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Aus der Stadt Wem gehört Hannovers Innenstadt?
Hannover Aus der Stadt Wem gehört Hannovers Innenstadt?
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00:25 07.03.2015
„Weder vermehrte Beschwerden bei unseren Mitarbeitern, noch eine wahrnehmbar gestiegene Zahl von Bettlern“: Die Stadt sieht kein eklatantes Bettler-Problem.
„Weder vermehrte Beschwerden bei unseren Mitarbeitern, noch eine wahrnehmbar gestiegene Zahl von Bettlern“: Die Stadt sieht kein eklatantes Bettler-Problem. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Alfred Link macht den Job nicht erst seit Mittwoch, und er ist kein Mann, der zu Übertreibungen neigt. Seit zehn Jahren steht er als Wachmann vor dem Eingang eines hannoverschen Juweliers, Tag für Tag sieht er Menschen jeder Größe und Farbe die Georgstraße entlanglaufen. Er sieht, wie sich am Abend nach Ladenschluss Obdachlose auf den Bänken niederlassen, nicht in Massen, aber doch der eine oder andere. Und wie sie morgens, kurz vor Öffnung der Geschäfte, still und leise wieder verschwinden. Das ist das eine Thema.

Link sieht auch, wie Bettler Passanten um Almosen angehen. Nicht passiv, wie es zu dulden wäre, sondern „aggressiv“, wie es offiziell heißt. Und wenn man ihn fragt, ob diese aggressive Bettelei in den vergangenen Jahren zugenommen hat, sagt er gelassen, aber entschieden: „Ja, ganz klar.“ Das ist das zweite Thema.

Wem gehört die Innenstadt?

Beide Themen sind so alt wie die Innenstadt selbst, und beide flammen regelmäßig auf, gerne im Frühjahr, wenn die Witterung danach ist. Beide haben jedoch in diesen Tagen eine besondere Wendung bekommen und befeuern eine Diskussion, die man leidenschaftlich führen und bei der man wunderbar aneinander vorbeireden kann. Nämlich diese: Wem gehört die Innenstadt?

Dass die Debatte um Obdachlose in dieser Woche hochgekommen ist, hat mit Fotos zu tun, die Martin Prenzler auf der Jahreshauptversammlung der City-Gemeinschaft gezeigt hat. Prenzler, Geschäftsführer des Händlerzusammenschlusses, hatte dort in dieser Woche Bilder von Innenstadtbänken in anderen Städten an die Wand geworfen. Es ging ihm darum, dass viele Kunden in der City gern mehr Gelegenheiten zum Sitzen hätten. Hängen geblieben ist bei manchen dagegen etwas, was Prenzler eher im Nebensatz gesagt hat: dass die Bänke nämlich so konstruiert sind, dass man gut auf ihnen sitzen kann - aber schlecht darauf liegen. Weil es nicht im Interesse der Händler sein kann, dass Obdachlose sich dort auf Dauer niederlassen.

Prenzler zeigt sich schockiert

Die Reaktionen darauf haben Martin Prenzler „schockiert“, wie er sagt. Im Internet stimmten ihm zwar viele zu. Ebenso viele aber fielen über ihn her und bezichtigten ihn der Unmenschlichkeit, und bei der Verdi-Demonstration am Mittwoch in der Innenstadt spuckten ihm ein paar Jusos vor die Füße. All das geht Prenzler auch deswegen nahe, weil seine Händlerkollegen ebenso wie er selbst sich in vielerlei Weise für Obdachlose engagieren. „Wir machen Streetwork, ich selbst spreche regelmäßig mit den Menschen im Kontaktladen Mecki, und wir sind immer bereit, den wirklich Bedürftigen zu helfen“, sagt Prenzler. Aber er sagt eben auch, dass Bänke „Sitzgelegenheiten“ sein sollen „und keine Stätten für hausierende Zustände“.

Die hannoverschen Grünen stimmen ihm da zu. Bänke ausdrücklich ohne Liege­qualität seien zwar ein wenig unfreundlich. „Es darf aber niemand Bänke dauerhaft belegen, gewissermaßen auf ihnen wohnen“, sagt Fraktionschefin Freya Markowis. Die SPD begrüßt den Vorstoß der City-Kaufleute, die Aufenthaltsqualität der Innenstadt zu steigern. „Ich weiß aber nicht, ob die Gestaltung der Bänke dafür ausschlaggebend ist“, sagt SPD-Fraktionschefin Christine Kastning. Selbst wenn ein Mensch in einer Notlage eine Bank zur Schlafstatt wählt, „dann sei das eben so“, sagt Kastning.

Wie muss Hannover mit Armut und Obdachlosigkeit umgehen?

Weil es hagelt an diesem Nachmittag, haben sich am Mittwoch jene, die sich sonst tagsüber mit ihren Bier- und Schnapsflaschen rund um den Raschplatz verteilen, ans Ende der überdachten Passerelle zurückgezogen. Dort stehen oder sitzen sie in Dreier- und Vierergruppen, mancher mit einem großen Rucksack zu Füßen. Es sei natürlich „eine Sauerei“, wenn sie demnächst so gar keinen Platz mehr zum Schlafen hätten, sagt einer. „Aber ich kann auch verstehen, dass die Händler keine schlafenden Leute vor der Tür liegen haben wollen“, sagt sein Bekannter. „Wer kommt denn da noch rein?“

Man könnte also trefflich darüber diskutieren, wie eine moderne Großstadt mit urbanen Phänomenen wie Armut und Obdachlosigkeit im Stadtbild umgehen muss. Martin Prenzler würde lieber darüber diskutieren, dass es in Hannover nicht genügend Unterkünfte für arme Menschen gibt, wie er meint. Die Unterbringung in Wohnheimen lehnen viele von ihnen wegen der oft unmöglichen Bedingungen dort ab. „Und eine Wohnung ist für sie meist nicht zu bekommen.“

Organisierte Trupps ziehen durch die City

Interessant ist, dass die Stadt keine Obdachlosen beobachtet, die Bänke tagsüber dauerhaft in Beschlag nehmen oder sogar auf ihnen nächtigen, wie Stadtsprecher Udo Möller sagt. „Es ist also nicht ersichtlich, warum man Bänke ,liegeunfreundlich‘ gestalten müsste.“ Wachmann Alfred Link fiele zu dieser Beobachtung sicher einiges ein. Vielleicht schaut die „Servicegruppe Innenstadt“, wie diese Abteilung des Ordnungsamtes heißt, ja mal bei ihm vorbei.

Diese Servicegruppe Innenstadt ist auch mit dem zweiten Streitthema dieser Tage befasst, dem aggressiven Betteln - und sieht darin kein großes Problem. Die Stadt jedenfalls konstatiert auf Nachfrage, dass „auffallend aggressives Betteln im Moment nicht beobachtet“ wird, wie Stadtsprecher Möller sagt. Das sehen die hannoverschen Händler anders. Wer sich mit ihnen unterhält, hört detaillierte Berichte von organisierten Trupps, die jeden Morgen in einem schwarzen Kleinbus in die Stadt gefahren werden, „aufrecht gehend und fröhlich“, wie es heißt, um sich dann Krücken unterzuschnallen und sich in der City zu verteilen. Und davon, dass diese Trupps abends wieder abgeholt werden. Alle paar Monate, wenn die Umsätze zurückgingen, würden die Mannschaften ausgetauscht, etwa die aus Hamburg nach Hannover gefahren und umgekehrt. Vieles davon deckt sich mit den Beobachtungen von Wachmann Link. „Das sind immer ein paar Monate lang dieselben fünf, sechs Leute, und dann kommen fünf, sechs neue.“

Liegt es an der Wahrnehmung?

Es sei ein offenes Geheimnis, dass organisierte Banden von Bettlern in der Innenstadt ihrem Geschäft nachgehen, sagt CDU-Ratsherr Jens-Michael Emmelmann. Er ist sich auch sicher, dass es durchaus Bettler gibt, die Passanten am Ärmel ziehen, ihnen nachlaufen und sie vehement ansprechen. „Ein solches Betteln ist rechtlich nicht erlaubt. Die Stadt muss es unterbinden“, sagt Emmelmann. Die sagt: „Es gibt weder vermehrte Beschwerden bei unseren Mitarbeitern, noch eine für uns wahrnehmbar gestiegene Anzahl von Bettlern.“

Vielleicht liegt die unterschiedliche Wahrnehmung daran, dass die Servicegruppe Innenstadt nicht so furchtbar groß ist. In zwei Schichten gehen die Stadtmitarbeiter jeweils zu zweit eine Fläche ab, die vom Südufer des Maschsees bis zum Lister Platz reicht. „Das ist viel zu wenig Personal“, klagt Prenzler.

Alfred Link zuckt die Achseln. Er weiß nur, dass hin und wieder Passanten zu ihm kommen und ihn bitten, an irgendeiner Ecke der Fußgängerzone zu helfen und aufdringliche Bettler zu vertreiben. Das aber kann er nicht. Alfred Link ist für den Bereich vor dem Juwelier zuständig, er ist nicht die Stadt und er ist nicht die Polizei. Er sieht nur, was er sieht, seit zehn Jahren.

Von Felix Harbart und Alexander Schinkel

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