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Aus der Stadt Über Politik und Alkohol spricht man nicht
Hannover Aus der Stadt Über Politik und Alkohol spricht man nicht
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22:22 20.11.2010
Von Felix Harbart
Zwischen Vorsicht und Volksnähe ist es für viele Politiker ein schmaler Grat. Deshalb hält man den Umgang mit Alkohol aus allen Debatten heraus – „Kodex“.
Zwischen Vorsicht und Volksnähe ist es für viele Politiker ein schmaler Grat. Deshalb hält man den Umgang mit Alkohol aus allen Debatten heraus – „Kodex“. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Ja, sagen die Gesprächspartner aus Kommunal- und Landespolitik, man könne wohl über Politik und Alkohol reden und auch ein bisschen über den Anlass der Anfrage, die Alkoholfahrt des hannoverschen CDU-Chefs Dirk Toepffer. Aber nur ohne Namensnennung. Dafür sei die Sache zu knifflig. Weil man eigentlich nur Falsches sagen könne.

Einerseits könnte es entschuldigend wirken, abwiegelnd. Wenn man etwa über Zwänge spricht. Über volle Terminkalender mit Grünkohlessen, Preisverleihungen, Abenden bei Kreishandwerkerschaft oder Bauernverband, bei denen eben getrunken wird. „Dann kommt der Gastgeber mit dem Tablett voll Schnaps, und Sie sind der Ehrengast“, sagt einer. „Da ist es sicher angenehmer, mitzutrinken.“ Zumal auch heute noch „das Wichtigste nach der offiziellen Sitzung am Biertresen entschieden wird“. Aber am Ende könnte jemand daraus lesen, dass das, was Toepffer passiert ist, menschlich sei.

Nein, das würden die Menschen nur in den falschen Hals bekommen.

Und wie würde sich das anhören, wenn einer in der Zeitung von Stress erzählt, von Wochen, in denen jeder Abend bis 23 Uhr geht? Davon, dass man lernen müsse, abends herunterzufahren, ohne sich ein Fläschchen Bier aus dem Kühlschrank zu holen, damit das nicht zur Gewohnheit wird. Es würde wirken wie eine lahme Rechtfertigung.

Das ist das eine, was man sagen könnte.

Oder man sagt, dass man auch so ganz gut durchkommt. „Es schadet mir nicht, dass ich bei Veranstaltungen nach dem offiziellen Teil gehe und den geselligen auslasse“, sagt ein Kommunalpolitiker. „Die Zeiten, als man unbedingt mittrinken musste, sind vorbei.“ Das aber könnte nach Saubermann klingen. Selbst die Parteizugehörigkeit möge bitte ungenannt bleiben. Es gibt Themen, bei denen der Parteienstreit ruht.

Aufschlussreich wäre es, würde die Deutsche Gesellschaft für Politikberatung erläutern, ob die Frage nach dem Umschiffen der Alkoholfalle eine ist, die Politiker stellen. Leider findet sich dort niemand, der das täte. Ebenso verhält es sich bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Beim Zusammenhang von Alkohol und Politik verfüge man über „keine Expertise“, heißt es.

Über Politik und Alkohol redet man nicht, sagt ein Politiker – „Kodex.“ Ein anderer sagt: „Keiner wirft den ersten Stein.“ Oft fällt auch das Wort vom Glashaus.

Dirk Toepffer hat in dieser Woche darüber sprechen müssen, nachdem die Nachricht von der Kontrolle und dem Blutalkoholwert von 1,2 Promille in der Zeitung gelandet war. Bei der Mitgliederversammlung der hannoverschen CDU hat er sich entschuldigt und gelobt, „noch engagierter“ zu arbeiten. Die Basis klatschte und ließ sich dann berichten, wie es so auf dem Bundesparteitag war.

Immerhin: Erstaunlich sei es schon, dass Toepffer das passiert sei, sagt ein Kollege. Man sei doch sensibilisiert. Als eine Zeitung eines Winters nachforschte, ob der Umweltdezernent vor seinem Haus auch schippt und streut, sei er seinerseits vorsichtshalber den ganzen Winter morgens um fünf aufgestanden und raus auf den Bürgersteig. Ein Landespolitiker erzählt, er fahre bewusster Auto, seit sich die Leute für seinen Fahrstil interessieren könnten. Deswegen hat er an seinem Auto den Piepston aktiviert, der warnt, wenn er zu schnell fährt. „Herr Toepffer hätte sich seiner Rolle bewusst sein müssen“, sagt ein anderer.

Aber wie sieht die Rolle aus? Fast jeder von ihnen ist schon einmal mit einem Bierglas in der Hand fotografiert worden, auf dem Schützenfest etwa. Weil das Bild gewünscht wird, jedes Jahr. Und weil das Volksnähe signalisiert und Erdung. Wie aber bringt man das zusammen mit Debatten rund um Drogensucht bei Jugendlichen? „Es hilft nichts, sich zu verkrampfen“, sagt einer. Gewisse Widersprüche blieben eben.

Vielleicht aber sind die Rollen auch unterschiedlich, je nach Parteizugehörigkeit. Sie habe mit dem Thema noch nicht so viel zu tun gehabt, sagt eine Berliner Politikberaterin – weil viele ihrer Kunden Grüne seien. „Die bewerben sich selten um Direktmandate und haben deshalb vielleicht nicht den Zwang, sich so volkstümlich geben zu müssen.“ Dafür, sagt ein Volksparteimitglied, hätten Grüne Abgeordnete mehr Verpflichtungen und Termine, weil es in kleinen Fraktionen kaum Hinterbänkler gibt. Mehr Termine ergeben mehr Stress. Man kann es drehen und wenden, wie man will.

Was den Kollegen Toepffer angeht, so bedauern alle, was ihm „passiert“ ist. Und vor allem, dass es herauskam.

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