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Aus der Stadt Übergriffe auf jüdische Tanzgruppe in Hannover: Die Täter und Opfer
Hannover Aus der Stadt Übergriffe auf jüdische Tanzgruppe in Hannover: Die Täter und Opfer
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20:07 14.07.2010
Von Thorsten Fuchs
Tatiana Ilchenko auf dem Sahlkampmarkt.
Tatiana Ilchenko auf dem Sahlkampmarkt. Quelle: Christian Burkert
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Ein paar Zufälle nur, und sie wären sich an ganz anderen Orten begegnet, unter anderen Umständen, es wäre ja möglich gewesen, es hätte gar nicht viel gebraucht. Dann hätten Tatiana und Ali* vielleicht in Alis Schule zusammen gesungen, „Mini mini bir kus donmustu“ oder eines der anderen Lieder, für die Tatiana einen deutschen Text gedichtet hat. Und Tatjana und Mohammed hätten sich ja auch im Freizeitheim begegnen können. Dann hätten sie vielleicht über die Probleme mit den Ämtern reden können oder darüber, wie es ist, mehr als ein Jahrzehnt in Deutschland zu leben und doch immer irgendwie am Rand zu stehen.

Aber diese Zufälle gab es nicht, und deshalb begegneten sie sich nicht in der Schule und nicht im Freizeitheim, sondern auf dem Sahlkampmarkt, beim Internationalen Tag, einem Stadtteilfest, am 19. Juni. Es ist kühl, Schauer wehen über den Platz, der Wind wirft einen weißen Baldachin um. Ein widriger Tag.

Tatjana Toporik trägt einen weißen Rock, eine weiße Bluse und ein blaues Tuch, als sie auf die Bühne geht. Die Farben Israels. Es ist 18.45 Uhr, nur wenige Menschen stehen vor der Bühne, ein paar Kinder und Jugendliche, aber Tatjana Toporik ist zu konzentriert, um sie zu beachten. Nicht alle aus der Gruppe sprechen so gut deutsch wie sie, deshalb erklärt sie dem Moderator, wer sie sind. Chaverim, die Tanzgruppe der Liberalen jüdischen Gemeinde. Chaverim heißt Freunde. Den ersten Tanz, Adama Admati, haben sie noch nicht oft geprobt, Tatjana Toporik achtet auf ihre Schritte. Den ersten Stein, den sie auf der Bühne entdeckt, kickt Tatjana Toporik mit dem Fuß weg. Muss wohl vom Aufbau liegen geblieben sein, denkt sie. Aber dann sieht sie noch einen Stein und noch einen und noch einen. Viel zu viele, um sie wegzukicken, und auf einmal entdeckt sie, dass die Steine dort nicht einfach liegen, sondern, dass sie auf sie zufliegen, auf sie und die anderen Tänzer. „Und dann habe ich Angst bekommen“, sagt Tatjana Toporik.Mohammed, Alis Cousin, steht unten, vor der Bühne. Seine Kumpel schubsen ihn gegen einen Mann, der neben ihm steht. Der schubst zurück. Fass mich nicht an, sagt Mohammed. Es wird hitzig.

Tatiana Ilchenko, auch eine Tänzerin, hört, wie ein junger Mann „Juden raus“ in sein Megafon ruft, sie sieht, wie Kinder in ihre Taschen greifen, Steine herausziehen und Richtung Tänzer werfen. Sie ist erschrocken, entsetzt, da muss doch jemand eingreifen, denkt sie.

Da nimmt auch Ali einen Stein. Und wirft.

Es ist eine Geschichte von Tätern und Opfern also – und ein Versuch, Antworten zu finden, drei Wochen, nachdem die Steinwürfe arabischstämmiger Jugendlicher auf jüdische Tänzer so viele in der Stadt aufgeschreckt haben und selbst Zeitungen in den USA und Israel darüber berichteten. Wie kann es sein, dass in Deutschland geborene Kinder beim Stichwort „Israelische Tänze“ zu Steinen greifen und auf Menschen werfen? Wie fühlen sich Juden, die auf einem multikulturellen Stadtteilfest mit „Juden raus“-Rufen empfangen werden und ihren Auftritt abbrechen müssen? Und wie groß ist die Kluft zwischen Einwanderergruppen geworden, wenn sich die einen vielleicht künftig in bestimmten Vierteln nicht mehr ohne besonderen Schutz zeigen dürfen?

Eine Erdgeschosswohnung im Sahlkamp, im Spessartweg. Dort, wo sich die Wohnblöcke fast trutzig gegen den Rest des Stadtteils stemmen. Die Tür zu der kleinen Terrasse ist offen, aber es dringt keine Kühle herein, zu kräftig scheint die Sonne durch die Scheiben. Ein Bild mit arabischen Schriftzeichen an der Wand, der Fernseher läuft, ein Kindersender, die Sofas sind voll besetzt. Seine Eltern sind da, der Onkel, Brüder, Cousins. Süßer Tee aus Gläsern, Walnusskekse, Großfamilienatmosphäre. Und mittendrin Ali.

Ali ist elf. Und er ist einer von 14 Verdächtigen, die die Polizei ermittelt hat. Aber was heißt „Verdächtiger“? Ali leugnet nicht, dass er dabei war. Ja, sagt er, er habe auch geworfen. „Aber nur einen Stein. Und getroffen habe ich auch nicht.“ Kleinlaut klingt das, nicht nach großer Geste. Was vielleicht daran liegt, dass er inzwischen bereut, was er getan hat. Oder es liegt an den vielen Verwandten um ihn herum. Andere hätten ihn angestiftet, sagt die Mutter.

Die K.s kommen aus dem Irak. Wobei mit der Herkunft eigentlich schon die Probleme beginnen. Alis Urgroßeltern sind nach Kuwait ausgewandert, um dort zu arbeiten, und deshalb haben auch Alis Eltern dort gelebt. Sie waren Iraker, die den Irak nie gesehen hatten, und nach dem Golfkrieg 1991 waren sie Iraker, die in Kuwait nicht mehr erwünscht waren, so wenig wie im Irak, in den sie nun geschickt wurden. Alis Vater hat in Kuwait als Fahrer beim Zoll gearbeitet, „gute Arbeit“, sagt er in seinem brüchigen Deutsch. Aber gute Arbeit hatten Alis Eltern nun so wenig wie ein Zuhause, und so sind sie mit ihren ersten drei Kindern nach Europa geflohen, nach Deutschland. „Sie wollten ein besseres Leben für uns“, sagt Fahd, Alis ältester Bruder. Das war die Hoffnung.

Tatiana Ilchenko wohnt nicht im Sahlkamp, sondern in einer Altbauwohnung in Vahrenwald, aber ein Satz, den sie sagt, klingt ganz ähnlich. „Ich wollte ein besseres Leben“, sagt die 47-Jährige, und überhaupt fällt es auf, dass ihre Geschichten bis zu einem gewissen Punkt ganz ähnlich klingen. Auch sie hat in einem Land gelebt, in dem sie nicht dazugehörte, das stand gewissermaßen schon in ihrem Pass. Unter „Nationalität“ stand dort nicht „Ukrainisch“, sondern „Jüdisch“. Sie kennt dieses Gefühl gut, nicht erwünscht zu sein, auch deshalb war sie so wütend.

Tatiana Ilchenko wurde nicht getroffen, aber die Steine, die Ali und die anderen warfen, galten auch ihr. Sie gehört zu der Tanzgruppe, und nur weil sie noch ein paar Kinder nach Hause bringen musste, stand sie diesmal neben der Bühne. Es war sie, die den Vorfall wahrscheinlich überhaupt erst bekannt machte. Sie schrieb noch am selben Tag eine E-Mail an Bekannte und Freunde, die immer weitergeschickt wurde, bis sie niemand mehr ignorieren konnte. „Ich war so wütend“, sagt sie. Auch deshalb, weil ihr manches so bekannt vorkam.

Als Tatiana Ilchenko ein Kind war, wurde sie von den anderen Kindern beschimpft, weil sie Jüdin war. Als sie die besten Noten hatte, blieb ihr die Medaille verwehrt, die sonst alle Kinder mit diesen Zensuren bekommen. Und bevor sie studieren durfte, musste sie ein Jahr als Schlosserin arbeiten.

Tatiana Ilchenko ist eine kleine Frau, deren kurze dunkle Locken den Eindruck jugendlicher Entschlossenheit noch verstärken und der Resignation einigermaßen fremd ist. Und so ging sie nach dem Studium zum Arbeiten nach Magadan, in den äußersten Osten Russlands. „Eine Stadt“, sagt sie lächelnd, „in der zwölf Monate Winter und den Rest Sommer ist“, gegründet einst als Straflager. Es war kalt, aber die Menschen hatten nichts gegen Juden. Zehn Jahre hielt sie aus, dann beantragte sie die Ausreise nach Deutschland. Die Ukraine war keine Alternative. „Ich wollte nicht mehr erleben, was ich in meiner Heimat erlebt hatte.“

Es war nicht alles leicht, als sie vor acht Jahren nach Deutschland kam. Ihr Studium wurde nicht anerkannt, für ein neuerliches erhielt sie kein Bafög. Aber sie lernte Deutsch und begann, Kurse zu geben, Kurse für Zuwanderer über deutsche Kultur an der VHS. Ilchenko legt eine DVD in den Rekorder, singende Kinder sind darauf zu sehen, ein Auftritt bei einem Stadtteilfest, Ilchenko steht neben ihnen, klatscht, singt mit. „Glücklicher Regenbogen“, so hieß das Projekt, für ein paar Monate finanziert von zwei Bezirksräten. „Russische, türkische, afrikanische, deutsche Kinder, alle singen zusammen Lieder aus verschiedenen Kulturen“, das war die Idee, und sie übersetzte die Texte. „Ich mag den Begriff ,Integration‘ nicht“, sagt sie, „ich weiß nicht, was er bedeutet.“ Aber im Grunde bemüht sie sich, ihm einen Sinn zu geben.

Ihre Geschichte ähnelt der von Tatjana Toporik, der Tänzerin, die in der Ukraine Ökonomie studiert hat, hier als Rechtsanwaltsgehilfin arbeitet und nebenbei im Freizeitheim Einwanderern bei Übersetzungen hilft. Ilchenko hat einen kleinen Job als Buchhalterin, weshalb sie auf Arbeitslosengeld II angewiesen bleibt. Dennoch sagt sie: „Ich war immer froh, hier zu sein.“

Es ist der Satz, den man bei Ali und seiner Familie nicht hört.

Es ist nun Abend im Sahlkamp, die K.s sitzen in dem schmalen Stück Garten hinter dem Wohnblock, weißer Rauch steigt vom Grill auf, und die Geschichten, die sie erzählen, handeln von Unzufriedenheit und auch von Wut.

Da ist Fahd, Alis Bruder, der älteste der sechs Geschwister. „Ich bin 29, seit 19 Jahren lebe ich in Deutschland, und dennoch habe ich nur eine Duldung. Das ist doch Schikane“, sagt er. Seit 2007 hat die Familie kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht mehr. Damals verloren viele Iraker ihren Flüchtlingsstatus, weil sich die Verhältnisse dort verändert hatten. Einige, die gut integriert waren, erhielten ein dauerhaftes Bleiberecht. Ob er einen Schulabschluss hat? „Nein. Hat damals leider nicht geklappt.“ Eine Schulung zum Landschaftspfleger habe er gemacht, aber Arbeit? Bekomme er nicht, wegen der Duldung, wie er sagt. Er sei krank geworden wegen der Situation, ein Schlaganfall, mit 27, sagt er.

Ein anderer Bruder von Ali ist 17 Jahre, der kräftige Oberkörper steckt in einem engen Muskelshirt. Wegen der Duldung dürfe er die Stadt nicht verlassen, nicht mal nach Langenhagen fahren. „Das ist wie im Knast.“ Ob er noch zur Schule geht? „Förderschulabschluss“, sagt er. Was er mal werden will? „Ich weiß es nicht.“ Bei der WM habe er jedenfalls immer den Gegnern von Deutschland die Daumen gedrückt. „Weil ich in diesem Land nie Spaß hatte.“ Der Vater sollte mal eine Stelle bekommen, als Putzmann. Aber als er anfangen wollte, wurde er nach Hause geschickt, weil er nicht aussah, wie man sich eine Reinigungskraft vorstellte.

Es gibt hier eine Menge solcher Geschichten, Geschichten von schwierigen Bedingungen, begrenzten Fähigkeiten und vom Scheitern, und wahrscheinlich haben sie eine Menge mit Ali und den Steinwürfen zu tun. Wer elf ist, sucht Vorbilder. Mohammed, Alis Cousin, ist 15, er trägt eine Schirmmütze und beherrscht die Posen der Rapper. „Alle hier im Viertel hassen Juden“, sagt er. Warum? „Ist eben so.“ In der sozialen Hierarchie muss es immer einen geben, der noch tiefer steht – und das sind hier, wo mehr als 80 Nationen in wenigen Blöcken zusammenwohnen, die Juden. Mohammed erzählt von der jüdischen Familie, die aus dem Viertel vertrieben wurde. Eines der Mädchen sei gezwungen worden, Sand zu essen. Sie erzählen das wie eine Anekdote, nicht wie etwas Skandalöses. Mohammed war bei dem Fest im Sahlkamp dabei. Er habe nicht geworfen, versichert er. Die Polizei führt ihn als Zeugen.

Ali hat eine Entschuldigung an die jüdische Tanzgruppe geschrieben. Eine unsichere Schrift, viele Fehler. Es tue ihm leid, dass er einen Stein geworfen habe. „Das war dumm von mir.“ Seine Eltern hätten sich sehr für ihn geschämt. Einen Monat lang dürfe er nicht weit von der Wohnung fort.

In der Tanzgruppe überlegen sie noch, welche Lehre sie nun ziehen sollen. Ob sie nur noch unter Schutz auftreten. Oder gar nicht mehr. Wobei für Tatjana Toporik die Entscheidung schon feststeht. „Wenn wir uns nun verstecken“, sagt sie, „dann wird dadurch doch auch nichts besser.“

* Name geändert

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