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Aus der Stadt Warum fällt bei meinem Kind die Schule aus?
Hannover Aus der Stadt Warum fällt bei meinem Kind die Schule aus?
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00:16 16.11.2015
Ärgernis Schulausfall: Auch in Hannover haben die Schulen Probleme bei der Unterrichtsversorgung. Quelle: Caroline Seidel
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Hannover

Das Kultusministerium hat eingeräumt, dass die Unterrichtsversorgung an Gymnasien wahrscheinlich landesweit nur noch bei rund 99,5 Prozent liegt. Als erstrebenswert gelten Werte deutlich über 100 Prozent, um krankheitsbedingte Ausfälle kompensieren zu können.

Wie sieht es aktuell an Hannovers Gymnasien aus?
Sehr unterschiedlich. Die Unterrichtsversorgung sei je nach Schule sehr niedrig bis ganz ordentlich, schätzt Beate Günther, Sprecherin der hannoverschen Gymnasialleiter. An einigen Gymnasien liege sie nur bei rund 93 Prozent, an anderen bei 99 Prozent. „Vergangenes Schuljahr war es deutlich besser“, sagt Günther. Da lag die Unterrichtsversorgung an den Gymnasien landesweit statistisch bei 102,9 Prozent.

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Warum fallen auch an Schulen mit guter Unterrichtsversorgung Stunden aus?
Eltern berichten auch aus hannoverschen Gymnasien, dass ihre Kinder morgens plötzlich später zur Schule kommen sollen oder mittags früher freihaben. „Wenn das wöchentlich passiert, ärgere ich mich einfach“, sagt ein Vater, der anonym bleiben will. Er berichtet von Weiterbildung der Lehrer, die auch in der Unterrichtszeit läuft. „Wenn sich morgens ein Lehrer krankmeldet, kann ich nichts machen“, sagt Martin Thunich, Leiter der Wilhelm-Raabe-Schule. Bei längerfristiger Erkrankung oder der Elternzeit, die junge Mütter und Väter nehmen, gibt es theoretisch Geld für eine Vertretung. In der Realität fällt jedoch oft Unterricht aus. „Wenn ein Kollege im November geht und im Februar wiederkommt, finden wir nicht immer eine passende Vertretung“, sagt Dieter Wignanek, Leiter der Ricarda-Huch-Schule.

Fehlen Lehrer, weil das Oberverwaltungsgericht die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung für Lehrer an Gymnasien gekippt hat?
Nur mittelbar. Beate Günther, selbst Leiterin der Schillerschule, betont, das Kultusministerium habe den Gymnasien für dieses Schuljahr als Ausgleich zusätzliche Stellen bewilligt. Für ein mittelgroßes Gymnasium sind drei bis vier zusätzliche Lehrer notwendig. „Das Problem ist nur, dass es irgendwann keine geeigneten Bewerber mehr gab. Manche Schulen haben deshalb zum 1. August Stellen nicht besetzt.“ Als Folge fällt Unterricht aus. Günther hat dennoch Verständnis für die Haltung. „Auf einen Bewerber, der das Examen nur knapp bestanden hat, verzichtet man lieber. Lehrer werden schließlich auf Jahrzehnte als Beamte eingestellt.“ Günther erwähnt noch, dass an ihrer Schule aktuell viele Lehrer die Mehrstunden abbummeln, die sie vorher extra leisten mussten.

Wird zum nächsten Halbjahr alles besser?
Aktuell laufen die Bewerbungsgespräche. Die Wilhelm-Raabe-Schule plante bisher, ab Februar Erdkunde in zwei Jahrgängen ausfallen zu lassen. Jetzt ist eine neue Lehrerin eingestellt. Doch abgesehen von diesem Beispiel kritisiert Beate Günther, dass jetzt den Gymnasien doch wieder zu wenig Stellen zur Neubesetzung zugebilligt wurden. „Dabei haben jetzt neue Bewerber ihr Studium abgeschlossen, und wir könnten Lücken schließen.“

Was besagt die statistische Unterrichtsversorgung?
Zu Beginn des Schuljahres melden die Schulen ans Land, ob sie mit den vorhandenen Lehrern die vorgesehenen Pflichtstunden erteilen können, ermittelt wird also das Verhältnis von Lehrer-Soll- zu Lehrer-Pflicht-Stunden. Bei den Lehrer-Soll-Stunden kommen neben dem Pflichtunterricht an den Gymnasien neuerdings zwei Poolstunden pro Jahrgang hinzu, mit denen Schüler beispielsweise besonders gefördert werden. Nicht eingerechnet sind Ausfälle durch Krankheit oder Mutterschutz. Eine Unterrichtsversorgung von 90 Prozent ist laut Horst Audritz, Vorsitzender des niedersächsischen Philologenverbandes, katastrophal. Um Vertretungsreserven zu haben, sei ein Wert von 103 Prozent nötig.

Wie beurteilen Kommunalpolitiker die Lage in Hannover?
Nach Ansicht von Maximilian Oppelt (CDU) werden Gymnasien von der rot-grünen Landesregierung benachteiligt: Bei den Neueinstellungen kämen Gymnasien zu allerletzt an die Reihe. Dies hatten auch CDU- und FDP-Landtagsabgeordnete seit Monaten immer wieder moniert, aus ihrer Sicht hat die Koalition die Lücke sehenden Auges mitverursacht, weil sie in den Vorjahren viel zu wenig Lehrer an Gymnasien eingestellt hatte. Flüchtlinge sind laut Oppelt kaum ein Grund für die schlechte Unterrichtsversorgung: „Die sind in den Gymnasien doch noch gar nicht angekommen, die sind doch meist in den Grundschulen.“ Michael Klie, Schulexperte der SPD im Rat, sagt, insgesamt gebe es im Land zu wenig Bewerber, gerade in Mangelfächern. „Von Bestenauswahl kann da keine Rede mehr sein.“ Seit Jahren fehlen etwa Pädagogen für Mathematik, Musik und Physik.

Von Bärbel Hilbig und Saskia Döhner

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