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Aus der Stadt Vermieter bekommt Aufzugsprobleme nicht in Griff
Hannover Aus der Stadt Vermieter bekommt Aufzugsprobleme nicht in Griff
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22:29 03.08.2010
Von Conrad von Meding
Verärgerte Mieter: Patrick Looks-Voltmann mit Sohn Taylor, Brigitte Wotka und Galina Panassiouk vor ihrem Haus in der Sven-Hedin-Straße.
Verärgerte Mieter: Patrick Looks-Voltmann mit Sohn Taylor, Brigitte Wotka und Galina Panassiouk vor ihrem Haus in der Sven-Hedin-Straße. Quelle: Rainer Surrey
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Das tägliche Treppensteigen ist das eine, was die Wut wachsen lässt. Das andere ist die Verärgerung über das offensichtliche Desinteresse aufseiten des Vermieters. Egal, mit wem man spricht in dem kleinen, beschaulichen Wohnviertel am Rande des Stadtteils Groß-Buchholz: Alle ärgern sich über die Deutsche Annington, die die zahllosen Gebäude hinter der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) gekauft hat und jetzt nach Ansicht vieler Mieter spürbar verkommen lässt.

„Früher war hier alles gepflegt“, sagt Annerose Nicksch, die seit gut 40 Jahren und damit am längsten von allen im Haus in der Sven-Hedin-Straße 21 wohnt: „Heute dagegen wird man nur vertröstet, wenn man etwas vom Vermieter will.“ Seit 14 Tagen ist jetzt schon der Aufzug im Haus kaputt. Im Frühjahr waren es zwei Monate. Schwerbehinderte Mieter schleppen sich und ihre Einkäufe die Treppen hinauf, einige Bewohner sind bereits zu Bekannten ausgezogen, nur zum Teil funktioniert die Nachbarschaftshilfe. Im nahen Haus im Stilleweg 15, das ebenfalls zur Deutschen Annington gehört, war der Aufzug kürzlich sogar für acht Wochen ausgefallen – die Feuerwehr musste Mieter zu Arztbesuchen durchs Treppenhaus tragen. „Alles verkommt hier“, sagt Mieterin Brigitte Wotka: „Und beim Vermieter spürt man nur Gleichgültigkeit.“

Auf alten Bildern ist zu sehen, was für ein schönes Viertel das Quartier zwischen Mittellandkanal und Buchholzer Straße einst war. Ende der sechziger Jahre entstanden hier etliche Hundert Wohnungen: Der Bund förderte den Aufbau mit Sonderdarlehen für Wohnungsunternehmen und sicherte sich im Gegenzug das Belegungsrecht für 30 Jahre. Soldaten, Mitarbeiter des Zolls und des Grenzschutzes, Beamte aus Ministerien und eben der Geoanstalt zogen mit ihren Familien ein. Es waren durchaus privilegierte Wohnungen, aus heutiger Sicht vielleicht nicht groß mit ihren rund 70 Quadratmetern, aber dafür gut geschnitten und mit Blick auf aufgelockerte Grünflächen rundherum.

Und natürlich war technisch alles in Ordnung. „Es hat regelmäßig Begehungen gegeben“, erinnert sich Bernhard Dettmer. Er war damals in der Oberfinanzdirektion beschäftigt und hat für den Bund die Qualität der Wohnanlage überwacht. „Wir haben uns die Gebäude angeschaut und mit Mietern gesprochen“, sagt er. „Wenn es etwas zu bemängeln gab, wurde das von den Hauseigentümern sofort erledigt – das war selbstverständlich.“ Dettmer zog 1973 selbst in eines der Häuser im Stilleweg. Heute ist er im Ruhestand, die Wohnung ist zur Eigentumswohnung umgewandelt. Aber für das, was er aus den Mietshäusern in der Nachbarschaft hört, hat er nur ein Kopfschütteln übrig: „Ein Unding ist das“, sagt er.

Die defekten Aufzüge in den Hochhäusern sind nur der Gipfel der Verwahrlosung. Überall sind an den Gebäuden Fassadenplatten gesprungen oder herausgebrochen. Mieter berichten, dass Tiere in der Dämmung nisten und Beute jagen. Die Treppenhäuser sind seit Jahren nicht gestrichen worden, und sogar bei den automatischen Toren für die Tiefgaragen hält der Vermieter eine Instandsetzung nicht für nötig. „Seit November 2009 werden wir ununterbrochen vertröstet“, sagt etwa Fritz Gehrke.

Für sein Auto hat er einen Stellplatz in der Tiefgarage zwischen den Häusern im Stilleweg 15 und 17 gemietet. Doch der Motor, der das riesige Garagentor antreibt, ist kaputt. „Ich muss das jedes Mal von Hand bedienen“, sagt Gehrke und fügt hinzu: „Seit zehn Monaten bekommt die Annington so ein Problem nicht in den Griff.“

In der Bochumer Zentrale des nach eigenen Angaben größten deutschen Wohnungsunternehmens gibt es pflichtschuldiges Bedauern. Man habe im Februar den Motor getauscht, sagt Sprecher Rolf Krämer. Dann aber habe sich herausgestellt, dass der Motor defekt war, weil eine Führungsschiene verbogen war – das zerstörte dann auch gleich den Ersatzmotor, seitdem warte man auf eine neue Führungsschiene und einen neuen Motor. Auf die Frage, ob nicht sowohl der Bearbeitungszeitraum von November bis Februar als auch der von Februar bis Juli ungewöhnlich lang erscheine, sagt Krämer nur: „Ja, das ist ein bisschen lang.“ Wie sich inzwischen herausgestellt hat, ist es auch kein Einzelfall: Auch in der Sven-Hedin-Straße 21 ist die Tiefgaragenzufahrt defekt – dort fehlt inzwischen das gesamte Garagentor. „Tag und Nacht kann hier jeder rein“, sagt Bewohnerin Nicksch: „Was ist, wenn da drin mal jemand Feuer legt?“

Im Hochhaus Stilleweg 15, wo der Aufzug acht Wochen ausgefallen und angeblich mangels Ersatzteilen irreparabel war, ging es nach einem HAZ-Artikel sehr schnell: Am gleichen Tag noch war die Technik provisorisch repariert. In der Sven-Hedin-Straße hingegen fürchten die Bewohner, dass ihnen wieder lange Wochen des Wartens bevorstehen. Anrufe bei ihrem Vermieter haben sie allmählich aufgegeben. Tatsächlich heißt es auch auf HAZ-Anfrage nur, der Reparaturauftrag sei längst an das zuständige Wartungsunternehmen vergeben – mehr könne man nicht machen. Die Mieter haben daher andere Protestformen versucht. „Als der Aufzug von Februar bis April zuletzt kaputt war, habe ich eine Unterschriftensammlung organisiert“, sagt Brigitte Wotka aus der sechsten Etage. 17 Familien hätten spontan den Protestbrief unterschrieben, doch von der Annington sei nicht einmal eine Antwort gekommen. Sogar E-Mails würden nicht beantwortet, sagt die 52-Jährige: „Es ist ein Unding, dass man nicht einmal seinen eigenen Vermieter erreichen kann.“ Nachbarin Nicksch erinnert das Gebaren der Annington, die Wohnhäuser in großem Stil aufkauft, an den Heuschrecken-Begriff des ehemaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering: „Ich bin bestimmt kein Freund vom Münte, aber damit hatte er recht.“

Stadt prüft Eingreifen: Bei der Stadt liegt noch keine Beschwerde der Mieter vor. Sprecher Andreas Möser bestätigte aber gestern Abend gegenüber der HAZ, dass es durchaus die Möglichkeit zum Eingreifen gibt. Denn das Gebäude ist eindeutig ein Hochhaus, und nach Paragraf 36 der Bauordnung muss ein Hochhaus einen Aufzug haben. „Wenn der Eigentümer durch Untätigkeit die Funktionsfähigkeit des Fahrstuhls über Gebühr lange nicht sicherstellt, kann die Stadt im Zweifelsfall eine Ersatzvornahme vorschreiben.“ Das heißt: Sie kann den Eigentümer zwingen, den Fahrstuhl in Betrieb zu nehmen, oder auf seine Kosten eine Reparatur vornehmen lassen.

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