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Aus der Stadt Genie auf dem Örtchen
Hannover Aus der Stadt Genie auf dem Örtchen
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20:25 31.10.2014
Von Simon Benne
„Furchtbar, schäbig, beschämend“: Die Leibniz-Toilette an der Marktkirche. Foto: Kleinschmidt Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Nicht, dass er kein Freund der Reinlichkeit gewesen wäre. „Die Hygiene war Leibniz schon ein wichtiges Anliegen“, räumt Georg Ruppelt ein. Schließlich habe Liselotte von der Pfalz vor gut 300 Jahren dem großen Genius einen bemerkenswerten Sinn für Sauberkeit attestiert: „Es ist rar, dass gelehrte Leute sauber sein und nicht stinken“, notierte sie. Doch dass Leibniz’ Konterfei jetzt ausgerechnet am Eingang der Toiletten an der Marktkirche prangt, an der Rückwand des Behinderten-WCs, noch dazu mannshoch, bringt den Direktor der Leibniz-Bibliothek dann doch in Rage. „Das ist ein Affront“, wettert Ruppelt.

Bereits vor Wochen hat der Künstler Tobias Schreiber im Rahmen eines Straßenkunstprojekts die Porträts von 18 „Helden der Stadt“ in Hannover platziert - darunter den WC-Leibniz, „mit freundlicher Genehmigung der Stadtentwässerung Hannover“, wie es auf einem Schildchen daneben heißt.

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Jetzt jedoch laufen die Jünger von Hannovers größtem Gelehrten Sturm gegen den Leibniz-Kopf am stillen Örtchen: „Ich bin sprachlos“, sagt Leibniz-Professor Wenchao Li: „Viele Menschen setzen sich dafür ein, den Geist Leibniz’ lebendig zu halten - und nun das.“ Auch Prof. Erwin Stein, ein ausgewiesener Leibniz-Kenner, ist fassungslos: „Furchtbar, schäbig, beschämend - den Frontman unserer Universität ausgerechnet mit dem Fäkalbereich in Verbindung zu bringen.“ Und Rolf Wernstedt, Präsident der Leibniz-Gesellschaft, findet das ganze „gedanken- und geschmacklos“: „Was ist das für eine Stadt, die es nicht versteht, mit Leibniz ehrenvoll umzugehen?“, fragt er sorgenvoll.

Auf breiter Front möchten Leibniz-Liebhaber ihren Säulenheiligen jetzt von diesem fragwürdigen Thron holen: „Im Rathaus gibt es am Schrägaufzug einen Fries mit Hannovers großen Persönlichkeiten - dort fehlt Leibniz“, sagt Ruppelt. „Dafür hat er jetzt einen Platz am WC gefunden.“ Er wolle sich gar nicht ausmalen, was geschähe, wenn man in Wittenberg mit Luther so umginge, „von einem Goethe-WC oder einem Schiller-Pissoir in Weimar ganz zu schweigen“.

Sonja Schnalke hingegen kann die Aufregung nicht nachvollziehen: „Ich weiß nicht, was daran so schlimm sein soll“, sagt die Toilettenfrau, die jetzt unter Leibniz’ Augen ihren Dienst versieht: Schließlich sehe man die Toiletten viel besser, seit der Gelehrtenkopf da sei, sagt sie auf ihren Tresen gestützt: „Und Toiletten gehören doch ebenso zur Stadt wie Leibniz.“ Sie selbst habe sich allerdings eher mit Nietzsche befasst, gesteht sie, und zitiert aus dem Stegreif ein paar Worte aus dessen „Antichrist“: „Wir sind Hyperboreer ...“ - eine Anspielung auf das antike Volk, dem eine mythische Verbindung zu Apollon nachgesagt wird, dem Gott der (moralischen) Reinheit.

Eine gewisse Tradition hat der sorglose Umgang mit Leibniz’ Erbe in Hannover indes. Schon 1779 echauffierte sich ein Leser des „Hannoverschen Magazins“ darüber: „An die Mauer, auf welcher die Fenster von Leibnizens Studierstube ruhen, sehe ich alle Tage pissen.“

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