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Aus der Stadt Neue Namen braucht das Land
Hannover Aus der Stadt Neue Namen braucht das Land
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00:15 06.12.2013
Bald auch in Hannover ein Thema? Die Fläche vor dem Kuppelsaal ist nach Theodor Heuss benannt, der 1933 dem Ermächtigungsgesetz zustimmte. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Heinrich Sohnrey kommt weg: Im Seelzes Ortsteil Letter hat jetzt der Ortsrat beschlossen, den Sohnreyweg umzubenennen. Dem Schriftsteller werden in einem Gutachten der Uni Göttingen fremdenfeindliche und rassistische Tendenzen nachgewiesen, er habe sich auch nach Kriegsende nicht davon distanziert. Auch in Hannover gibt es eine Sohnreystraße (Südstadt). 

Theodor Heuss soll weg: In Ronnenberg ist aktuell eine Diskussion über die Rolle von Theodor Heuss entbrannt, angeschoben vom Bürgermeister Wolfgang Walther. Heuss war von 1949 bis 1959 der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland und ab 1948 auch erster Vorsitzender der FDP. Er hatte aber - im Gegensatz zu den Sozialdemokraten - am 23. März 1933 im Deutschen Reichstag dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt, das als rechtliche Grundlage der nationalsozialistischen Diktatur gilt. Ronnenbergs Bürgermeister Walther, dessen Amtszeit zum Jahreswechsel endet, findet, dass Heuss vor diesem Hintergrund zu viel geehrt werde. Nach ihm sind eine Straße und eine Schule benannt - zumindest die Schule könne umbenannt werden, hat Walther jüngst gesagt und den Schritt als „Geschichtsunterricht“ bezeichnet. Vor allem von der FDP in Ronnenberg hagelt es Kritik. Auch in Hannover gibt es den Theodor-Heuss-Platz (Zooviertel).

Bernd Rosemeyer darf bleiben: Im Laatzener Ortsteil Rethen hingegen haben die Kommunalpolitiker entschieden, eine nach dem Rennfahrer Bernd Rosemeyer benannte Straße nicht umzubenennen - obwohl dieser 1937 ehrenhalber zum SS-Hauptsturmführer ernannt worden war. Ein ehemaliger Stadtarchivar hatte unter anderem anhand von Zeitungsquellen belegt, dass Rosemeyer im NS-Staat keine anderen Menschen denunziert oder ihnen geschadet habe. Offenbar hätten die Nazis seine Prominenz für ihre Ziele missbraucht.

Erich II. ist umstritten: In den Diskussionen geht es nicht nur um Verstrickungen in der Nazi-Zeit. In Neustadt gab es im Sommer eine Debatte um Herzog Erich II. (1528-1584), Namensgeber der Herzog-Erich-Allee und des Parks am Erichsberg. Er hat Hexenverbrennungen durchführen lassen - mindestens zehn Frauen sollen ihnen zum Opfer gefallen sein, andere Quellen sprechen von bis zu 41 Opfern. Die Umbenennungsdiskussion wird aber nicht mehr weiterverfolgt.

Im Stadtgebiet Hannover ist zuletzt im November die Lettow-Vorbeck-Allee (Badenstedt) gegen den erbitterten Widerstand von Anliegern umbenannt worden. Nach sechs Jahren Streit bis hin zum Oberverwaltungsgericht setzte die Stadt durch, dass der Generalmajor aus der Kolonialzeit der Ehre einer Straßenbenennung nicht würdig ist. Er hatte in Afrika- und China-Feldzügen schwere Kriegsverbrechen und Hochverrat begangen und die Verstöße gegen die Menschlichkeit auch später noch als richtig verteidigt. Die Straße heißt jetzt Namibiaallee.

Es dürfte nicht die letzte Straße in Hannover gewesen sein, die einen anderen Namen bekommt. Ein von der Stadt eingesetzter Beirat soll 400 „namensgebende Persönlichkeiten“ auf Verstrickungen in der Nazi-Zeit untersuchen. Anlass ist die Diskussion über die Rolle des ersten Nachkriegs-Ministerpräsidenten Hinrich Wilhelm Kopf. Ein Gutachten hatte festgestellt, dass er stärker vom Nazi-Regime profitiert hat, als er vor dem Landtag zugegeben hatte.

Die Stadt Hannover wollte mit dem Einsetzen des Beirats erreichen, dass nicht ständig wieder aufgrund einzelner Gutachten öffentliche Diskussionen über Persönlichkeiten hochkochen, sondern in einem gebündelten Prozess nach festgelegten Kriterien Bewertungen vorgenommen werden, über die die Kommunalpolitiker dann entscheiden können. Die erste Sitzung des Beirats musste zu Wochenbeginn wegen Formfehlern sehr kurzfristig abgesagt werden (siehe Extrabericht). Die Stadt hofft aber, dass das Gremium trotzdem noch vor Weihnachten seine Arbeit aufnehmen kann.

ker/sar/vw/dj/rb

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