Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Verstrahlter Boden mitten im Wohngebiet
Hannover Aus der Stadt Verstrahlter Boden mitten im Wohngebiet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:04 13.07.2009
Von Felix Harbart
Besorgniserregende Entdeckung: Experten vom Amt für Strahlenschutz stellen im Boden des De-Haën-Platzes in der List eine erhöhte Radonbelastung fest. Quelle: Rainer Surrey

Als die Männer in den Mondanzügen vor einem Jahr über den Lister De-Haën-Platz spazierten, gab es für die örtlichen Hauptverwaltungsbeamten zwei Möglichkeiten, damit umzugehen. Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil wählte die traditionelle, abwartende Variante: „Mit großer Aufmerksamkeit“ beobachte er den Fortgang der Ereignisse in der List, sagte der Oberbürgermeister. Da waren die Experten in den schweren Schutzanzügen noch da, die kurz zuvor eine bedenkliche Strahlenbelastung auf einem zehn Quadratmeter großen Flecken mitten auf dem Platz gemeldet hatten. Und der Oberbürgermeister hatte das Glück, nicht zuständig zu sein.

Dieses Glück hatte Regionspräsident Hauke Jagau nicht. Weil das so war, eilte der Präsident am Nachmittag des 4. Juli 2008 auf den Platz in der List, ließ eine provisorische Pressekonferenz anberaumen und versuchte den Spagat zwischen Transparenz und Beschwichtigung. Es bestehe kein Anlass zur Verunsicherung oder Panik, sagte Jagau. Durchaus plane man, auch die Hinterhöfe und Keller der angrenzenden Häuser zu untersuchen – nur zur Vorsorge. Burkhard Evers vom Team Gewässer- und Bodenschutz der Region sekundierte, „wenn überhaupt“ könne nur in den Kellern Strahlung sein – nicht aber in den Wohnungen. Und dann sagte Jagau noch: „Wir glauben kaum, dass die Nachfolgefirma von Riedel-de Haën dafür verantwortlich zu machen ist. Zudem gehen wir ohnehin nicht davon aus, dass die Sache sich noch ausweitet und große Kosten auf uns zukommen.“ Das war vor einem Jahr.

Mittlerweile ist vieles anders. In mehreren Wohnungen in der Fraunhoferstraße stehen Geräte zur Strahlungsmessung, weil jene Strahlung nicht nur in Kellern, sondern auch in Wohnungen messbar war. Derweil steuern Region Hannover und das Chemieunternehmen Honeywell auf einen Rechtsstreit zu, weil die Region sich eben doch vorstellen kann, dass die Seelzer Firma haftbar zu machen ist. Und das alles, weil „die Sache“ sich ausgeweitet hat. Auf mehr als 40 Grundstücken rund um den Platz entdeckten die Experten eine erhöhte Strahlung. Von Panik im Stadtteil lässt sich ob dieser Bilanz zwar bis heute tatsächlich nicht sprechen. Von Verunsicherung dagegen sehr wohl. Denn heute wie damals gilt im Lister Strahlenfall: Genaues weiß man nicht.
Und während Umweltdezernent Axel Priebs sich darauf eingestellt hat, in Bezug auf die Strahlenbelastung vorsichtshalber nichts mehr kategorisch auszuschließen, arbeiten sich Verwaltung und Politik in der Region an anderen Schauplätzen der radiologischen Malaise ab. Da ist zum Beispiel der Rechtsstreit mit Honeywell. Lange beharrte die Region entgegen ihrer ersten Einschätzung darauf, den Chemieriesen für die Beseitigung der Altlast zur Verantwortung ziehen zu wollen. Man schickte Verfügungen, kommunizierte die Überzeugung über die Presse, bis auch die US-amerikanische Zentrale des Weltkonzerns auf die Lister Altlast aufmerksam wurde.

Seither lassen sich die Amerikaner von ihrer Seelzer Dependance haarklein berichten, wie es im Streit um die Strahlung steht. Die rechtliche Abhandlung der Frage legte man in die Hände einer renommierten US-Großkanzlei, während sich die Seelzer Honeywell-Sprecherin Sabine Chmielewski im fernen Deutschland darüber beklagte, das Unternehmen werde nicht genügend in die Beratungen rund um den Altlastenfall einbezogen. Den überraschenden Vorschlag der Region, sich statt im Gerichtssaal doch noch einmal an einem runden Tisch über die Frage der Kostenübernahme zu unterhalten, lehnte das Unternehmen ab. Man wolle Rechtssicherheit schaffen, hieß es.

In der Zwischenzeit verschanzt sich die Regionspolitik bei der Diskussion um die Kostenübernahme auf verschiedenen Positionen, die, jede für sich, für eine gewisse Hilflosigkeit sprechen. Die in der Verantwortung stehende rot-grüne Koalition steht wie ein Mann hinter dem Rechtsstreit mit Honeywell und hofft auf einen Erfolg vor dem Verwaltungsgericht. Einen dezidierten Plan B aber haben SPD und Grüne nicht ausgearbeitet. Da trifft es sich, dass irgendwann im Laufe des Jahres die Idee eines Altlastenfonds für Niedersachsen ihre Wiederauferstehung gefeiert hat. Den, da sind sich Mehrheitsgruppe und Opposition einig, hätte man gerne, um das Kostenproblem vielleicht doch noch ans Land abzugeben. Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) aber stellt sich quer und verfolgt nicht einmal eine Hinhaltetaktik. Einen Altlastenfonds könne es nur mit Unterstützung der Wirtschaft geben, sagt der Minister, und die habe im Augenblick andere Sorgen.

Rot-Grün und Schwarz-Gelb in der Region gibt das die Gelegenheit, darüber zu streiten, ob der fehlende Altlastenfonds Schuld der aktuellen oder der alten Landesregierung ist. Den Menschen in der List hilft das nicht weiter. Immerhin hat SPD-Umweltexperte Wolfgang Schiemann inzwischen eingeräumt, auch die Region sei in Sachen Altlastenentsorgung im Fall der Fälle „moralisch in der Pflicht“.

Unterdessen genießt die oppositionelle CDU zur Abwechslung den Umstand, dass sie in der Region nichts zu entscheiden hat – und wettert gegen den Honeywell-Prozess. Der sei ohnehin aussichtslos, sagen die Christdemokraten, und teuer sei er obendrein. Am Ende werde nicht viel übrig bleiben, als einfach die Altlastenentsorgung zu bezahlen. Dass bisher noch niemand weiß, wie teuer die Beseitigung des vergifteten Erdreichs wird, thematisiert die Opposition nicht. Ebenso wenig hat sie bisher erklärt, woher das Geld dafür im defizitären Regionshaushalt kommen soll. Der „Fall de Haën“ geht in sein zweites Jahr. Und viele Fragen bleiben weiterhin offen.

Sie wollen zur festen Adresse werden: Die Besetzer des Boehringer-Geländes haben einen Briefkasten aufgestellt – und ganz korrekt Straße und Postleitzahl darauf vermerkt.

Juliane Kaune 12.07.2009

Im Marinebau, einer derzeit vor allem als Künstleratelier genutzten ehemaligen Fabrik auf dem Sorstgelände, haben Fachleute eine hohe Belastung mit Krebs erregenden Stoffen festgestellt. Teilweise wurde der Grenzwert für sogenannte polyzyklische aromatisierte Kohlenwasserstoffe um das Hundertfache überstiegen.

Andreas Schinkel 12.07.2009

Bei der Mammografie ihrer Brust ist eine 48-Jährige so schwer gestürzt, dass sie sich lebensgefährliche Verletzungen zugezogen hat. Sie wirft den Ärzten der Medizinischen Hochschule Behandlungsfehler vor und fordert 40.000 Euro Schmerzensgeld. Die Klinik bestreitet die Vorwürfe und spricht von einem tragischen Unglücksfall.

Sonja Fröhlich 17.09.2009