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Aus der Stadt Vertriebene als Brückenbauer
Hannover Aus der Stadt Vertriebene als Brückenbauer
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08:38 29.06.2009
Von Klaus Wallbaum
Schlesientreffen in Hannover. Quelle: Foto: Martin Steiner
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Hier dreht sich alles um das Wiedersehen mit alten, verschollen geglaubten Menschen und Dingen. Tausende strömen am Sonnabend und Sonntag in die Halle 2 auf dem Messeglände Hannover. Die meisten sind Rentner, geboren in Schlesien, im heutigen Polen. Da stehen sie nun an den Büchertischen, vor den Wurstständen und dort, wo es Fahnen und Kleinkunst zu kaufen gibt. Eine Frau blickt auf einen Buchtitel und beginnt, ihrem Mann ein altes Volkslied ins Ohr zu summen. Zwei Schritte weiter lockt ein Stapel Kochbücher besonders viele an: „Aus der schlesischen Küche“ steht auf einem Umschlag. „Schau mal, was ich gefunden habe“, ruft eine Frau ihrem Begleiter zu. Der aber blättert gerade im Buch „Der unsterbliche Rübezahl“.

Das Schlesiertreffen hat viel mit dem Vergangenen zu tun. An Biergartentischen sind gelbe Ortsschilder aufgestellt. Beuthen, Oppeln, Goldberg, Gleiwitz ist darauf zu lesen. Im Laufe des Tages sammeln sich Gäste unter den Schildern, blicken sich suchend um. Kommt noch einer, der auch in meinem früheren Heimatort gewohnt hat? Unter einigen Schildern bleiben die Gruppen klein, bei anderen herrscht regelrecht Andrang. Hier wird gescherzt und gelacht, dort geschwiegen.

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Nach 2007 ist an diesem Wochenende ein zweites Mal Hannover der Ort für das Deutschlandtreffen der Schlesier. Ein riesiges Familientreffen all derer, die ihre schlesischen Wurzeln pflegen wollen – und eine riesige Informationsbörse noch dazu. „Das Wichtigste ist jetzt, die Kultur zu erforschen und zu beschreiben und sie in die deutsche Kultur einzubringen“, betont der Pfarrer Hans-Ulrich Minke, einer derer, die aktiv die Traditionspflege betreiben. „Die Heimat“, sagt er, „haben wir verloren. Und es bringt nichts, dies ständig aufs Neue zu beklagen.“

Aber das Schlesiertreffen hat auch eine politische Komponente, die 2007 von einem heftigen internen Konflikt in den Vertriebenenverbänden begleitet war. Zwei Lager stehen sich in der Landsmannschaft gegenüber – die Falken, die Ansprüche stellen und alte Gebiete zurückhaben wollen, und die Tauben, die vor allem auf die Versöhnung mit den Polen setzen. Der umstrittene Vorsitzende der Landsmannschaft, Rudi Pawelka, zählt zu den Falken, aber etliche Funktionäre stehen im anderen Lager. Die Landesregierung in Niedersachsen, die auch diesmal wieder einen Zuschuss von 50 000 Euro gibt, hatte darauf bestanden, dass dieses Treffen kein Forum bietet für revanchistische und rechtsextreme Sprücheklopfer.

Tatsächlich fehlt diesmal der Info-Stand der Zeitung „Der Schlesier“, die wegen ihrer rechtsextremen Haltung vom Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen beobachtet worden war. Bücher aus rechtsextremen Verlagen finden sich auch nicht. Vor der Eröffnungsrede des Vorsitzenden Pawelka am Sonnabend bemüht sich das andere, auf Versöhnung ausgerichtete Lager, Signale für eine Verständigungspolitik auszusenden. Michael Pietsch, Präsident der Schlesischen Landesvertretung, lobt die „Bemühungen um eine Verständigung mit den polnischen Nachbarn“. „Beide, wir als Vertriebene und die Polen, die heute in Schlesien leben, müssen das Erbe der Kultur mit Leben erfüllen – und das gemeinsam“, mahnt der Pfarrer und Heimatforscher Christian-Erdmann Schott.

Auch die politischen Gäste unterstreichen diese Botschaft. Der hannoversche Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD), dessen Großvater Oberbürgermeister im oberschlesischen Beuthen war, sieht die Vertriebenen in der Pflicht, „sich niemals als Plattform für radikale Strömungen missbrauchen“ zu lassen. Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann meint, dass „Scharfmacher und Revanchisten glücklicherweise eine kleine Minderheit in der Landsmannschaft sind“. Ob er damit auch den Chef der Organisation meint, lässt der CDU-Mann offen.

Der Vorsitzende der Landsmannschaft betont das Kritische, was ihn „stört“ in der Zusammenarbeit zwischen den Vertriebenen, den Bundesbehörden und den Polen. So wirft Pawelka der Bundespolitik vor, die Kulturpflege zu vernachlässigen. „Manche arbeiten an der Beseitigung der ostdeutschen Spuren“, klagt Pawelka. Einige wollten „die Erinnerung an schlesische Denker unterdrücken“, es sei eine „zweite Vertreibung“, schimpft Pawelka, wenn alte Kirchenbücher oder andere Kulturgegenstände in die alte Heimat, also an die dort lebenden Polen, verschenkt würden.

Doch die merkwürdigen Töne von Pawelkas Eröffnungsrede verklingen schnell, der Applaus für ihn fällt nicht gerade kräftig aus. Da ist es dem niedersächsischen Ministerpräsidenten am nächsten Tag umso leichter, seine Grußworte zu sprechen. Die Linksfraktion hatte zuvor moniert, es sei ein Skandal, dass die Landesregierung das Treffen der Schlesier finanziell unterstütze, und Christian Wulff aufgefordert, seine Ansprache abzusagen.

Wulff hält demonstrativ dagegen: „Selbstverständlich sind die Vertriebenen die Brückenbauer zwischen Deutschland und Polen“, sagt der CDU-Politiker. Jetzt müssten Deutsche und Polen Schlesien in seiner geschichtlichen Ganzheit betrachten. Und Wulff verspricht den Tausenden Zuhörern: „Wir werden alles tun, um das Schicksal der Heimatvertriebenen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.“ 2011 soll das Schlesiertreffen wieder in Hannover sein.

Gunnar Menkens 28.06.2009
Bärbel Hilbig 28.06.2009