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Aus der Stadt Ist das Kunst oder kann das weg?
Hannover Aus der Stadt Ist das Kunst oder kann das weg?
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21:08 29.08.2016
Von Michael Zgoll
Das 36 Aluplatten umfassende Objekt des Künstlers Marcello Morandini ist 3,84 mal 3,84 Meter groß. 2004 baute es der Wirt vor seinem Gasthof in Isernhagen auf. Quelle: Archiv
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Hannover

Ein bekannter Gastronom aus Isernhagen schaffte das 3,84 mal 3,84 Meter große und zwei Tonnen schwere Wandrelief Ende 2003 aus einem städtischen Lager in Vahrenheide heraus, das steht fest. Die Frage ist nur: Eignete er sich das Relief des italienischen Künstlers Marcello Morandini illegal an, oder lud er die 36 Alu-Platten plus Rahmen auf einen Lastwagen, weil es ihm ein Mitarbeiter als „Schrott“ und gratis angeboten hatte?

Die Stadt hat den 61-Jährigen verklagt, fordert 15 000 Euro zurück, die bei einer Versteigerung in Süddeutschland für das Relief erlöst wurden. Zivilrichter Christian Caesar deutete am Montag an, dass der Gastronom wird zahlen müssen – er kann nicht nachweisen, dass er der Eigentümer des Kunstwerks ist. In dieser Sache war im Mai bereits ein Versäumnisurteil ergangen, nun wurde über den Einspruch des Wirts der Traditionsgaststätte verhandelt.

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Die verschlungene Reise des einst 110 000 Mark teuren Reliefs mit seinen spiralförmigen Verdrehungen beginnt 1972 in den Räumen der Kestnergesellschaft. Später schmückt es etliche Jahre eine Halle der Concordia-Versicherung, bevor es 1988 per Schenkung an die Stadt Hannover geht. 1989 wandert das Objekt als Leihgabe ins HCC, 1998 wird es im Zuge einer Modernisierung des Congress Centrums zusammen mit ausgemustertem Mobiliar und Küchenutensilien am Alten Flughafen eingelagert. Im Dezember 2003 sucht der Isernhagener Gastronom das Lager auf und erwirbt – ganz korrekt mit Rechnung – für 1740 Euro etliche Teile aus dem alten HCC-Bestand, darunter Herd, Grill, Regale und Schränke.

Der Wirt ist in Isernhagen als Liebhaber schräger Skulpturen bekannt. Als er in einem Hallengang vier Euro-Paletten voller „Blöcke“ sieht, fragt er – so seine Darstellung – den verantwortlichen Mitarbeiter der Stadt, was es damit auf sich hat. Das sei Schrott, habe dieser gesagt, der eh bald entsorgt werde. Also mietet er einen Lkw und schafft die Plattensammlung mit drei Helfern nach Isernhagen. Dort vermarktet der Wirt seinen neuen Schatz ganz offensiv, baut das Relief vor dem Gasthof auf. Im Juli 2004 sagt er in einem Zeitungsinterview, seine Frau überlege, an der „Dauerleihgabe“ Kletterrosen hochzuziehen; er selbst denke eher daran, Blumenkübel auf den Morandini zu stellen. Erst später, so sagt er, hätten ihn Gäste auf den Wert des Kunstobjekts hingewiesen.

Der 2003 verantwortliche Hallen-Mitarbeiter der Stadt, heute 75 Jahre alt, sagte jetzt als Zeuge aus. Er bestritt, dem Gastronomen das Wandrelief als Gratis-Dreingabe angedient zu haben: „Wir haben überhaupt nicht über das Kunstwerk gesprochen.“ Er habe gewusst, dass der Morandini dem Kulturamt der Stadt gehöre: „Aber eigentlich sollte er zurück ins HCC.“

Der Wirt hat ein Problem: Er hat keine Zeugen, die seine Version der Geschichte bestätigen können. Als Beklagter steht er aber in der Pflicht, den regulären Erwerb des Kunstobjekts nachzuweisen. 2012 wird es auf einer Auktion in Süddeutschland für 25 000 Euro angeboten, findet für 15 000 Euro einen Käufer. 2014 entdeckt die Stadt bei einer Inventur, dass das Relief fehlt. Wo es abgeblieben ist, weiß das Kulturamt bis heute nicht.

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