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Aus der Stadt "Beim geringsten Zweifel halte ich den Finger gerade"
Hannover Aus der Stadt "Beim geringsten Zweifel halte ich den Finger gerade"
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00:18 22.10.2017
Ein mit Mais gefüllter Baumstamm soll die Tiere anlocken. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Es ist noch dunkel, als Heinz Pyka morgens um 6 Uhr sein Auto auf dem Parkplatz vor der Radrennbahn in Döhren verlässt. Die Morgenluft ist kalt. Man sieht: nichts. Mit dem Jagdgewehr über der Schulter bahnt sich der 66-Jährige vorsichtig den Weg durch die nassen Wiesen. Sein Ziel ist ein selbst gebauter Hochsitz, versteckt hinter Büschen. „Ich bin extra so früh hier, damit die Tiere mich nicht kommen sehen“, flüstert er, während er auf die drei Meter hohe Holzkonstruktion klettert. Kissen und Waffe liegen bereit - die Jagd beginnt.

Auf der Pirsch mit Jäger Heinz Pyka.

„Er ist seinen Jagdschein los“

Wenn die Sonne aufgeht, sollen Rehe, Wildschweine, Hasen, Biber und Waschbären das Feld vor ihm beleben - alles, was der Jagdschein zum Abschuss freigibt. In der Mitte der Fläche hat Pyka einen hohlen Baumstamm mit Mais befüllt. Kommen die Tiere dorthin, wird er schießen. Doch es passiert nichts. Gar nichts. „Die Jagd hat etwas Meditatives. Die Menschen können heute selten ruhig sitzen bleiben“, sinniert er. Ein Jogger läuft wenige Meter entfernt seine Runden auf einem der Waldwege. „Im Stadtgebiet muss man besonders aufpassen“, sagt Pyka. Dass im Heidekreis kürzlich ein Jäger aus Versehen ein Islandpferd erschossen hat, lässt ihn den Kopf schütteln. „So etwas darf nicht passieren. Der Mann ist seinen Jagdschein los.“

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Oberste Leitlinie für jeden Jäger sei, nur zu schießen, wenn er genau identifizieren könne, auf was er schießt. „Beim geringsten Zweifel lasse ich den Finger grade“, betont Pyka. Auf Jagd habe er selbst einmal gedacht, ein großes Tier an einem Bachlauf zu sehen. „Tatsächlich war es ein Vater mit zwei Kindern in schwarzen Regenjacken.“ Pyka schoss nicht. Auch die drei Rehe, die an diesem Morgen vor ihm in 200 Meter Entfernung im Gras und Nebel stehen, können ebenfalls weiter äsen. „Ich erkenne sie, aber die Schussdistanz wäre mir zu weit und zu gefährlich.“

Waschbären am Maschsee

Seit 1995 hat Pyka seinen Jagdschein. 900 Hektar Stadtgebiet nennt er sein Revier. Die Wiese, die er gerade im Visier hat, zählt zu den 250 Hektar Freifläche, auf der eine klassische Jagd möglich ist. Klassisch - das heißt: mit dem Gewehr vom Hochsitz aus. Fünf bleifreie, 10,7 Gramm schwere Kupferpatronen hat er dabei. Brauchen würde er nur eine - ein Schuss und die Wiese wäre ohnehin leer.

Auch mitten in der City jagt Pyka. „Für die Wohngebiete brauche ich allerdings Ausnahmegenehmigungen“, sagt der erfahrene Jäger. Dort kommt nicht das Jagdgewehr zum Einsatz. Pyka arbeitet mit Fallen und mit kleineren Waffen. Der Müll und die Ratten verwandelten die Straßen in ein Paradies für Waschbären. In der Nähe des Maschsees - „zu den Klängen der Rolling-Stones-Coverband beim Maschseefest“ - habe er vergangenes Jahr ein Wildschwein geschossen. Füchse bevölkern lieber das Stadion von Hannover 96: „Wir haben eine Gans als Köder aufs Spielfeld gelegt, und die Füchse kletterten nachts über die Sitzschalen.“ Kaninchen wiederum seien auf Friedhöfen ein Ärgernis - „wir schicken ein Frettchen in den Bau und einen Habicht in die Luft“.

300 Meter Sicherheitsabstand zu Wohngebieten sollen Jäger bei der klassischen Jagd einhalten. Zeitbeschränkungen gibt es nicht - theoretisch dürften die Jäger 24 Stunden lang schießen. Das aber macht keiner. So ist etwa das Jagen mit Nachtsichtgeräten bei vielen Jägern verpönt. Eine Frage der Moral: „Ich finde, die Tiere sollen ja auch eine Chance bekommen.“ Bei jedem Schuss muss garantiert sein, dass eine verirrte Kugel niemanden anderen verletzen kann. „Unsere Geschosse sind auf sieben Kilometer hinweg tödlich. Deshalb schießen wir von oben, damit die Kugel im Boden stecken bleibt.“ Die Auflagen für die Jäger seien streng: „Wenn ich angetrunken am Steuer erwischt werde, ist der Jagdschein weg.“

„Jagd gehört zur Natur“

Die gängige Kritik, Jäger würden aus Spaß töten, kennt der Hannoveraner. „Dabei gibt es die Jagd seit Urzeiten, sie gehört zur Natur“, betont Pyka. Vor allem in der Stadt hätten die Menschen dieses Verhältnis zu Leben und Tod verloren. Schieße ein Jäger in der Stadt ein Tier, heiße es immer: „Wie traurig. Warum musste das nur sterben?“ All das Mitleid aber ende meist mit dem dritten Marderbefall am Auto: „Dann kommen die Anrufe, ob ich den Marder nicht töten könne“, erzählt Pyka und zwinkert.

Für ihn ist es wichtig, Tiere nicht künstlich zu vermenschlichen. Und trotzdem müssten sich auch Jäger die Ehrfurcht vor dem Töten bewahren. „Ich schieße gut, und ich will, dass das Tier den Schuss nicht mitbekommt“, sagt Pyka. Einen Rehbock auf der Wiese zu schießen, das belaste ihn nicht. „Er ist anonym, und ich werde von den Tieren auch nicht mit dem Schuss in Verbindung gebracht.“ Anders sei das, wenn er zu verunfallten Tieren auf den Schnellweg gerufen werde: „Dann muss ich dem verängstigten Reh, das mit gebrochenen Beinen noch versucht zu fliehen, in die Augen schauen, wenn ich es töte.“

Der 66-Jährige ist überzeugt, dass die Jagd wichtig ist für den Natur- und Tierschutz. „Aber es geht mir auch um das gesunde Fleisch und die Technik der Waffen“, sagt er frei heraus: „Dafür schäme ich mich auch nicht.“ Dennoch würde er längst nicht auf alles schießen, was sich anbietet. Wer so viele Jahre ein Revier bejage, kenne die Tiere. Eine Wildschwein-Bache mit ihren Jungen schaut der 66-Jährige lieber durch sein Fernglas an. „Darauf würde ich nie zielen. Die Jungen brauchen ihre Mutter und das ist niedlich anzusehen.“ Die alte Ricke mit nur einen Ohr, die jahrelang durch sein Revier sprang, mochte er gern - nie ging ein Schuss in ihre Richtung.

Auch an diesem Morgen fällt letztlich kein Schuss. Die Wiese bleibt leer. „Ich hab wohl zu viel erzählt“, sagt Pyka, sichert seine Waffe und spaziert zufrieden zurück in Richtung Parkplatz.

Jagen wird immer beliebter

54.000 Mitglieder zählt die Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN) aktuell – Tendenz steigend. „Ein Nachwuchsproblem haben wir nicht“, betont LJN-Sprecher Florian Rölfling. Allein 2016 haben 3410 Niedersachsen die Jagdprüfung bestanden. Das sind rund 140 mehr als im Jahr zuvor. Niedersachsen ist damit Spitzenreiter in Deutschland. Inzwischen ist jeder zehnte Jagdberechtigte eine Frau. Die Motive, die Jagdprüfung abzulegen, sind laut Rölfling ganz unterschiedlich: Die Liebe zur Natur, die Freude am Schießen, das Interesse an der Hundeausbildung, aber auch der Wunsch, sich selbst mit Wildfleisch zu versorgen, würden oft genannt.

Die Jägerschaft Hannover teilt sich auf vier Hegeringe auf, in denen insgesamt 550 Mitglieder aktiv sind. Der jährliche Vorbereitungskurs auf die Jagdprüfung, der stets im November startet, ist restlos ausgebucht. Rund 1000 Euro müssen Interessierte investieren, um für die Prüfung gewappnet zu sein.

Von Carina Bahl

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