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Aus der Stadt Verdi droht mit wochenlangen Kita-Streiks
Hannover Aus der Stadt Verdi droht mit wochenlangen Kita-Streiks
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19:09 06.04.2015
Im Streik: Am Dienstag bleiben kommunale Kitas geschlossen.
Im Streik: Am Dienstag bleiben kommunale Kitas geschlossen. Quelle: dpa
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Hannover

Familien müssen sich möglicherweise auf wochenlange Streiks in den Kindertagesstätten einstellen. Am Dienstag haben bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr 250 kommunale Kitas in Hannover und dem Umland geschlossen. Verdi-Chef Frank Bsirske kündigte an, dass es derzeit auf eine „scharfe Konfrontation“ zusteuere, wenn die kommunalen Arbeitgeber weiterhin kein Angebot zur besseren Bezahlung von Erziehern machen würden. Derzeit seien die Tarifpartner weiter auseinander als bei den Verhandlungen 2009, sagte Bsirske. Damals sei zwölf Wochen gestreikt worden.

Die dritte Verhandlungsrunde zwischen der Gewerkschaft Verdi und den kommunalen Spitzenverbänden ist am Donnerstag in Düsseldorf. Danach könne es zu einer Urabstimmung und damit zu weiteren Streiks kommen, sagte Ulf Birch, Verdi-Sprecher in Niedersachsen. Der Schwerpunkt der Streiks in Niedersachsen liegt Dienstag in Hannover, Nienburg und Hildesheim, ebenso auch in den Gebieten Wolfsburg, Braunschweig und Göttingen. Am Mittwoch soll der Bereich Weser-Ems bestreikt werden.

Verkehr durch Kundgebung beeinträchtigt

Die streikenden Erzieher treffen sich am Dienstag um 11.45 Uhr zu einer Kundgebung auf dem Kröpcke, berichtet der niedersächsische Sprecher der Gewerkschaft Verdi, Ulf Birch. Um 11 Uhr starten Demonstrationszüge am Waterlooplatz und am Goseriedeplatz in Richtung Kröpcke. Deshalb ist am späten Vormittag in Teilen der Innenstadt von Hannover mit Verkehrsbehinderungen zu rechnen. Verdi rechnet mit bis zu 1200 Teilnehmern. „Kollegen aus umliegenden Städten wie Nienburg und Schaumburg werden anreisen“, sagt Gewerkschaftssekretärin Birgit Schütte. Vom Streik betroffen sind auch weitere soziale Einrichtungen der Kinder- und Jugendpflege, wie zum Beispiel Jugendzentren. Die Stadt geht jedoch davon aus, dass dort der Betrieb aufrechterhalten werden kann.

Der Kita-Stadtelternrat in Hannover zeigt Verständnis für die Forderung der Erzieher nach einem kräftigen Lohnzuwachs. „Wir appellieren aber an die Verantwortlichen, bei mehrtägigen Streiks Notgruppen einzurichten“, sagt der Sprecher des Gremiums, Georg Weil. Schließlich sei es für berufstätige Eltern schwierig, eine private Kinderbetreuung über mehrere Tage zu organisieren. Kinder wiederum sehnten sich nach einem geregelten Alltag. Für den Streik habe sich ein Notdienst nicht mehr organisieren lassen, hieß es vonseiten der Stadt Hannover. Weil rät allen Eltern, sich die Streiktage zu notieren und bei der Stadt eine Erstattung der Beiträge zu verlangen.

Die Gewerkschaften wollen nicht nur eine Lohnerhöhung, sondern eine komplette Neubewertung des Erzieherberufes angehen. Das sei 2009 zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften verabredet worden, sagte Ulf Birch. Mit einer Neubewertung der Arbeit gehe auch eine höhere Bezahlung einher. Das belaufe sich je nach Tätigkeit und Berufsgruppe auf ein Lohnplus von 5 bis 15 Prozent, im Schnitt also zehn Prozent. Die kommunalen Arbeitgeber hätten diese Diskussion bislang abgeblockt.

Die pädagogischen Anforderungen im Sozial- und Erziehungsdienst seien signifikant gestiegen, sagte Verdi-Chef Bsirske. Erzieher müssten Bildungspläne für jedes Kind aufstellen, Eltern- und Integrationsarbeit leisten. „Dieser Bereich wird wichtiger für die frühkindliche Bildung, für die Chancenentwicklung, für die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, für die Inklusion.“ Das Argument fehlender Finanzen bei den kommunalen Arbeitgebern will Bsirske nicht gelten lassen. Die Steuereinnahmen von Bund, Ländern und Kommunen seien deutlich gestiegen - und das setze sich nach allen Prognosen in den nächsten Jahren fort. „Wenn wir solche Argumente akzeptierten, könnten wir uns mit der Aufwertung der sozialen Berufe gleich auf zwei bis drei Jahrzehnte vertagen. Das können wir uns gesellschaftlich nicht leisten“, sagte der Verdi-Chef.

Insgesamt geht es bundesweit um 240 000 Kinderpfleger, Erzieher und Sozialarbeiter in kommunalen Einrichtungen. Indirekt sollen von einem Tarifergebnis auch mehr als 500 000 Beschäftigte bei freien und kirchlichen Trägern profitieren, da Tarifverträge hier übernommen werden oder als Orientierung dienen.

Von Heiko Randermann und Andreas Schinkel

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