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Aus der Stadt Vom Leben in der Eiszeit
Hannover Aus der Stadt Vom Leben in der Eiszeit
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10:36 12.02.2010
Eis und Schnee erschweren zurzeit das tägliche Leben in Hannover. Quelle: Burkert

Der Winter ist ungerecht, findet Henry Baumann. Der Hausmeister sitzt in seinem Kleintraktor mitten in Bothfeld und fegt mit der vorne befestigten Bürste den Schnee von den Gehwegen. Manchmal kann er kaum noch etwas sehen, weil der aufgewirbelte Schnee alles vernebelt. Vom Zauber des Winters kann der 57-Jährige nicht viel erzählen, Baumann ist vor allem eines: Verärgert. „Ich rotiere mir hier `nen Wolf und andere sitzen das einfach aus und kommen damit durch“, sagt er und zeigt auf den schneebedeckten Weg gegenüber. Mit „andere“ meint er Hausbesitzer, die eben nicht dafür sorgen, dass Leute wie er jeden Tag die Wege frei räumen. „Die machen nichts – und das hat auch gar keine Konsequenzen, die müssten bestraft werden“, schimpft Baumann. Und der Winterdienst von aha? „Ach, die mit ihrem Splitt – das richtet doch nur Schaden an.“ Henry Baumann hat sein eigenes Mittel, um die 240 Wohneinheiten trittsicher zu machen: „Blähton aus dem Baumarkt, der ist viel besser“, sagt er und zieht die Fahrertür wieder zu. Es liegen noch zwei Häuserblocks vor ihm.

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Die Kraft hat immer noch nicht nachgelassen, auch nicht nach über zwei Monaten eisglattem Winter. Schwungvoll greift ein aha-Mitarbeiter mit der Hand in seine Schaufel und wirft Splitt auf den Fußgängerweg am Lister Moltkeplatz. Ein paar Schüler eilen an ihm vorbei, sie wollen den Schulbus noch erwischen, ein junges Mädchen strauchelt kurz, unter der Schneefläche ist Eis versteckt. Und hier ist der Mann vom Winterdienst mit seinem Splitt noch nicht gewesen. „Ach, die Leute wollen, dass wir den Schnee abfahren, ganz weit weg und das Eis wegklopfen“, sagt er und zuckt mit den Schulter. „Aber wie soll das denn gehen? Wir können ja auch nicht überall sein.“ Jeden Tag arbeitet der 56-Jährige seit Wochen gegen den Winter an, und wenn man bei der Stadt auf den aha-Mitarbeiter hören würde, dann gäbe es das Problem mit dem festgetretenen Schnee und dem Eis gar nicht. Und dann hätte er jetzt auch nicht 250 Überstunden auf seinem Konto. „Man hätte von Anfang an Salz streuen sollen“, sagt er. „Mönninghof, der ist Schuld, der hat das Salzverbot verhängt“. Und nun? Ist es eben wie es ist, und immerhin versöhnt den fleißigen Mitarbeiter das Foto von den zugeschneiten Fahrrädern auf seinem Mobiltelefon mit dem Winter. „Schön, nicht?“

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Die Schicht ist hartnäckig. Ein-, zwei-, dreimal klopft Phillipe Zytka mit dem gußeisernen Spaten auf das Eis ein. Handschuhe braucht er nicht, die Bewegung halte ja warm genug. Doch etwas rot sind die Hände inzwischen schon. Täglich sorgen der Mieter und sein Hauseigentümer Karl-Heinz Hagemann hier in einer Seitenstraße in der List vor ihrer Haustür für Trittfestigkeit auf den Gehwegen. Manchmal sogar zweimal am Tag. Eigentlich soll das der private Reinigungsdienst machen, aber der 77-jährige Eigentümer ist nicht ganz zufrieden mit dem Ergebnis. „Die fahren ja nur einmal drüber und machen den Kram platt“, sagt er. Dann doch lieber den Spaten und das Eis wegstoßen, mit Körperkraft. Und danach Sand darüber, aus der Streugutkiste eine Straße weiter. „Die Leute sollen hier doch ohne Gefahr langgehen können“, sagt Zytka und bearbeitet weiter das Eis.

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Bis hierher, bis zu ihrer Siedlung in der Plauener Straße in Vahrenheide, ist der Weg vom Supermarkt für Monika Bötel mehr als beschwerlich. Die 67-Jährige ist auf einen Rollator angewiesen, und mit dem ist das Laufen auf vielen Wegen im Stadtteil schwierig. „Auch in den Bus einzusteigen ist nicht leicht, wegen des Schnees, der an der Bordsteinkante liegt.“ Deswegen geht Monika Bötel derzeit auch zu Fuß zum Vahrenheider Markt und fährt nicht, wie sonst, zu einem anderen Markt, in dem sie mehr bekommt. Doch obwohl ihr das Gehen bei diesen Straßenverhältnissen selbst nicht leicht fällt, verstaut Frau Bötel auf ihrem Rollator noch zusätzliche Einkäufe. Die für ihren Nachbarn nämlich. „Der ist über 80 und kann selbst nicht mehr so“, sagt sie.

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Frau Bötels Hausmeister hat einen schweizerischen Dialekt und einen Sitzrasenmäher mit Winterdienstausrüstung. Das erklärt, warum rund um die vier Häuser in der Plauener Straße so vorbildlich geräumt sind und Splitt gestreut ist. Jeden Tag arbeite er daran, und zwar den ganzen Tag, sagt Rolf Koch. Dabei sei es schwierig genug, an Splitt zu kommen, weil die Baumärkte alles stets zuerst an die Kommunen lieferten. Und noch einfacher wäre Vieles, dürfte er doch nur Salz benutzen. „Dann würde mich das alles hier nur ein Lächeln kosten“, sagt Koch, und sein ch ist so hart und kantig wie die schweizer Alpen.

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Gegen sieben Uhr am Morgen stehen sie in ihrer Stammbäckerei in der Südstadt und lesen die Morgenzeitung. Draußen sind die meisten Wege schon vorbildlich gefegt, nur der Spielplatz gegenüber ist eine einzige Eisfläche. Dennoch, sagt der Bäcker, kämen seit dem Kälteeinbruch merklich weniger Kunden in seine Bäckerei. „Viele trauen sich derzeit nicht so recht vor die Tür – oder nur dann, wenn sie unbedingt müssen.“

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Es ist Viertel vor acht, als der elfjährige Robin vor seiner Schule am Altenbekener Damm langsam die Bremsung einleitet, auf den Straßenrand zusteuert und das Hinterrad schon leicht schlingern spürt. Anderthalb Kilometer hat Robin jeden Tag mit dem Fahrrad zurückzulegen, er trägt einen Helm und einen großen Rucksack, einmal schon hat es ihn erwischt in diesem Winter. Ja, wird er hinterher sagen, das sei schon eine schwierige Angelegenheit mit dem Radfahren in diesen Tagen, bei dem Eis und Schnee gehe es, wenn überhaupt, nur auf der Straße. Aber was soll’s, wie sonst soll man anderthalb Kilometer zurücklegen – mit der Straßenbahn vielleicht? Also ist er heute Morgen wieder auf den Sattel gestiegen, und nun fängt eben das Hinterrad das Rutschen an. Robin versucht noch, sich auf den Schneehaufen zu retten, den der Winterdienst am Rand des Altenbekener Damms aufgetürmt hat. Aber es reicht nicht mehr. Robin gleitet aus, lang schlägt er auf die linke Seite. Dann steht er auf, klopft sich die Hose ab und notiert wohl in Gedanken: Winter 2010: Zwei Stürze, beide glimpflich.

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Am Sahlkamp versuchen Heike Krüger und Gabriele Stade zu ihrem Einsatzort zu kommen. Mit dem Fahrrad. Koch und Stade sind Postzustellerinnen und freuen sich über die Spike-Aufsätze für die Schuhsohlen, die „die Firma“ ihnen zur Verfügung gestellt hat. Nicht erfreut sind sie über die Zuwege zu vielen Briefkästen. Auf denen, sagt Frau Stade, sei die Sturzgefahr oft höher als beim Radfahren auf der Straße. Zwar seien die Radwege längst nicht mehr benutzbar, doch gingen die Autofahrer sehr rücksichtsvoll mit ihnen um. Dennoch haben beide seit Winterbeginn vom vielen Fahrradschieben durch den Schnee „fast schon Dauermuskelkater“.

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Eigentlich hat Erika von Burgsdorf es nicht weit bis zum nächsten Supermarkt. Aus dem Haus raus, das Stückchen den Berg hoch, dann immer geradeaus und hinter der Kurve links. Nicht mehr als ein paar Hundert Meter sind das. Doch für die 82-jährige Kirchröderin ist der Weg in den letzten Wochen doch oft ein wenig zu weit. „Besonders die Schneeberge an den Übergängen machen das Gehen da manchmal schwer“, sagt sie. Und der Oberschenkelhalsbruch vom vergangenen Jahr lässt sie vorsichtig sein, so schwer es ihr auch fällt, langsamer zu sein als früher. „Ich bin nicht der Typ, der was langsam macht“, sagt sie und meint es auch so. Die Nachbarn versorgen sie derzeit mit allem, was sie braucht. „Die sind so rührend und rufen mich immer an, ob sie mir vom Einkaufen etwas mitbringen soll“, erzählt sie. Mal einen Liter Milch, mal etwas Brot, je nachdem. Dies und das packen auch Ruth Gellermann und Kirsten Wille vom Beki Frischmarkt im Kleinen Hillen in Kirchrode zweimal die Woche in große grüne Körbe. Der Lieferservice des Supermarkts ist seit dem Wintereinbruch vor knapp zwei Monaten doppelt so stark nachgefragt. „Unsere älteren Kunden sind sehr dankbar, dass es diese Möglichkeit gibt“, berichtet Marktleiterin Gellermann. Zweimal in der Woche, mittwochs und freitags, fährt eine Aushilfe die bestellten Lebensmittel zu den Kunden nach Kleefeld, Kirchrode oder Bemerode. Fünf Euro Servicegebühr verlangt der Supermarkt, dafür wird den Kunden die Wasserkiste aber manchmal auch in den Keller getragen.

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Wie Rita Schrader mit dem Winter klarkommt? „Beschissen, also wenn man das so sagen darf.“ Zweimal schon hat sich die 77-Jährige in den vergangenen Jahren das Handgelenk gebrochen, noch einmal will sie das nicht erleben. Viel raus geht die Listerin im Moment nicht, das Wichtigste besorgt ihr Mann, doch manchmal, wenn sie es drinnen nicht mehr aushält, dann geht auch Rita Schrader hinaus. Aber nicht ohne vorher den Rutschtest zu machen. „Ich gehe hinunter, teste mit meinem Fuß den Bürgersteig und wenn es zu glatt ist, gehe ich gleich wieder hinauf“, sagt sie und lächelt. Heute hat der Bürgersteig den Test bestanden und Frau Schrader ist hinausgegangen, um die Zeitung zu kaufen. „Aber nicht so weit.“ Viele Fußwege seien eben nicht geräumt, und über die Straße zu kommen, das sei besonders schwierig. „Und wenn ich da die jungen Dinger mit den hohen Absätzen sehe, das kann ich wirklich nicht verstehen“, sagt die Rentnerin. „Na ja, oder doch, ich hab sowas ja auch mal getragen.“ Aber jetzt nimmt sie lieber die „ordentlichen“ Schuhe mit viel Profil.

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Im Bezirksrat Kirchrode-Bemerode-Wülferode gehen am Mittwochabend die Ansichten zum Thema Winterdienst ziemlich weit auseinander. „Katastrophal“ seien die Zustände, sagt die CDU, für „massiv übertrieben“ hält das die SPD. Eine Stichstraße, auf der es glatt ist, kennt ihm Bezirk jeder. Noch vor drei Wochen habe man gesehen, wie im Stadtteil Bäume beschnitten worden seien, meint die CDU. Warum haben dieselben Leute nicht stattdessen Schnee geschoben? „Hier müssen Prioritäten gesetzt werden“, heißt es von den Christdemokraten. Das aber lässt die SPD so nicht stehen: „aha arbeitet seit Mitte Dezember rund um die Uhr, keine Bahn und kein Bus ist bisher ausgefallen. Der Begriff „katastrophal“ sei ihnen „eine Nummer zu groß“.

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Karina Morgenstern fährt jeden Morgen Rad. Sonst zur Arbeit, heute zum Tennis. Das tut sie in diesen Tagen nur noch auf der Straße. „Die Radwege sind ja nirgendwo geräumt.“ An diesem Morgen in der Südstadt fahren die Autos vorsichtig um sie herum, auch, weil sich aus den Linienbussen die Schülerschaft der umliegenden Lehranstalten auf die Straße ergießt. Die geht mitunter recht sorglos mit dem mühsam gelernten links-rechts-links-Blick um und fordert damit unwillkürlich die Autofahrer zum Mitdenken auf.

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Was Hans-Jürgen Diller von Schnee, Eis und Kälte hält, ist ihm auf die Stirn geschrieben: „Schietwetter“ steht in großen gelben Lettern auf seiner Wollmütze. Und wenn es nur das Wetter wäre, vor allem die Zustände auf den Gehwegen bei ihm in der Lister Nachbarschaft, machen dem Kraftfahrer regelmäßig Ärger. „Die Leute machen das einfach nicht weg“, sagt der 58-Jährige und klopft den Schnee von seinen dickbesohlten Schuhen ab. Und warum das so ist, weiß Diller auch: „Das ist ein gesellschaftliches Problem, früher, da haben die Leute dafür gesorgt, dass es hier ordentlich aussieht.“ Und heutzutage eben nicht. Da bleibt als Protest nur noch die Mütze.

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Rolf Henze hat sich am Morgen die Schiebermütze aufgesetzt und die Schaufel geschnappt und nun schippt er seinen Weg in der Mittelfelder Erythropelstraße, weil man das eben macht. Henze hält das Wetter nicht für so etwas besonderes und das Schneeschieben auch nicht. Man muss darüber nicht groß diskutieren. Wenn Winter ist, ist es kalt, und wenn es kalt ist, ist es glatt. So ist das eben. Herr Henze wohnt im Eckhaus zur Marahrensstraße, und die ist weniger gut geräumt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Blöd ist nur, dass die Stadtbahnstation in der Nähe vor kurzem um ein paar hundert Meter umgezogen ist, und nun läuft halb Mittelfeld durch die Marahrensstraße zur Bahn. Das, hat Herr Henze beobachtet, könne schon mal schwierig werden. Gut geräumt dagegen ist das Gelände der Freiwilligen Feuerwehr Wülfel. Die hat am Vortag die Jugendfeuerwehr zum Schneeschieben verdonnert.

Hannah Suppa und Felix Harbart

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