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Aus der Stadt Doppelkorn-Mitarbeiter backen drei Tage in Eigenregie
Hannover Aus der Stadt Doppelkorn-Mitarbeiter backen drei Tage in Eigenregie
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09:40 19.02.2018
Von Juliane Kaune
Großer Andrang: Am Donnerstag kamen viele Kunden in die vorübergehend geöffnete Filiale in der Limmerstraße. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Dinkelsaftbrot, Tofubrötchen, Amaranthriegel - Sabine Bußmann-Zimdars hat regelrechte Hamsterkäufe erledigt. „Ich friere das alles ein“, sagt sie und zeigt auf die braunen Tüten mit dem Doppelkorn-Logo. Die Badenstedterin hat eine Lebensmittelallergie. Sie weiß, dass sie die Produkte aus der Bio-Bäckereikette bestens verträgt. Sie weiß aber auch, dass sie die Backwaren bis auf Weiteres nicht so schnell wieder bekommen wird.

Die Filiale auf der Limmerstraße hat trotz der Probleme geöffnet.

Der amtierende Doppelkorn-Geschäftsführer Manuel P. ist untergetaucht, alle Läden sind seit zwei Wochen geschlossen, die Zukunft ist ungewiss. Am Donnerstag hatte aber zumindest die Filiale in der Limmerstraße vorübergehend wieder geöffnet - in Eigeninitiative der Mitarbeiter.

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P. hatte Lieferanten nicht bezahlt und ist rund 120 Mitarbeitern den letzten Lohn schuldig geblieben, manche warten seit zwei Monaten auf ihr Geld. Bis Ende Juli wurden die Beschäftigten von der Unternehmensleitung freigestellt, danach herrschte Funkstille.

Die Doppelkorn-Belegschaft am Hauptstandort in der Limmerstraße wollte nicht länger nur ausharren und sich Sorgen machen. „Wir wollen ein öffentliches Zeichen setzen und zeigen, dass es uns noch gibt“, sagt eine der Mitarbeiterinnen, die seit 17 Jahren bei der Öko-Bäckerei angestellt ist. Darum haben sich etwa 20 Kollegen zu einer außergewöhnlichen Aktion entschlossen: Drei Tage soll der Betrieb laufen wie gewohnt. Am Mittwoch ging es los, am Freitag ist es schon wieder vorbei. „Länger können wir das nicht durchhalten.“

Die Belegschaft hat wie früher nachts gebacken und tagsüber die Waren verkauft. Das Mehl kam wie immer von der Getreide-Anbieter-Gemeinschaft Wendhausen. Doch anders als sonst wurde die Rechnung bar bezahlt. Von den Mitarbeitern. Ein gültiges Geschäftskonto gibt es nicht mehr. Der in den drei Tagen verbuchte Gewinn kommt auf ein Sonderkonto.

Die Unterstützung der Kunden ist dem Team sicher. Mehr als 400 haben binnen zwei Tagen schon auf den Listen unterschrieben, die auf dem Tresen ausliegen. So dokumentieren sie, dass es weitergehen soll mit Doppelkorn. Auch durch ihre üppigen Einkäufe und die Münzen oder sogar Scheine, die sie in die Spendendose stecken. „Einen Laden wie Doppelkorn kann man nicht ersetzen“, sagt Jennifer-Laura Prochorow, die seit drei Jahren in Mardorf wohnt, aber weiterhin jede Woche in der Filiale Limmerstraße eingekauft hat. „Was hier hinter den Kulissen abläuft, ist eine Schweinerei“, findet Bernd Kister, seit mehr als 20 Jahren Doppelkorn-Kunde.

Wie es nach der Aktion weitergeht, ist offen. „Wir haben alle noch unsere gültigen Arbeitsverträge“, betont die langjährige Angestellte. Bisher wurde keinem gekündigt. Dennoch richten sich alle auf die Insolvenz ein. Allerdings lag auch am Donnerstag noch kein Insolvenzantrag vor. Weder P. noch sein designierter Nachfolger Gerd Haidacher haben den nötigen Schritt beim Amtsgericht eingeleitet. Die Belegschaft wartet nun darauf, dass Sozial- und Krankenkassen ihre Forderungen mithilfe eines Insolvenzantrages geltend machen. Oder das Finanzamt. Auch an die Zeit danach denken sie schon: Vielleicht steige ein neuer Geldgeber ein, vielleicht könnte man als Kollektiv weitermachen. „Manche Kunden haben schon in Aussicht gestellt, sich finanziell an einem Neustart zu beteiligen.“