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Aus der Stadt Warum Erzieher am Freitag streiken
Hannover Aus der Stadt Warum Erzieher am Freitag streiken
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00:15 21.03.2015
Von Saskia Döhner
Immer freundlich, immer im Einsatz: Erzieher Matthias Knoke hilft beim Essen, Zähneputzen und Schaukeln. Und zur Gitarre greift er zwischendurch auch, um den Kindern eine Freude zu machen.
Immer freundlich, immer im Einsatz: Erzieher Matthias Knoke hilft beim Essen, Zähneputzen und Schaukeln. Und zur Gitarre greift er zwischendurch auch, um den Kindern eine Freude zu machen. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Matthias Knoke greift zur Gitarre und spielt „Happy Birthday“, auch wenn an diesem Tag gar keines der Kinder Geburtstag hat. Er spielt es einfach nur so. Weil es das Lieblingslied der Ein- bis Dreijährigen ist. „Geburtstag, das ist etwas Besonderes, das finden viele schön“, sagt Dagmar Häfker, die Leiterin der Kindertagesstätte am Vinnhorster Weg.

Schöne Momente sind bei den meisten der 130 Kinder im Alter zwischen ein und zehn Jahren - die Kita hat noch zwei Hortguppen in der nahe gelegenen Grundschule - rar gesät. Ihre Eltern sind arm, arbeitslos, oft selbst noch im Teenageralter, der Obdachlosigkeit gerade noch einmal entronnen oder traumatisiert, weil sie als Flüchtlinge aus einem Kriegsgebiet gekommen sind. Eine heile Welt erleben manche Kinder nur im Kindergarten. Das lichtdurchflutete Gebäude mit dem weitläufigen Außengelände ist eine „Erschwernis-Kita“. Früher nannte man das „Brennpunkt-Kita“.

In Hannover und der Region streiken die Kitas. Wie aber sieht der normale Alltag der Kinderbetreuung aus? Wir haben eine Blick in die Kita am Vinnhorster Weg geworfen und die Erzieher Dagmar Häfker und Matthias Knoke bei der Arbeit begleitet.

Der Erzieher Matthias Knoke macht vieles einfach mal so. Er greift zur Gitarre, er nimmt den kleinen, müden Jungen hoch, der auf seinen Arm will, er hebt die Gabel auf, die eine Zweijährige beim Essen mit Ganzkörpereinsatz versehentlich vom Tisch gefegt hat, wischt die Tischplatte ab, er gibt drei Kindern auf der Schaukel Anschwung, ermahnt einen anderen Jungen freundlich, aber bestimmt, den Hocker nicht über den Flur zu werfen, hilft beim Zähneputzen. Wie die anderen 30 Mitarbeiter der Kita ist er dabei immer freundlich und gelassen und aufmerksam gegenüber den Belangen der Kleinsten.

Die Anforderungen an den Erzieherjob seien über die vergangenen drei Jahrzehnte immer größer geworden, sagt der 58-Jährige: „Von wegen ein bisschen Basteln, heute werden die Kinder nach einem individuellen Bildungsplan gefördert, und alles muss genau dokumentiert werden.“

Seit vergangenem Sommer müssen sich die Kinderpfleger, Erzieher, Sozial- und Heilpädagogen auf einmal auch verstärkt um Einjährige kümmern: „Das ist etwas ganz anderes als Anderthalb- oder Zweijährige“, sagt Knoke, „sie können oft noch nicht laufen und reden, sie brauchen eine Eins-zu-eins-Betreuung.“ Viele Einjährige sind schon um 10 Uhr müde und werden wieder wach, wenn die Größeren langsam ihren müden Punkt erreichen. Weil der Migrantenanteil in der Kita hoch ist, betreuen die Beschäftigten nicht mehr nur die Kinder, sondern häufig auch noch ihre Eltern, übersetzen Briefe von Behörden, begleiten Familien zum Jobcenter oder zum Arzt. „Elterngespräche führe ich jetzt oft auf Englisch“, sagt Knoke. Leiterin Häfker begrüßt einen groß gewachsenen, dunkelhäutigen 15-Jährigen. Er ist früher selbst hier Kita-Kind gewesen, nun macht er sein Schulpraktikum.

Zum Leben reicht das Einkommen kaum

Streikwelle beginnt in Südniedersachsen: Rund 2300 Beschäftigte aus dem kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst haben sich am Mittwoch am ersten Warnstreiktag beteiligt. Betroffen waren Kitas, Beratungsstellen, Jugendhilfe-Einrichtungen, Behinderten-Werkstätten sowie Kinder- und Jugendheime vor allem im Süden des Landes. In Göttingen, Lüneburg und Braunschweig gab es Protestkundgebungen. Heute treten Erzieher und Sozialpädagogen im Raum Osnabrück, Friesland und Cuxhaven in den Ausstand, am Freitag erreicht die Streikwelle Hannover und Hildesheim. In der aktuellen Tarifrunde fordert Verdi eine Gehaltserhöhung von im Schnitt 10 Prozent. „Wir treten für eine spürbare Aufwertung der sozialen Berufe ein“, sagte Gewerkschaftssekretärin Birgit Schütte gestern in Hannover, „und dabei geht es nicht um verbale Anerkennung, sondern konkret um mehr Geld. Der Wert eines Berufs bemisst sich nach dem Einkommen.“ Solange man mit dem Erziehergehalt keine Familie ernähren könne, sei es kein Wunder, dass vorwiegend Frauen in Kitas arbeiteten. Erzieher mit vierjähriger Berufserfahrung erhalten ein Bruttogehalt von rund 2700 Euro, nach acht Jahren im Job sind es gerade einmal knapp 180 Euro im Monat mehr. Auch die Mitarbeiter im kommunalen Sozialdienst arbeiten laut Annette Pansy-Ewald „am Limit“. Sie entscheiden darüber, ob ein Kind aus einer Familie genommen wird, weil es misshandelt werden könnte. Greifen sie zu spät ein, können sie dafür persönlich haftbar gemacht werden.

Weil die Aufgaben für Erzieher immer mehr geworden sind, die Bezahlung aber gleich schlecht geblieben ist, werden Matthias Knoke und seine Kollegen am Freitag nicht für die Kinder da sein. Die Einrichtung bleibt den ganzen Tag geschlossen. Alle 39 städtischen Kitas und rund 200 weitere im Umland beteiligen sich an einem landesweiten Warnstreik. Verdi fordert rund 10 Prozent mehr Gehalt für die Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erzieherdienst. „Wer 45 Jahre lang als Erzieher gearbeitet hat, hat mit 67 eine Rente knapp oberhalb der Armutsgrenze, das kann doch nicht sein“, sagt Knoke. Und Kita-Leiterin Häfker ergänzt: „Eine junge Frau, die nach vier oder fünf Jahren Ausbildung in einer Kita anfängt, muss doch genug verdienen, dass sie sich eine eigene Wohnung mieten kann, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein, der sie mit durchfüttert.“

Die Eltern seien schon lange vorher über den Streiktag informiert worden, sagt Häfker, und sie stünden hinter den Forderungen der Beschäftigten. Das hatte auch jüngst der Kita-Stadtelternrat bekräftigt.

„Wir tun uns schwer mit einem Streik, der zulasten der Kinder und Eltern geht“, sagt Personalrätin Martina Poppinga am Mittwoch bei einer Verdi-Pressekonferenz. „Aber uns bleibt keine andere Möglichkeit, wenn wir auf unsere Belange aufmerksam machen wollen, anders können wir uns kein Gehör verschaffen.“ Sie verweist darauf, dass viele Erzieher nicht einmal eine Vollzeitstelle haben, weil die Kommunen im Umland - anders als in der Stadt Hannover - noch immer vorwiegend Teilzeitplätze für Kinder anböten. Folglich gebe es auch für die Beschäftigten nur Teilzeitstellen.

„Ich werde immer mehr zum Erziehungsberater“, sagt Matthias Knoke. Viele Eltern seien verunsichert. Warum ist Fernsehgucken für Drei- oder Vierjährige schlecht? „Manche Einwanderer können das nicht verstehen“, berichtet Knoke. Moderne Medien gälten da als etwas Fortschrittliches, außerdem könnten die Kinder beim Fernsehgucken vermeintlich prima Deutsch lernen. Wer aus Ghana kommt und 35 Grad gewöhnt ist, der schickt im deutschen Frühling sein Kind mit Strumpfhose und Mütze nach draußen. Am Freitag bleibt die Kita zu, aber am Montag greift Matthias Knoke wieder zur Gitarre und spielt vielleicht auch „Happy Birthday“.

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