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Aus der Stadt „Viele unterschätzen das Risiko“
Hannover Aus der Stadt „Viele unterschätzen das Risiko“
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00:15 12.04.2013
Von Bernd Haase
Entblößte sich vor Putin: Alexandra Shevchenko.
Bei dem Unglück in Kaltenweide war ein Jugendlicher von einem Heidesprinter erfasst worden. Quelle: Dillenberg
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Hannover

Am Kopfende des Bahnsteigs am Bahnhof in Langenhagen-Kaltenweide liegen Gerbera und Rosen, Trauernde haben Kerzen dazugestellt. Es ist die Stelle, an der am Sonntag ein 15-jähriger Jugendlicher beim Überqueren der Gleise von einem durchfahrenden Regionalzug erfasst und getötet wurde. Er wollte eine auf dem gegenüberliegenden Gleis wartende S-Bahn erreichen und deshalb den Weg durch die Unterführung abkürzen. „Ein tragischer Fall“, sagt Detlef Lenger von der Bundespolizei.

Lenger kennt das Thema, er ist Präventionsbeauftragter für den Bereich Hannover-Braunschweig. Seine Aufgabe ist es, Menschen davon abzuhalten, sich an Bahngleisen in Lebensgefahr zu bringen. Der Versuch, einen wartenden Zug zu erreichen, gehört nach Lengers Erfahrung zu den klassischen Anlässen, warum Gleise überquert werden. Ungeduld vor geschlossenen Schranken oder das Bedürfnis, Wegstrecken abzukürzen, sind weitere. „Manche kennen das Risiko und gehen es bewusst ein, viele unterschätzen es auch“, sagt er.

Das Risiko ist hoch. Züge können im Gegensatz zu Autos nicht ausweichen, sondern nur hoffen, dass der Bremsweg ausreicht, um das Schlimmste zu verhindern. Der ist bei Zügen aber 30-mal länger als bei Personenwagen. Besonders gefährlich ist die Situation an Bahnhöfen wie Kaltenweide, an denen nicht nur Züge halten, sondern auch welche durchfahren. Der Heidesprinter, der den Jugendlichen erfasste, passiert die Station mit Tempo 120. Was viele nicht wissen: „Geschwindigkeit ist bei der Bahn in erster Linie eine Sache der Technik und nicht des Fahrzeugführers. Sie wird zentral über das Linienzugbeeinflussungssystem gesteuert.“ Es gehe vor allem darum, Fahrpläne einzuhalten.

Als sich 2006 einige schlimme Unfälle ereigneten, hat die Bundespolizei ihre Aufklärungsarbeit in Person von Lenger verstärkt. Schwerpunkt sind Besuche in Grund- und Berufsschulen. „Kleine Schulkinder überqueren Gleise aus Unwissenheit oder machen etwas nach, was sie gesehen haben. Warum Berufsschüler an Standorten wie Springe oder Neustadt häufig die Sicherheit außer Acht lassen, müsste man mal wissenschaftlich untersuchen“, sagt der Präventionsbeauftragte.

Zugreisende bekommen Vorfälle dann mit, wenn Bahnen warten müssen und als Grund „Personen im Gleis“ angegeben wird. Immerhin: Sowohl die Zahl der tödlichen Unfälle – 2012 waren es im Bereich Hannover–Braunschweig 21, wobei Suizide nicht mitgezählt werden – als auch die der registrierten Vorfälle hat sich seit 2006 laut Polizeistatistik spürbar verringert.

Dass das auch für die nicht registrierten Gleisüberquerungen gilt, kann man laut Lenger vermuten, sicher ist es nicht. In Kaltenweide etwa war das Verhalten des Jugendlichen kein Einzelfall. Und Präventionsarbeit stößt bei Unverbesserlichen an Grenzen. 25 Euro kostet es, wenn die Bundespolizei jemanden auf den Gleisen erwischt. In Springe, wo häufig kontrolliert wird, gibt es Kantonisten, die mehrfach abkassiert wurden. „Die machen das bewusst und nehmen die Knöllchen in Kauf“, sagt Lenger.

Bahn will keine Zäune

Bahnstrecken und Bahnhöfe im Stadtgebiet Hannovers, die an den Berufsschulstandorten Springe und Neustadt, die in Langenhagen, der Wedemark sowie in Laatzen-Rethen und in Sarstedt – die Bundespolizei kennt die Orte, an denen häufig Menschen über die Gleise laufen. Sie versucht es mit Aufklärungsarbeit, mit Kontrollen und mit Geldstrafen. Ein Thema liegt aber nicht in ihrer Zuständigkeit – mit baulichen Anlagen wie etwa Zäunen etwas gegen das Treiben zu unternehmen. Das wäre Aufgabe der Bahn, und die lehnt das in der Regel ab: „Wir sind dazu nicht verpflichtet und sehen uns auch nicht in der Lage, tausende Streckenkilometer bundesweit einzuzäunen.“ Bahn und Bundespolizei berichten zudem übereinstimmend, dass errichtete Zäune zerstört worden sind – von Menschen offensichtlich, die sich eine gewohnte Abkürzung nicht versperren lassen wollen. Die Bahn appelliert an die Vernunft derjenigen, die von einer Seite der Bahn auf die andere gelangen wollen. se/bis

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