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Aus der Stadt Das soll ein Notfall sein?
Hannover Aus der Stadt Das soll ein Notfall sein?
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00:26 16.02.2015
Notarzt Andreas Buck behandelt eine Patientin. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Männlich, 76, Schüttelfrost, Fieber“, sagt Andreas Buck, nachdem er einen Stapel Zettel durchgeschaut hat. „Das ist der Nächste.“ Taxifahrer Mohammad Rokhzan gibt die Adresse ins Navigationsgerät ein und fährt los. Es ist Mittwoch, 17 Uhr, und schon stehen zehn Patienten auf der Warteliste. Drei haben der Internist im fahrenden Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung und seine Auszubildende Sina Wolstedt bereits behandelt. Seit zwei Stunden ist Buck nun unterwegs: Pünktlich um 15 Uhr, wenn die Praxen am Mittwoch schließen, beginnt seine Schicht. Und genauso pünktlich kommen die ersten elf Anrufe. Fast als hätten sie nur darauf gewartet, dass der Hausarzt zumacht.

Neulich hat Feuerwehrchef Claus Lange herbe Kritik am Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung geübt: Dieser sei schlecht organisiert, daher die Notaufnahmen der Krankenhäuser ständig überfüllt. Andreas Buck will dazu nichts sagen. Man soll ihm einfach bei der Arbeit zusehen.

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Derweil wirkt die Notaufnahme des Klinikums Siloah verwaist. Nur zwei Patienten befinden sich gerade im Wartebereich. Eine ältere Dame sitzt schweigend mit einer Infusion auf einem Stuhl, der zweite Patient kommt gerade von der Toilette zurück. Für einen späten Mittwochnachmittag ist es ungewöhnlich ruhig - und dennoch ist die Notaufnahme abgemeldet. Das ist keine Seltenheit. Als Dr. Christian Dudel am Morgen um halb sieben seine Schicht in dem schicken Neubau angetreten hat, war das Klinikum bereits voll. „Wir hatten zu dem Zeitpunkt eine Auslastung von 101 Prozent“, sagt der Leiter der Notaufnahme. Im gesamten Krankenhaus gab es kein freies Bett mehr. Sogar die Behandlungsräume in der Notfallambulanz sind mit Patienten belegt. Trotz der Abmeldung wurden bis zum späten Nachmittag 39 Patienten in der Notaufnahme behandelt. „Kein Patient geht durch diese Tür, ohne von einem Arzt behandelt worden zu sein“, sagt Dudel.

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Vierter Stopp für den fahrenden Bereitschaftsarzt Buck ist um 17.07 Uhr am Sylter Weg, wo Claudia Pilates seit anderthalb Stunden wartet. „Mein Mann hat Schüttelfrost und war nicht ansprechbar“, sagt sie. Buck beginnt mit der Untersuchung. Schnell ist klar: Der Mann hat Grippe. Nach zehn Minuten sitzen Buck und Wolstedt wieder im Taxi. Jetzt können die beiden erst mal durchatmen und schnell die mitgebrachten Brote essen: Die Fahrt zum nächsten Fall, einer 69-jährigen Palliativ-Patientin, dauert 20 Minuten. Die Frau leidet unter Atemnot. Buck wird ihr ein Sedativum verabreichen, um den Todeskampf erträglicher zu machen. Zunächst aber kommt während der Taxifahrt ein weiterer Anruf rein - um 17.45 Uhr sind somit noch neun Fälle offen.

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Im Wartebereich des Siloah sitzt abends um halb sechs nur noch der Patient, der auf einen Facharzt aus der Urologie wartet. Die Dame mit der Infusion wurde mit einem Taxi nach Hause gebracht. Der Ambulanzleiter kann zurück in sein Büro, um den Papierkram abzuarbeiten. Wenn es wie jetzt ruhig ist, schaffen die beiden Internisten, die heute Spätdienst haben, die Arbeit zusammen mit den vier Pflegefachkräften auch allein. Vor etwa 30 Minuten ist ein 98-Jähriger mit Sturzneigung eingeliefert worden, er wartet in Behandlungsraum 3 auf den Doktor. Der kann nach der Untersuchung Entwarnung geben. Der Patient wird um kurz nach 18 Uhr nach Hause geschickt.

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Der nächste Anruf führt Bereitschaftsarzt Buck zur Hänselriede. Eine 55-Jährige klagt über starke Migräneanfälle. Der Anruf ist um 15.37 Uhr eingegangen - um 17.59 Uhr trifft Buck ein. Er verabreicht ein starkes Schmerzmittel, und schon geht es weiter zur Schulenburger Landstraße, wo drei Kinder mit Fieber auf ihn warten. Bei zwei von ihnen diagnostiziert Buck eine Mandelentzündung. Er verschreibt Antibiotika. „Beim nächsten Mal fahren Sie bitte in eine Bereitschaftspraxis“, bittet Buck die Eltern.

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„Die Ruhe ist wirklich ungewöhnlich“, sagt Assistenzärztin Anja Brinkmann. Denn normalerweise ist die Notaufnahme auch dann voll, wenn sie abgemeldet ist. Trotzdem haben Brinkmann und ihr Kollege gut zu tun: EKGs schreiben, Blut abnehmen, Medikamente verordnen. Die Patienten, die in den Behandlungsräumen untergebracht sind, müssen ebenso versorgt werden wie die, die im Aufnahmezentrum auf ihre Verlegung auf Station warten. Außerdem müssen Patientenakten bearbeitet werden. Und Brinkmann weiß: Die Ruhe kann ganz schnell kippen. Denn es ist nie abzuschätzen, was in ein paar Minuten passiert.

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Der nächste Anruf für den Bereitschaftsarzt kommt aus einer Altenwohnanlage an der Fischerstraße. Eine 86-Jährige hat starken Husten. „Ich dachte, ich kann mich selber auskurieren, aber es wird schlimmer“, sagt sie. Bucks Diagnose: Lungenentzündung. Als der Arzt nach einer Viertelstunde wieder am Taxi steht, klingelt das Handy: Ein Mann ruft bereits zum zweiten Mal an, um sich über die lange Wartezeit zu beschweren. Seine Mutter liegt mit Grippe auf dem Sofa. „Das muss noch warten - andere Anrufe sind dringlicher“, erklärt Buck und rät dem Sohn, seiner Mutter viel Flüssigkeit zuzuführen. „Wir fahren eine klare Triage“, sagt er. Bagatellen müssen warten.

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Um 18.20 fährt am Siloah ein Rettungswagen vor. Der Patient wird in Behandlungsraum 3 gebracht. Dort kümmern sich die Pflegefachkräfte um ihn. Etwa 30 Minuten später betritt auch Brinkmann den Behandlungsraum. Der Mann ist Dialysepatient und leidet an chronischem Durchfall. Das kann bei seiner Vorerkrankung schnell gefährlich werden. Doch auf der Intensivstation ist ein Bett freigeworden.

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Um 19.20 Uhr ist von Bereitschaftsarzt Buck weniger ärztliche Fachkompetenz als gutes Zureden gefragt: Ein 85-jähriger Demenzkranker hat seine Familie bedroht, die Tochter rief um 17 Uhr den Bereitschaftsdienst. Buck redet dem Mann und auch seiner Familie gut zu und verschreibt ein Beruhigungsmittel.

Die übernächste Station ist Ahlem. Dort untersucht der Internist eine schizophrene Frau mit Rückenschmerzen und Verstopfung. Gegen 20.17 Uhr ist dann auch der Mann an der Reihe, der sich schon zweimal beschwert hat. Seine Mutter liegt mit Grippe auf dem Sofa, sechs Erwachsene sitzen daneben und sehen fern. Fieber haben sie nicht gemessen, doch die Frau ist sich sicher, dass sie welches hat. „Sie muss trinken“, sagt Buck. „Sie will aber nicht“, erwidert der Sohn. Buck bleibt ruhig. Um 20.30 Uhr verlässt er die Familie.

Das Taxameter steht mittlerweile bei 224 Euro, die dem Arzt von seinem Gehalt abgezogen werden. Bis 2 Uhr behandelt er noch 16 weitere Patienten, zwei von ihnen muss er ins Krankenhaus einweisen. Später wird er sagen: „Rund ein Drittel der Patienten wäre in der Bereitschaftspraxis richtig gewesen.“

Dafür ist der Bereitschaftsdienst da

Damit Patienten, die nicht in Lebensgefahr schweben, auch außerhalb der regulären Sprechzeiten der Hausärzte versorgt werden können, organisiert die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) einen fahrenden sowie einen stationären Bereitschaftsdienst. Immer, wenn die niedergelassenen Ärzte Feierabend haben, sind diese Praxen im Krankenhaus Siloah, im Nordstadtkrankenhaus, in den Kliniken Gehrden und Großburgwedel sowie im Kinderkrankenhaus Auf der Bult erste Anlaufstelle für Erkrankte. Zusätzlich sind für alle Patienten aus Hannover, Laatzen und Hemmingen, deren Gesundheitszustand es nicht zulässt, das Haus zu verlassen, zwei Ärzte in Taxis einsatzbereit.

Wenn der Andrang von Patienten groß ist, wird noch ein dritter Arzt hinzugerufen. Der fahrende Bereitschaftsdienst ist bundesweit unter der einheitlichen Nummer 116 117 erreichbar. Bei Erkrankungen, die schon länger bestehen und keinen Akutfall darstellen, werden die Patienten jedoch gebeten, am kommenden Tag ihren Hausarzt aufzusuchen. Im Bereitschaftsdienst kann immer nur Notfallmedizin geleistet werden, um den Zeitraum bis zur Versorgung in den Sprechstundenzeiten zu überbrücken. Im vergangenen Jahr haben 57.141 Patienten aus Hannover und der Region die Bereitschaftspraxen der KVN aufgesucht – 24.498 baten um einen Hausbesuch. Eine Auflistung aller Bereitschaftspraxen gibt es unter
 www.arztauskunft-niedersachsen.de/arztsuche .

Von Lisa Malecha, Isabell Rollenhagen (Text), Tim Schaarschmidt und Michael Wallmüller

Bernd Haase 16.02.2015