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Aus der Stadt Unterwegs mit Hannovers Sperrmüllabfuhr
Hannover Aus der Stadt Unterwegs mit Hannovers Sperrmüllabfuhr
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09:50 11.03.2015
Viel zu schleppen: Müllwerker tragen täglich mehrere Tonnen alter Möbel, Teppiche und andere Haushaltsgegenstände  zu ihren Müllwagen.
Viel zu schleppen: Müllwerker tragen täglich mehrere Tonnen alter Möbel, Teppiche und andere Haushaltsgegenstände  zu ihren Müllwagen. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Edwin Loll bleibt ruhig. Der Müllwerker des Abfallwirtschaftsbetriebs Aha steht mit seinem Sperrmüllwagen in der Schaufelder Straße, neben ihm hält noch ein zweiter Sperrmüllwagen. Gemeinsam mit zwei Kollegen räumt Loll einen Haufen aus schimmeligen Matratzen und feucht gewordenen Schrankteilen nach und nach in die beiden Fahrzeuge. All das regt einen Autofahrer schrecklich auf. Er drückt auf die Hupe, wieder und wieder, weil andere Autos vor ihm nur ganz langsam zwischen den Müllwagen und den parkenden Autos auf der anderen Straßenseite vorbeifahren.

Von alten Sofas, Ratten und Hupkonzerten: Edwin Loll und und Martin Schaper bleiben ruhig. Wir haben die beiden Müllwerker von „aha“ bei ihrer Arbeit begleitet.

„Die Hupe funktioniert“, sagt Loll trocken, grinst und greift nach zwei Regalteilen aus Presspappe. „Alles, was aus Holz ist, kommt in einen Wagen, der Rest auf das andere Fahrzeug“, sagt Loll. Der 61-Jährige ist der Vorarbeiter der kleinen Sperrmüllkolonne, die an diesem Tag in der Nordstadt und in Herrenhausen unterwegs ist.

„Die Ungeduld der Autofahrer wird immer schlimmer“, sagt Loll. „Wir können uns ja nicht in Luft auflösen.“ Aber anstatt einfach ein, zwei Minuten zu warten, beginnen viele Fahrer ein Hupkonzert. Um sich nicht zu ärgern, hat Loll sein eigenes Rezept gefunden: „Ich nehme das nicht persönlich und höre da einfach nicht mehr hin.“

Seit 6.30 Uhr sind Loll und seine beiden Kollegen unterwegs. 48 Adressen stehen auf einem Blatt Papier in Lolls Fahrerkabine. Das sind die Häuser in der Nordstadt und Herrenhausen, vor deren Türen an diesem Tag der Sperrmüll stehen soll. Meist sind es Schrankteile, alte Küchen, Sofas oder Matratzen, die an der Straße stehen. Die Abholung von Sperrmüll in der gesamten Region Hannover ist kostenlos.

„Könnten wir gut schaffen“, sagt der Vorarbeiter, als es losgeht. Doch in der Dorotheenstraße ist es mit dem Optimismus erst einmal vorbei. Dort hat jemand seinen alten Wohnzimmerschrank entsorgt, Stilrichtung Gelsenkirchener Barock. Einige der Schrankteile sind länger als vier Meter, eigentlich viel zu lang für den Sperrmülltrupp. Denn länger als zwei Meter dürfen die einzelnen Stücke für den Sperrmüll eigentlich nicht sein – denn breiter ist die Ladeklappe nicht. Aber Loll und seine Kollegen drücken beide Augen zu und entsorgen den Schrank trotzdem. Dort macht ihnen ein weiteres Problem zu schaffen: Die parkenden Autos stehen an dieser Stelle so dicht am Straßenrand, dass die Männer die Schrankbretter mühsam zwischen den engen Lücken hindurchschleppen müssen. Das beobachtet ein Anwohner, der sich offenbar Sorgen um seinen dort geparkten Wagen macht. „Soll ich das Auto wegfahren?“, fragt er. „Wir schaffen das so“, antwortet Loll.

Den Ablauf auf dem Zettel ignoriert der Vorarbeiter. Nach zwanzig Jahren am Steuer eines Sperrmüllwagens kennt er sich so gut in Hannover aus, dass er den besten Weg selbst im Kopf plant. „Ein Navi brauche ich nicht“, sagt er. „Ich bin ohne Navi schneller.“

In der Malortiestraße ist es mit der Nachsicht vorbei. Außer einem alten Küchenunterschrank, einer Matratze und einem alten Wäscheständer stehen dort auch zwei Farbeimer. Die Müllwerker lassen die Eimer stehen, Loll ruft deswegen in der Zentrale an: „Hallo Rebecca, in der Malortiestraße haben wir zwei Kanister mit Flüssigkeit stehen gelassen, ansonsten ist der Sperrmüll weg“, sagt er. Die Aha-Mitarbeiterin sagt kurz, dass sie den Bürger, der den Sperrmüll bestellt hat, anrufen wird. Dann ist das Gespräch beendet.

Schöne Dinge, die Loll und seine Kollegen selbst behalten möchten, statt sie in die Wagen mit der Presse zu werfen, finden sie in den letzten Jahren nicht mehr. „Früher gab es vielleicht mal ein schönes, kleines Schränkchen“, berichtet er. Aber heute seien die Möbel häufig so konstruiert, dass man sie nur ein einziges Mal vernünftig zusammenbauen könne. Das führe dazu, dass Leute bei einem Umzug oft fast ihr ganzes Mobiliar wegschmeißen. Und das landet dann auf den beiden Wagen der Sperrmüllkolonne.

Als Loll kurz vor Feierabend über die Waage des Geländes an der alten Deponie Lahe fährt, hat er 3,7 Tonnen Altholz geladen, Seine zwei Kollegen mit dem anderen Wagen bringen etwas mehr als vier Tonnen auf die Deponie. Sie fahren in die sogenannte Sperrmüllhalle und laden dort ab. In der Sperrmüllhalle wird das Metall mit Magneten herausgesucht, anschließend werden Sofas und Matratzen in der benachbarten Müllverbrennungsanlage verbrannt. Das eingesammelte Holz wird geschreddert und dann etwa in der Spanplattenproduktion oder in der Papierindustrie weiterverwendet.

Loll kippt seine 3,7 Tonnen Altholz auf einen riesigen Holzstapel. „Es reicht für heute“, sagt er und macht die Ladeklappe sauber.

Der Vorarbeiter macht einen zufriedenen Eindruck. Er mag seinen Beruf. Aber es gibt auch immer Unangenehmes. Die Ratten etwa, die ihm hin und wieder aus den Sperrmüllstapeln entgegenlaufen. „Das passiert schon mal, wenn zum Beispiel Teppichreste ein paar Tage an der Straße liegen“, sagt er. „Die laufen ja weg, aber komisch ist das trotzdem.“

Aber an Ratten will der 61-Jährige jetzt gar nicht mehr denken. Denn jetzt ist Feierabend.

Von Mathias Klein

13.03.2015
Michael Zgoll 10.03.2015