicht, sechs statt acht Implantate zu setzen. Auch sei die Prothese fehlerhaft und unbrauchbar gewesen. Aufgrund des Martyriums der Patientin hätte der Doktor zudem viel früher einen Ersatz fertigen müssen.

„Streng juristisch betrachtet kann man den Zahnarzt nicht für den Tod der Frau verantwortlich machen“, sagt Anwalt Vogeler. Schließlich sei der Entschluss, sich das Leben zu nehmen, ihr ganz eigener gewesen. Allerdings legten die Aufzeichnungen der Misburgerin den Schluss nahe, dass die Zahnschmerzen der Beweggrund für ihren Suizid waren – und dies rechtfertige die Forderung der Angehörigen nach Zahlung eines Schmerzensgelds.

Tobias Morchner 12.03.2015
Aus der Stadt China ist Cebit-Partnerland - Die City lernt Chinesisch
Volker Wiedersheim 12.03.2015
10.03.2015