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Aus der Stadt Verteidiger wollen Zigaretten-Prozess verkürzen
Hannover Aus der Stadt Verteidiger wollen Zigaretten-Prozess verkürzen
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21:39 28.10.2015
Von Michael Zgoll
Die Phalanx von Angeklagten und Anwälten ist beeindruckend. Foto: Dröse
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Hannover

Angeklagt wegen bandenmäßigen Diebstahls, Urkundenfälschung und Verstößen gegen das Aufenthaltsgesetz ist eine Gruppe, die in Supermärkten zwischen Harz und Heide Zigaretten gestohlen haben soll; die Rede ist von rund 2400 Schachteln mit einem Gesamtwert bis höchstens 15 000 Euro. Die Zahl der Verfahrensbeteiligten war beeindruckend: zehn Angeklagte, 13 Rechtsanwälte und 18 Justizwachtmeister, dazu das vierköpfige Gericht, eine Staatsanwältin und drei Dolmetscher für die georgische, die polnische und die russische Sprache. Bislang sind bis Dezember 16 Verhandlungstage terminiert, doch der Prozess könnte auch bis ins Frühjahr reichen.

Die Masche, mit der die Bande laut Anklage auf Beutezug ging, war immer gleich. Man bildete Gruppen von drei bis fünf Köpfen, die Drogerie- und Supermärkte zwischen Bad Harzburg und Amelinghausen aufsuchten; auch die Region Hannover gehörte zum Zielgebiet. Um an die Zigaretten zu kommen, legte ein Täter eine Kleinigkeit aufs Kassenband und bezahlte diese. Hinter seinem Rücken steckten Mittäter die Rauchwaren in Diebesschürzen, Hosen, Umhänge- oder Handtaschen. Weiter hinten in der Kassenschlange postierte Männer schirmten die Diebe ab. Im Media Markt Vahrenwald soll eine Kleingruppe ein Navi gestohlen haben, in einem Getränkemarkt verschwanden Spirituosen. Einige Täter waren mit Aliasnamen und gefälschten Papieren unterwegs. Angeklagt sind 30 Taten, die zwischen November 2014 und Mai 2015 begangen wurden. Festgenommen wurden die mutmaßlichen Täter „scheibchenweise“ im Abstand mehrerer Wochen und Monate.

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Die weitaus meisten Angeklagten stammen aus Georgien, sind zwischen 28 und 46 Jahre alt. Die einzige Frau in der Runde, eine 25-jährige Polin, ist die einzige der Angeklagten, die nicht in U-Haft sitzt. Die Männer lebten zuvor in Niedersachsen, Sachsen und Nordrhein-Westfalen, zwei von ihnen wohnten in Flüchtlingsheimen in der Region Hannover.

Die Flut von Anträgen, die auf das Gericht niederprasselte, gab einen ersten Eindruck, wie langwierig das Verfahren werden könnte. Mehrere Verteidiger verlangten eine Änderung der Sitzordnung, weil sie - weit entfernt von ihren Mandanten - nicht mit ihnen sprechen können. Andere berichteten, dass ihnen Filme von Supermarkt-Überwachungskameras aufgrund technischer Probleme verschlossen bleiben, wiederum andere forderten eine Aussetzung des Verfahrens. Anwalt Björn Nordmann regte Verständigungsgespräche an, weil es trotz des Vorwurfs der organisierten Kriminalität doch eher um „kleine Fische“ gehe. Sein Verteidigerkollege Holger Nitz stieß, etwas zugespitzt, ins gleiche Horn: „Die Tatvorwürfe rechtfertigen es nicht, dass sich die halbe hannoversche Strafjustiz ein Jahr damit beschäftigt.“ Die 19. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Stefan Joseph wird sich am morgigen Freitag zu den Anträgen äußern.

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