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Aus der Stadt Vereint im stillen Lebewohl
Hannover Aus der Stadt Vereint im stillen Lebewohl
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22:43 15.11.2009
Von Volker Wiedersheim
Bewegende Trauerfeier in der AWD-Arena.
Bewegende Trauerfeier in der AWD-Arena. Quelle: lni
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Eine Stadt. Ein Stadion. Eine Stille. Eine ganz besondere Stille, sie lässt sich körperlich spüren. Sie fühlt sich samten und angenehm an, obwohl sie eine Gänsehaut macht. Sie fühlt sich auch nass an und schmeckt ein bisschen salzig. Das kommt von den Tränen. Aber auch das ist nicht unangenehm. Es gehört dazu. Genau genommen besteht diese Stille gar nicht einmal in der Abwesenheit von Geräuschen. Tatsächlich ist hörbar, wie Menschen im Nebenblock atmen, wie sie schniefen und schnäuzen und sich behutsam unterhalten. Nicht im Flüsterton, aber gedämpft. Sonst ist die Arena ein Ort, an dem die Besucher brüllen und doch ihr eigenes Wort nicht verstehen. Aber nicht jetzt.

Jetzt, nachdem ihr Idol Robert Enke sich getötet hat, verstehen sie in der Arena die Welt nicht mehr. Und ihnen fehlen die Worte, die zum Brüllen taugen, als Enkes Teamgefährten von der Nationalelf und die Spitzenfunktionäre des deutschen Fußballs den kurzen, schweren Weg zum Mittelkreis des Spielfeldes antreten. Dort ist der Sarg Enkes aufgebahrt, mit einem Herz aus Blumen davor. Michael Ballack, der Kapitän der Nationalelf, und Per Mertesacker tragen – verfolgt von den Kameras, die die Zeremonie live übertragen – an der Spitze des Zuges einen Kranz. Sie legen ihn nieder. Und plötzlich mündet diese mehr gewollte, nicht gezwungene Stille ansatzlos in Applaus. Es ist kein tosender Beifall wie zuletzt im September, als diese Mannschaft hier angetreten ist und im WM-Qualifikationsspiel Aserbaidschan mit 4:0 bezwungen hat. Es ist dieses Mal beinahe streichelndes Klatschen, das die Gäste begleitet.

Immer zu zweit treten sie vor für einen kurzen Augenblick des wortlosen Lebewohls. DFB-Präsident Theo Zwanziger und Ligapräsident Reinhard Rauball folgen, dann Steffi Jones, Cheforganisatorin der Frauen-WM 2011, zusammen mit Franz Beckenbauer und DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach, danach die Spieler, darunter auch der frühere Nationalspieler Bernd Schneider. Als zum Schluss Bundestrainer Joachim Löw, sein Vorgänger Jürgen Klinsmann und Nationalelf-Manager Oliver Bierhof am Sarg stehen, sind die anderen schon zu ihren Sitzplätzen auf dem Unterrang der Osttribüne gegangen. Mertesacker zieht sich auf ein Geländer gestützt die wenigen Stufen aus dem Innenraum herauf – mit schleppendem Schritt, gebeugtem Rücken und hängendem Kopf. Und kaum einer kann übersehen, dass der Schmerz über Enkes Verlust diese sonst kraftstrotzende Riege auf ein Häuflein Elend geschrumpft hat. Kein Wunder, dass das Testspiel gegen Chile abgesagt werden musste; schwer vorstellbar, dass dieses Team am Mittwoch der Auswahl von der Elfenbeinküste entgegentreten soll.

Genauso wie der Applaus einem unsichtbaren Dirigat zu folgen scheint, so taktsicher findet das Publikum wieder zur Ruhe. Nur um kurz darauf in gleicher Weise die Mannschaft von 96 und schließlich Teresa Enke und die Verwandten zu begrüßen. Jörg Neblung, Enkes enger Freund und Manager, zur rechten und der frühere Mönchengladbacher Mannschaftskollege Marco Villa zur linken stützen die Witwe. So stark sie am Mittwoch noch gewirkt hat, als sie der Welt die Wahrheit über die Depressionen ihres Mannes verraten hat, so kraftlos wirkt sie nun, als nacheinander die Redner der Trauerfeier ans Pult auf dem Rasen treten, um zu den rund 35 .000 Gästen auf den Rängen zu sprechen.

Nur 35 .000? Auf einen Ansturm von bis zu 100. 000 Besuchern hat sich Hannover 96 vorbereitet. Nun bleibt der Platz vor der Arena leer, wo eine Großleinwand aufgestellt worden ist. Aber wer misst schon die Tiefe der Trauer in Kopfzahlen? Wer will schon auf Platz 1 in der Tabelle der Massentrauerfeiern stehen? Wie sollte das trösten, wo doch viele Hannoveraner gar nicht mal recht erklären können, warum ihnen der Tod Enkes das Herz so schwer macht?

Es sind bewegende Worte der Wärme, die an diesem Morgen im Glanz einer überraschend durchsetzungsfähigen Herbstsonne noch einmal die Tränen zum Strom schwellen lassen: Pfarrer Heinrich Plochg lobt Teresa Enkes Mut, der „erst den ganzen Menschen Robert Enke erklärt“. Ministerpräsident Christian Wulff spricht davon, dass nicht fehlerfreie Roboter, sondern erst „Menschen mit Ecken und Kanten und Fehlern das Zusammenleben menschlich“ machen. Oberbürgermeister Stephan Weil erinnert daran, dass weniger die Glanzparaden als vielmehr das Mitgefühl bei Rückschlägen ein starkes Band zwischen dem Torhüter und den Fans geknüpft habe. Und 96-Klubchef Martin Kind befindet schlicht: „Es ist ein Geschenk, dass Robert einer von uns ist.“

Mehr als die anderen Redner jedoch kann DFB-Chef Theo Zwanziger die Woge der Anteilnahme in neue Kraft übersetzen – vielleicht auch, weil er sich der Schubkraft der Sprache aus den Fußballstadien bedient. „Jungs, ich bin stolz auf euch“, sagt er zur Trauerarbeit der Nationalspieler. Und: „Für die Spontaneität in Hannover und bei den Fans – ich danke euch.“ Traurig in Fahrt gekommen, lassen diese Sätze den Applaus am höchsten Aufbranden: „Fußball darf nicht alles sein. Aber Fußball ist ein starkes Stück Leben.“ Und dann noch dieses: Alle, Klubs, Fans, Funktionäre und er selbst müssten bereit sein, „das Kartell der Tabuisierer und Verschweiger zu brechen“.

Es ist vor allem das Verdienst der 17-jährigen Sängerin Alina Schmidt, der mit ihrer großen Stimme mehrfach die Überleitung von der Phrase zur Emphase gelingt. Ihre ebenso sparsame wie einfühlsame Version der Vereinshymne „96 – Alte Liebe“, begleitet nur von zwei Gitarristen, bezaubert und berührt die Trauergemeinde. Wer kann, hält in der Fankurve den Schal hoch – aber viele können nicht, weil sie stattdessen wie viele der 96- und Nationalspieler zum Taschentuch greifen müssen, bevor sie sich später Pfarrer Plochg folgend zum Vaterunser erheben.

Nach nicht ganz einer Stunde kommt der Zeitpunkt des endgültigen Abschieds für die Fans. Die 96-Spieler Altin Lala, Steve Cherundolo, Hanno Balitsch, Jiri Stajner, Arnold Bruggink und Teambetreuer Thomas Westphal tragen unter Tränen den Sarg vom Feld zum Spielertunnel und aus der Arena. Während danach die Salzhemmendorfer Schülerin Alina Schmidt noch einmal zum Mikrofon greift, um mit dem Fußball-Klassiker „You’ll never walk alone“ die Trauerfeier zu beenden, rollt der Konvoi mit dem Sarg Enkes bereits zur Trauerfeier nach Mariensee und zur Beerdigung im engen Kreis von Verwandten und Freunden der Enkes sowie der ganzen Mannschaft von Hannover 96 in Enkes Wohnort Empede. Nicht wenige 96er kennen den Weg bereits. Sie sind ihn schon einmal gefahren, als 2006 Robert Enkes Tochter Lara gestorben und dort begraben worden ist. Es geht über die B 6. Und dann nimmt man gleich die erste Ausfahrt hinter Neustadt. Die Ausfahrt heißt Himmelreich.

Gunnar Menkens 16.11.2009
15.11.2009