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Aus der Stadt Eine Stadt im Streik
Hannover Aus der Stadt Eine Stadt im Streik
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00:15 22.03.2014
Von Felix Harbart
Am Mittwoch zogen mehrere Tausende Streikende durch die Innenstadt. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Es ist gegen 12 Uhr an diesem ersten Warnstreiktag, und wie jedes Mal ist der Kampf um die Deutungshoheit über den Streik im öffentlichen Dienst schon ein paar Tage im Gange. Muss das sein, dass die Beschäftigten im öffentlichen Dienst streiken, wo das doch immer so wehtut? Ein Tag ohne Busse und Bahnen, städtische Kindertagesstätten und Müllabfuhr und, was mit Verlaub nicht ganz so auffällt, ohne Grünflächenamt, Wasser- und Schifffahrtsdirektion und Bürgeramt? Man kann die Sache so und so sehen, und wer was wie sieht ist schon beinahe zu oft durchgekaut, bevor am Streikmorgen der erste Gewerkschafter in seine Pfeife bläst. Doch dann trifft man bei der Abschlusskundgebung vorm Hauptbahnhof Thorid Hartwig. Und bekommt ein Gefühl dafür, dass hinter allen Ritualen und Fassaden ein Kern steckt und sich die ganze Diskussion darüber doch lohnt.

Während der Kundgebung am 19. März zogen Tausende Streikende durch die Innenstadt von Hannover.

Hartwig ist 23 Jahre alt und in der Ausbildung zur Krankenschwester im Klinikum der Region. Neulich haben sie gesagt bekommen, dass es schwierig wird mit einer Übernahme, wegen der Zusammenlegungen und drohenden Stellenstreichungen im Klinikum. „Ich möchte übernommen werden, ich habe einen Sohn, ich brauche eine Absicherung“, sagt Hartwig. Zwar gibt es Jobs in der Branche, anderswo, bei Privaten. „Aber da verdient man ja fast gar nichts mehr.“ Ein paar Minuten später wird ihre Azubi-Kollegin Karina Scherdin auf der Bühne sagen, oft seien sie gemeinsam mit einer ausgelernten Pflegekraft für 20 Patienten zuständig. „Es gibt keine Zeit, uns anzulernen, und keine Zeit für die Patienten. Wir arbeiten unter Zeitdruck, Leistungsdruck und mit Gewissensbissen, weil wir das, was wir in der Schule lernen, nicht anwenden können.“ Da sprechen junge Frauen, die sich die Welt und ihren Job ein bisschen anders vorgestellt hatten. „Es kann nicht sein, dass mit Pflege Geld verdient wird“, sagt Thorid Hartwig. „Das ist doch Dienst am Mitmenschen. Wir arbeiten schließlich nicht mit Robotern.“ Hartwig guckt fast ein bisschen flehentlich. Da braucht man doch wenigstens einen Job, der einen ernährt. So guckt sie.

Rückblick

Der Streiktag im Live-Ticker zum Nachlesen.

So ähnlich denken sie alle in dem Zug der laut Gewerkschaft und Polizei rund 8000 Demonstranten, wenn auch nicht alle so eindringlich wie Thorid Hartwig. Allein 2100 der rund 9000 Bediensteten der Stadt haben die Arbeit niedergelegt, die Bahnen und Busse der Üstra stehen still, aha holt keinen Müll ab. 39 städtische Kitas sind geschlossen, sodass die Eltern von 3500 Kindern improvisieren müssen. Die Bürger- und allerlei andere Ämter sind zu, bis hin zur Waffenbehörde der Stadt.  Am Hauptbahnhof warten außerdem einige Arbeitnehmer der Druckindustrie, die sich ebenfalls in einer Tarifauseinandersetzung befinden.

Auch im Umland wird gestreikt: In Isernhagen, Lehrte und anderswo öffnen kommunale Kitas nur eingeschränkt. Das Klinikum der Region ist ebenfalls vom Ausstand betroffen. Eine Notdienstvereinbarung stellt jedoch sicher, dass alle Notfälle versorgt und nicht aufschiebbare Operationen durchgeführt werden. Parallel zur Demo in Hannover protestieren in Laatzen weitere 700 Menschen. Viele der 8000 öffentlich Bediensteten im Demo-Zug finden, dass die geforderten Lohnerhöhungen von pauschal 100 Euro plus 3,5 Prozent viel zu bescheiden sind. Stadtbahnfahrer Michael Much zum Beispiel, seit 22 Jahren bei der Üstra, der mit 2800 Euro brutto eine siebenköpfige Familie ernähren muss. Und sein Bus fahrender Kollege, der vier Kinder hat und trotz voller Stelle bis vor Kurzem noch zusätzlich Geld vom Amt beantragen musste. Vielleicht sollte er einfach aufhören zu arbeiten, sagt er mit einem Anflug von Gottergebenheit. „Dann lacht sich wenigstens mein Nachbar nicht mehr über mich kaputt. Der hat Hartz IV und am Ende so viel raus wie ich.“ So reden sie im Zug.

In der Stadt drumherum reden manche anders. Auf der Berliner Allee lehnt ein Mann telefonierend an seinem BMW, weil der Zug für eine gute halbe Stunde die Kreuzung mit der Marienstraße versperrt. Er muss dem Arzt absagen, zu dem er seine Schwiegermutter bringen sollte. „Die Frau sitzt im Rollstuhl“, sagt er und deutet auf die trillerpfeifenden Demonstranten. „Übers Knie legen sollte man die.“ Die Berufsschülerinnen Julia und Melissa sind genervt, weil sie zu Fuß vom Hauptbahnhof zum Waterlooplatz müssen. Und ein Taxifahrer aus dem Irak sagt: „Muss das denn immer sein, dieser ewige Kreislauf aus Inflation und Streiks um Lohnerhöhungen? In so einem reichen Land?“ Gerade hat er eine halbe Stunde am Aegi gestanden, weil der Demo-Tross vorbeikam. „Wir haben Tausende von Anfragen in der Taxizentrale, Leute wollen zur Arbeit, Kinder zur Schule – aber wir kommen nicht durch.“ Mehrere Verhandlungen an Amts- und Landgericht starten mit Verspätung, die zahlreichen Verkehrsbehinderungen stören auch die Kreise der Justiz. Etliche Zeugen haben sich auf ihr Rad geschwungen, um ja nichts zu verpassen, in einer Scheidungsangelegenheit kommt die Ehefrau mit hochrotem Kopf ins Amtsgericht gejoggt.

Die Gewerkschaft ver.di hatte am 19. März zu einem Warnstreik in Hannover aufgerufen. Betroffen waren die Kommunen, also Stadtbahnen und Busse der Üstra, städtische Kitas, Müllabfuhr, aha-Betriebshöfe sowie städtische Ämter und Einrichtungen wie Schwimmbäder.

Insgesamt aber richtet sich Hannover wieder mal gut ein auf den Streik. Ziemlich genau alle zwei Jahre trifft es die Stadt, wegen des hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrades und der zentralen Lage. Das führt zu zuverlässig hohen Teilnehmerzahlen bei den Demos und zu Routine bei den betroffenen Bürgern. Zwischen 7 und 8 Uhr am Morgen wird es auf den Schnellwegen und in der Innenstadt voll, vor dem Hauptbahnhof entbrennt der Kampf um freie Taxen. „Man merkt, dass heute Streik ist, die Stadt ist deutlich voller“, sagt Taxifahrer Pedro Emilio. Bei Tarik Akcay, Mitarbeiter der Radstation am Hauptbahnhof, haben schon am Dienstag viele Kunden Leihfahrräder reserviert, auch auffällig viele Teilautos sind unterwegs. Am Ende des Tages aber können Polizei und Verkehrsmanagementzentrale vermelden: keine besonderen Vorkommnisse.

Noch können die Gewerkschafter damit leben, dass kaum jemand sich ernsthaft aufregt. Aber irgendwann müssen Streiks aus ihrer Sicht auch richtig wehtun. Und weil auch das dazugehört, drohen sie vorsichtshalber den ganzen Tag über mit weiteren Ausständen. Heute und morgen gehen die Tarifverhandlungen in Potsdam in die nächste Runde. Gebe es dann kein akzeptables Angebot, werde man in die Schlichtung gehen – oder in den Erzwingungsstreik, sagt Üstra-Betriebsrat Uwe Köhler. „1992 ging so ein Streik schon einmal elf Tage, das ist aber durchaus ausbaubar.“ So hört sich Warnstreikrhetorik an.

Für einen Tag ging es also ganz gut ohne Üstra, Kitas, Müllabfuhr, Waffenbehörde. Aber die Geduld ist endlich, hier wie da. Der Gong für die nächste Gesprächsrunde erklingt am Donnerstag. Dann ist nach all der Rhetorik wieder Zeit für ernsthafte Gespräche.

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