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Aus der Stadt Was hilft beim Sterben?
Hannover Aus der Stadt Was hilft beim Sterben?
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00:21 07.11.2014
Foto: „Wir stellten für kurze Zeit fest, wie schön das Leben wirklich ist“: Oliver Przytarski fuhr mit seiner Freundin Thea in die Schweiz – und kehrte alleine heim.
„Wir stellten für kurze Zeit fest, wie schön das Leben wirklich ist“: Oliver Przytarski fuhr mit seiner Freundin Thea in die Schweiz – und kehrte alleine heim. Quelle: Surrey
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Hannover

Ihr Zug kam um 15.31 Uhr in Zürich an. „Beim Öffnen der Türen hatte ich das Gefühl, dass die Zeit für Thea von nun an rückwärts läuft“, sagt Oliver Przytarski. Die gute Freundin, die er in die Schweiz begleitete, hatte vom Öffnen der Türen an noch 36 Stunden zu leben. Was macht man, wenn einem noch anderthalb Tage bleiben? „Wir machten einen Ausflug nach Bern“, sagt der 42-Jährige. Mit einer Gondel fuhren sie auf den Berg, tranken gemeinsam Kaffee. „Wir stellten für kurze Zeit fest, wie das Leben wirklich ist, und dass es sehr schön ist“, sagt er. „Leider kann man diesen Zustand nicht aufrechterhalten.“

Endlose nächtliche Diskussionen waren der Fahrt vorausgegangen, die sie gemeinsam antraten und von der er alleine nach Hannover heimkehrte. Bei Thea hatte man Lungenkrebs diagnostiziert, und eines Abends hatte sie von Suizid gesprochen. „Sie wollte nicht lange leiden“, sagt Przytarski. „Sie war eisern entschlossen, und ich konnte sie nicht davon abbringen.“ Schließlich fragte sie ihn, ob er sie nicht begleiten wolle, in die Schweiz. Dort sind die rechtlichen Voraussetzungen günstiger für Sterbehilfeorganisationen wie jene, die Thea gewählt hatte.

Den Moment des eigenen Todes selbst wählen zu können – das zählt zu den elementaren Dingen des Lebens auch für jene Gruppe, die sich in Hannover an jedem ersten Freitag eines Monats im Café Konrad trifft. Es geht darum, mithilfe eines Arztes oder eines Vereins die letzten Augenblicke in Würde zu erleben. „Der freie Wille des betroffenen Menschen muss die letzte Instanz sein“, sagt Ingeborg Wirries.

Die 74-Jährige aus Ronnenberg, früher Lehrerin und bis 2010 Lehrbeauftragte am Institut für Erziehungswissenschaften an der Leibniz Universität, ist bei den Freitagsrunden stets dabei. Ein Pflichttermin, im Lokal trifft sich der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), Wirries ist Stellvertreterin für Niedersachsen. Die Organisation will in erster Linie zum Kirchenaustritt motivieren, beschäftigte sich zuletzt aber auch mit dem Verbot der organisierten Sterbehilfe, wie es die Große Koalition plant. Frei zu sein in weltanschaulichen Fragen, dazu gehört für Wirries auch das „Menschenrecht, sein Lebensende selbst zu gestalten“. Etwas, das kein Gesetz reglementieren dürfe.

Vor Kurzem stand sie deshalb in Hannovers Fußgängerzone, gemeinsam mit Anhängern der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben und der Giordano-Bruno-Stiftung. Was sie fordern ist letztlich: das Recht auf letzte Hilfe.

Oliver Przytarski will kein Streiter für oder gegen Sterbehilfe sein. „Eigentlich finde ich, man sollte nicht in die Natur eingreifen“, sagt er, „aber andererseits hat da jeder seine eigenen Vorstellungen.“ Ihm geht es nicht um Politik, wenn er seine Geschichte erzählt, nicht um das ethische Für und Wider. Es geht ihm nur um die Erfahrungen, die er persönlich mit Theas Freitod gemacht hat. Dankbar sei sie gewesen, als er mit ihr nach Zürich fuhr, sagt er. Seine Begleitung sei ein Liebesbeweis gewesen, sagt er noch immer. Aber er sagt auch: „Mir war damals nicht klar, was da auf mich zukommt.“

Psychisches Leiden war zu groß

Leise, aber mit präzisem Blick für Details schildert er, was in der Schweiz geschah. Wie die Frau von der Sterbehilfeorganisation sie mit „Herzlich willkommen!“ begrüßte. Wie sie in eine Wohnung geführt wurden und sich für klassische Musik entschieden. Wie Thea das Glas mit dem Gift in drei Schlucken trank und ihre Züge sich danach entspannten. Eigentlich habe sie an diesem Tag gar keine Schmerzen gehabt, sagt er: „Den Krebs hätte sie vielleicht noch ausgehalten, aber das psychische Leiden war zu groß.“

Befürworter der Sterbehilfe verweisen gerne auf den US-Bundesstaat Oregon. Dort können sich Menschen entscheiden, mit ärztlicher Unterstützung ihrem Leben ein Ende zu setzen. Das Gesetz sieht allerdings erhebliche Einschränkungen vor, die verhindern sollen, dass jemand aus einer Stimmung heraus den Tod wählt oder gar von Angehörigen überredet wird. Zwei Ärzte müssen dem Patienten eine Krankheit bescheinigen, die innerhalb der kommenden sechs Monate zum Tode führt. Und der zum Sterben Entschlossene muss diesen Willen bei vollem Bewusstsein dokumentieren – und zwei Wochen später erneut bestätigen. Mediziner dürfen Medikamente verschreiben – bei der Einnahme helfen dürfen sie nicht.

In Oregon haben seit 1997 inzwischen 752 Menschen diesen Tod gewählt, meist Krebspatienten. Wer Oregon für ein letztlich menschenfreundliches Modell hält, für den ist diese Zahl auch ein Beleg dafür, dass gesetzlich gestattete Sterbehilfe nicht zu Dammbrüchen führe: Oregon könnte ein Modell für Deutschland sein, sagt Ingeborg Wirries. Dass Sterben nicht zu einer Mode verkommt, dafür hat sie ein sehr überzeugendes Argument: „Menschen wollen leben, aber eben selbstbestimmt.“

Für Oliver Przytarski, der seine Freundin zum Sterben in die Schweiz begleitete, wurde Theas Tod indes zu einer großen Belastung: „Es war fürchterlich“, sagt er. Der Papierkram mit der Polizei. Die langen Gespräche mit Theas Angehörigen. Er brachte es nicht übers Herz, ihre Wohnung selbst auszuräumen, wurde krank und schrieb sich seine Gefühle schließlich in dem Buch „Erinnerungen an einen Freitod“ von der Seele.

Auch, wer über den eigenen Tod selbst entscheiden will, stirbt ja nicht für sich allein. Manche setzen mit ihrem Freitod bewusst ein öffentliches Zeichen, wie der langjährige MDR-Intendant Udo Reiter oder jetzt die an Krebs erkrankte Amerikanerin Brittany Maynard, die sich in Oregon das Leben nahm. Aber auch Theas Tod hinterließ Spuren. Vor allem bei Oliver Przytarski. „Heute weiß ich nicht, ob ich noch einmal bereit wäre, diesen Weg mit ihr zu gehen“, sagt er.

Die psychische Belastung sei immens. Wer andere um diese Art von Sterbebegleitung bitte, müsse sich klar darüber sein, dass er ihnen sehr viel abverlange. Einen Einsatz mit Leib und Seele.

Als Thea das Gift trank, fragte er sie, ob sie noch etwas brauche. Ihre Antwort hat er nicht vergessen: „Dich, mehr nicht!“     

Politik will Klarheit
 über Sterbehilfe

Die Große Koalition in Berlin möchte ein Gesetz verabschieden, das organisierte Sterbehilfe verbietet. Politiker von CDU und SPD zielen damit gegen Vereine, die ihrer Ansicht nach ein Geschäft mit dem Tod betreiben. Aktive Sterbehilfe, darunter durch Ärzte, soll weiterhin untersagt bleiben.

Eine weitere Gruppe von Bundestagsabgeordneten will zudem künftig im Bürgerlichen Gesetzbuch regeln, wie ärztliche Beihilfe zum Suizid in Zukunft behandelt werden soll. Diese indirekte Sterbehilfe liegt zum Beispiel vor, wenn Patienten eine tödliche Menge Medikamente erhalten. Bei diesem assistierten Suizid drohen Ärzten jedoch erhebliche Probleme durch Landesärztekammern, da viele dieser berufsständischen Organisationen auch indirekte Hilfe verbieten. Eine Regelung im Gesetzbuch soll Klarheit schaffen.

Bei Abstimmungen im Bundestag, voraussichtlich im nächsten Jahr, soll der Fraktionszwang aufgehoben werden und Abgeordnete allein nach ihrem Gewissen entscheiden.     

Von Simon Benne 
und Gunnar Menkens

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