Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Die Post sucht sich neue Wege
Hannover Aus der Stadt Die Post sucht sich neue Wege
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 15.06.2015
Von Volker Wiedersheim
Weil die gelbe Post streikt: Die Citipost in Vahrenwald bearbeitet derzeit 30 Prozent mehr Sendungen – wie hier Mitarbeiter Matthias Gottwald.
Weil die gelbe Post streikt: Die Citipost in Vahrenwald bearbeitet derzeit 30 Prozent mehr Sendungen – wie hier Mitarbeiter Matthias Gottwald. Quelle: Michael Thomas
Anzeige
Hannover

Postkunden in der Region Hannover spüren die Auswirkungen des Streiks beim Staatskonzern. Das Ausmaß ist jedoch unklar - es kommt darauf an, wen man fragt. Nach Angaben der Post sind bisher knapp 90 Prozent aller Briefe und Pakete trotz des vor vier Tagen begonnenen Ausstandes ausgeliefert worden. Hans-Uwe Behrens, für den Postbereich zuständiger Gewerkschaftssekretär beim Verdi-Bezirk Hannover/Leine-Weser, nennt ebenfalls die 90-Prozent-Marke - bezieht sie allerdings auf Sendungen, die liegen geblieben sind.

Mehr Zulauf bei Hermes und Citipost

Sicher ist allerdings: Viele Kunden der gelben Post sehen sich schon jetzt nach Alternativen um. Das bemerken sowohl die konkurrierenden Paketdienste als auch die hannoversche Citipost, die im Verbund mit ihren Partnern ebenfalls bundesweite Postdienstleistungen anbietet. Es gebe mehr Zulauf, sowohl von Privatkunden als auch von Unternehmen, sagte eine Sprecherin des Paketdienstes Hermes. Deutlich bemerkbar mache sich das auch bei den Onlinehändlern, bei denen Kunden zwischen der Posttochter DHL und Hermes wählen könnten, berichtet sie. Dort klickten die Kunden seit Beginn der Tarifauseinandersetzungen überwiegend auf Hermes als gewünschten Zusteller. Die Citipost, die wie die HAZ zur Madsack Mediengruppe gehört, verzeichnet einen Auftragszuwachs von 30 Prozent.

Die streikenden Postler haben sich gestern in den Verdi-Höfen an der Goseriede versammelt.

„Die Kollegen sind wegen der Zahlentricksereien verärgert“, sagt Behrens. Zwar habe man die Briefzusteller nicht in den Streik einbezogen. Aber das Briefzentrum in Pattensen als zentrale Verteilstelle für den Raum Hannover sei lahmgelegt, zumal dort auch eine Produktionslinie aus technischen Gründen vom Netz habe genommen werden müssen. „Wir haben uns in Pattensen umgesehen. In der riesigen Anlage waren vielleicht noch zehn Leute unterwegs“, sagt der Gewerkschaftssekretär.

Paketzusteller steiken ab Freitag

Außer den Mitarbeitern des Briefverteilzentrums werden auch Paketzusteller zum Streik aufgerufen. „Als letztes kommt am Freitag der westliche Raum des Bereichs Hannover hinzu“, sagt Behrens. Dies werde der Post riesige Probleme bereiten, weil sie liegengebliebene Pakete irgendwo deponieren müsse: „Wir wollen die Post dort treffen, wo es wehtut.“

Postsprecher Jens-Uwe Hogardt gibt sich da noch entspannt. Die genannten 90 Prozent zugestellte Sendungen seien zwar bundesweite Werte. Regional betrachtet gebe es aber höchstens geringfügige Abweichungen. Hogardt verweist auf den hohen Automatisierungsgrad in Pattensen so wie darauf, dass die Post dort Büromitarbeiter einsetze, die während Streikzeiten im Betrieb mitarbeiten.

Demo am Steintor: Die Hannoveraner werden den Poststreik, bei dem die Gewerkschaft Ausgliederung von Personal in die neu gegründete und schlechter zahlende Tochtergesellschaft Delivery verhindern will, am Montag noch in anderer Form zu spüren bekommen. Verdi plant eine Kundgebung unter dem Motto „Es ist 5 vor 12“ auf dem Steintorplatz. Erwartet werden 2000 Teilnehmer aus Niedersachsen und Bremen. „Wir halten wochenlang durch, wenn es sein muss“, sagt Behrens. Unternehmenssprecher äußerten sich ähnlich.

Nachgefragt

 

... bei Lars Rehmann, Geschäftsführer Citipost Hannover.

Herr Rehmann, wie wirkt sich der Streik der gelben Kollegen auf die Citipost aus?
Wir profitieren davon außerordentlich, keine Frage.

Was heißt das genau?
Allein in den vergangenen zwei Tagen hatten wir 250 Anfragen von Geschäftskunden. Darunter sind die größten Unternehmen Hannovers. Viele verschicken ihre Briefe jetzt mit uns statt wie bisher mit der Deutschen Post. Dahinter steckt einfach die Absicht, den normalen Geschäftsverkehr aufrechtzuerhalten. Vielfach geht es auch um die Einhaltung von Fristen. Wenn der Streik noch länger dauert, wird die Nachfrage sicher weiter steigen. Es ist eine schöne Sonderkonjunktur für unser Unternehmen. Dazu gehört leider auch, dass in einigen Penny-Märkten unsere Briefmarken manchmal kurzfristig ausverkauft waren ...

Wie viele zusätzliche Briefe gehen bei Ihnen ein?
Wir haben eine Steigerung bei den Aufträgen in den vergangenen Tagen von insgesamt rund 30 Prozent. Jetzt arbeiten wir im Briefzentrum in drei Schichten statt wie bisher in zwei.

Schaffen Sie das überhaupt oder kommt es durch den plötzlichen Andrang zu Verzögerungen bei der Zustellung?
Im Moment ist die Lage beherrschbar, die Briefe sind genauso pünktlich wie vorher.

Werden durch den Streik viele Großkunden dauerhaft bei der Deutschen Post abspringen und bei Ihnen landen?
Das muss man erst einmal abwarten. Im Gespräch mit den neuen Kunden hört man aber, dass sie erst jetzt ihre große Abhängigkeit von der Deutschen Post bemerkt haben.

Wie ist es denn mit den Privatkunden, wann gibt es wieder Briefmarken?
Briefmarken sind wieder fast überall vorhanden. Wo es keine gibt, liefern wir kurzfristig nach. Manchmal ist der Postweg ja auch rechtlich wichtig.

Kann ich mit der Citipost eigentlich auch Einschreiben verschicken?
Ja, sicher. Am besten erkundigt man sich zuvor auf unserer Internetseite, wo sich in Hannover und im Umland unsere Service-Points befinden. Dort können die Einschreiben auf den Weg gebracht werden.

Interview: Mathias Klein

Bernd Haase 12.06.2015
14.07.2015
Jörn Kießler 12.06.2015