Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Versicherung muss nach Schneelawine haften
Hannover Aus der Stadt Versicherung muss nach Schneelawine haften
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:40 14.12.2012
Von Michael Zgoll
landgericht-2-dröse
Hausbesitzer können bei Schäden, die durch vom Dach herabfallende Schneemassen herbeigeführt worden, zur Kasse gebeten werden. Quelle: Symbolfoto
Anzeige
Hannover

Ende Dezember 2010 war die Besitzerin eines roten Mini aus allen Wolken gefallen, als sie in der Hagenstraße (Mitte) aus dem Haus trat. Eine Lawine aus Schnee und Eis hatte ihr schmuckes Auto getroffen, Dach und Heck waren zerbeult. Zunächst hatte die Gebäudeversicherung des Hauseigentümers die Hälfte des Schadens von 3500 Euro beglichen. Die Autobesitzerin wollte aber alles – und scheiterte im ersten Anlauf vor dem hiesigen Amtsgericht. In der gestrigen Berufungsverhandlung vor dem Landgericht erzielte die 52-Jährige zumindest einen Teilerfolg.

Zwei schneereiche Winter seit Ende 2009 mit etlichen Dachlawinen haben die Rechtsprechung in Hannover verändert. Waren die Gerichte früher geneigt, den Hauseigentümern keine Schuld und finanzielle Mitverantwortung für Schäden auf öffentlichem Straßenraum zuzumessen, hat sich dies spätestens nach einem tödlichen Unfall im Januar 2011 geändert. Damals war eine 82-Jährige in Linden von einer Eislawine erschlagen worden. 120 bis 150 Verfahren, schätzt Rechtsanwalt Jens Klinkert, haben sich in Hannover seit Anfang 2010 um Schäden durch herabstürzende Schnee- und Eismassen gedreht, die weitaus meisten wegen Blessuren an Fahrzeugen. Auf der Basis von Sachverständigen-Gutachten hat die hannoversche Justiz inzwischen eine Grenze gezogen: Bei Dächern, die 45 Grad oder steiler geneigt sind, sollte der Hauseigentümer unbedingt ein Schneefanggitter installieren – sonst kann es für ihn und seine Versicherung teuer werden. Doch im gestrigen Fall reichte der Kammer auch eine Neigung des Daches von gut 40 Prozent, um der Klägerin im Rahmen eines Vergleichs noch einen „Nachschlag“ von 400 Euro zu gewähren.

Richterin Britta Knüllig-Dingeldey wies darauf hin, dass die Lawinengefahr grundsätzlich von Gebäuden und nichts anderem ausgehe. Damit sei der Eigentümer in der Pflicht, die Risiken einzudämmen. In der Hagenstraße habe zusätzliche Gefahr bestanden, weil das Dach etliche Fensterflächen aufweise: „Das erhöht die Rutschgefahr.“ Im Zuge der lebhaften Debatte vor Gericht wurde deutlich, dass auch die Art der Bedachung – Blech oder Ziegel – und die Form der Dachpfannen eine gewichtige Rolle für das Lawinenrisiko spielen. Ein Mitverschulden treffe die 52-jährige Autofahrerin aber ebenfalls, meinte Knüllig-Dingeldey; diese hätte einen Blick auf das Dach des dreistöckigen Hauses werfen und die drohende Gefahr erkennen können.

Immerhin: Dass eine Lawine den roten Mini in der Hagenstraße erneut demoliert, ist ausgeschlossen. Der Hauseigentümer hat inzwischen Schneefanggitter installieren lassen . Und der Mini hatte einen Unfall mit Totalschaden – und wurde verschrottet.

Hausbesitzer sind in der Pflicht

Die dieses Jahr neu gefasste niedersächsische Bauordnung sagt unter Paragraf 32 nichts anderes als die alte: „Soweit es die Verkehrssicherheit erfordert, müssen Dächer mit Schutzvorrichtungen gegen das Herabfallen von Schnee und Eis versehen sein.“ Dies ist, wie etliche Gerichtsverfahren gezeigt haben, interpretationsfähig. Rainer Beckmann, Vorsitzender von Haus & Grundeigentum Hannover empfiehlt Hauseigentümern aber „dringend“, Schneefanggitter auf den Dächern ihrer Immobilien zu installieren. Stadtsprecher Dennis Dix weist darauf hin, dass die Region Hannover nach wie vor nicht als schneereiche Region gilt und die Verkehrssicherungspflicht damit bei Bauherren oder Hauseigentümern liegt.

14.12.2012
Bernd Haase 14.12.2012