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Aus der Stadt Türkisch-Verbot an türkischem Gymnasium in Hannover
Hannover Aus der Stadt Türkisch-Verbot an türkischem Gymnasium in Hannover
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10:25 11.10.2010

Auf den ersten Blick scheint es paradox: Damit ihre Kinder besser Anschluss finden in Deutschland, haben Türken in Hannover ein eigenes Gymnasium gegründet, in dem sie weitgehend unter sich sind. Die Integration, die auch von Bundespräsident Christian Wulff gefordert wird, gelinge besser bei einer gezielten Förderung der Nachwuchsgeneration, ist das Konzept. Die Sprache sei ein wichtiger Schritt zur Integration, sind sich die Lehrer einig, die Migranten müssten allerdings auch angenommen werden und eine Chance erhalten.

Am Anfang der Privatschule stand der Verein für Integration und Bildung (VIB), der türkischstämmigen Kindern seit 15 Jahren Nachhilfe gibt. Schließlich kam der Wunsch nach einer eigenen Schule, vor drei Jahren ging das Gymnasium an den Start. Es steht Schülern sämtlicher Herkunft offen, 80 Prozent der Schüler aber haben ausländische Wurzeln, zwei Drittel davon in der Türkei.

„Wir wissen, dass gute Bildung das Leben einfach macht. Wir haben uns gewünscht, dass Kinder mit und ohne Migrationshintergrund die selben Chancen erlangen“, meint Schulverwaltungsleiter Rakip Dumlu. Deshalb habe er auch die Schule mitgegründet. „Wir kennen die Problematik, die unsere Kinder haben in der deutschen Sprache. Deswegen haben wir Lehrer mit einer Zusatzqualifikation Deutsch als Fremdsprache.“ Unter den 31 Lehrern haben nur zwei Lehrkräfte türkische Wurzeln.

Die Schule sieht von außen aus wie jedes andere Schulgebäude in der Republik: graue Fassade und jede Menge Fenster. Auch wenn das Gymnasium von Eltern mit türkischen Wurzeln gegründet wurde, wehen keine roten Fahnen mit weißem Halbmond vor dem Gebäude. Vergeblich sucht man auch eine Büste des Gründers der türkischen Republik Mustafa Kemal Atatürk, die in der Regel in jeder Schule in der Türkei steht. Stattdessen hängen an den Wänden Arbeiten der Schüler aus dem Kunstunterricht. Plakate informieren über Freizeitangebote, auch dies auf deutsch und nicht auf türkisch.

Die Zahl der muslimischen Kinder liegt zwar bei rund 70 Prozent. Dennoch hängen keine Gebetsverse an den Schulwänden und es gibt auch keinen islamischen Religionsunterricht. Nur eine kleine Minderheit der Mädchen trägt ein Kopftuch. Der Rest der Teenager ist seinem Alter entsprechend modisch gekleidet - wie in jeder deutschen Schule auch.

Seit 15 Jahren werde über das Thema Integration diskutiert, meint der 32 Jahre alte Schulrektor. „In diesen Jahren hat es keiner geschafft, einfach mal zu definieren, was wir unter der Integration überhaupt zu verstehen haben.“ So falle es Menschen einfacher, alles unter diesem Deckmantel zu subsumieren. „Ich frage mich immer wieder, ob ich, der hier geboren ist, der studiert hat, ob ich integriert bin oder nicht.“

Dumlu wünscht sich, dass seine Kinder in Zukunft nicht mehr Begriffe wie „mit“ oder „ohne Migrationshintergrund“ hören müssten. Früher seien sie die Ausländer gewesen, jetzt seien sie die Migranten. „Ich habe die selben Ansprüche in Deutschland, die Rechte und Pflichten wie Herr Sarrazin, Frau Merkel oder Herr Koch. Ich habe genauso viel gearbeitet wie ein Deutscher.“ Man sollte die Menschen ermuntern, sich zu engagieren, zu wählen oder sich wählen zu lassen, sagt Dumlu. „Wenn man Menschen die Rechte nicht geben möchte, dann kann man von ihnen nicht sofort verlangen, dass sie sich in Deutschland zugehörig fühlen.“

In der Gesellschaft würden mehr Migranten gebraucht, ist Dumlu überzeugt. Die Türen sollten geöffnet, Migranten nicht mit Vorurteilen ausgeschlossen werden. „Ich möchte mehr Migranten bei der Polizei, in den Ämtern - nicht nur in den Job-Centern - sehen.

Jörg Steidl ist Mathematiklehrer am deutsch-türkischen Gymnasium. Integration sei schulintern kein Thema, meint er. „Ein Umfeld, in das sich die Schüler integrieren müssen, gibt es nicht.“ Die Schüler müssten sich indes an eine klare Regel halten: In der Schule muss Deutsch gesprochen werden - auch auf dem Pausenhof. Einzige Ausnahme ist der Türkischunterricht, an dem 20 Schüler einmal in der Woche nachmittags freiwillig teilnehmen. In der deutschen Alltagssprache seien die Kinder fit und versiert. „Aber es ist viel zu wenig für das heutige Gymnasium. Wir müssen im naturwissenschaftlichen Unterricht ein ausgesprochenes Sprachtraining machen.“

Kamil, Bera und Samara sind 14 Jahre alt und besuchen die neunte Klasse. Ihre Eltern stammen aus der Türkei und Spanien. Kamil ist in dieser Schule, weil er seiner Meinung nach in einer staatlichen Schule weniger gefördert würde. „Wir haben Nachmittagsunterricht, die Lehrer helfen uns“, sagt der 14-Jährige, der später Arzt werden will. Er habe gehört, dass an anderen Schulen manche Lehrer etwas dagegen, hätten, dass aus den ausländischen Kindern etwas werde, meint Kamil. „Die wollen nicht, dass Ausländer in Deutschland eine gute Stelle haben.“

Ob ein russischer, deutscher oder türkischer Lehrer sie unterrichte, sei egal, meint unterdes Bera. „Hauptsache sie sind fair zu den ausländische Schüler.“ Das gute an der Schule sei, so Samara, dass die Lehrer auf die Schüler eingingen. „Hier wird man gefordert und gefördert.“

Einer der Lehrer, der die Schüler fordert, ist Frank Müller. Er unterrichtet Deutsch sowie Werte und Normen. „Integration ist etwas, was die Schule immer bewerkstelligen muss“, sagt der 48-Jährige. Die Schule müsse immer versuchen, Kinder und Jugendliche in die Gesellschaft zu integrieren, ungeachtet der Herkunft.

„Ich glaube die Schwachstelle liegt in der Gesellschaft, wo man gar nicht weiß, was Integration heißt“, meint Deutschlehrer Frank Müller. Manchmal werde den Deutschen der Vorwurf gemacht, dass sie ihre eigenen Werte nicht lebten. „Wenn die Gesellschaft ein Bild des Chaos und auch der Haltlosigkeit bietet, dann ist es für eine Gruppe, die aus einer fast festgefügten Kultur kommt, gar nicht erstrebenswert, sich zu integrieren.“ Voraussetzung für eine Integration sei es, die Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen. „Für mich ist Integration dann gelungen, wenn man sich gegenseitigbefruchtet, kooperiert und bessert. Integration kann nicht heißen Assimilation.“

dpa

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