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Aus der Stadt Was ist Kunst und was muss weg?
Hannover Aus der Stadt Was ist Kunst und was muss weg?
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20:57 04.12.2013
Foto: Graffiti können ein belebendes (und legales) Element im tristen Grau sein wie im Ihme-Zentrum (links) – oder ein großes (und illegales) Ärgernis wie an der Alten Wasserkunst (rechts).
Graffiti können ein belebendes (und legales) Element im tristen Grau sein wie im Ihme-Zentrum (links) – oder ein großes (und illegales) Ärgernis wie an der Alten Wasserkunst (rechts). Quelle: Hagemann/Thomas
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Hannover

Der Hausbesitzer

Irgendwann reichte es Jürgen J. Der 68-Jährige war die Schmierereien an der Mauer vor seinem Haus in Garbsen leid. Er bestellte eine Firma, die sich auf das Entfernen von Graffiti spezialisiert hatte und überließ deren Mitarbeitern die Reinigung der etwa 20 Meter langen Wand, die um sein Grundstück in Garbsen führt. „Als wir die Wand vor etwa 20 Jahren errichteten, war das vor allem wegen des Lärms“, sagt J. Zu diesem Zeitpunkt dachten er und seine Frau noch gar nicht daran, dass sie Opfer von Sprayern werden könnten. Lange Zeit passierte auch nichts. Bis eines Tages der erste Schriftzug auf der Mauer zu lesen war. „Es gibt ja wirklich schöne Graffiti, die man als Kunst ansehen kann“, sagt der Garbsener. „Das war aber nur eine Schmiererei, reine Sachbeschädigung.“

Es blieb nicht die einzige. Kaum war das erste sogenannte Tag da, folgten andere. J. wollte die Farbe selbst abwaschen. „Ich bin mit normalen Putzmitteln drangegangen“, erzählt er. „Das hat überhaupt nichts gebracht.“ Also wandte er sich an einen Fachmann. „Da waren es mittlerweile mehr als zehn Schmierereien“, sagt J., der danach sofort eine Versicherung abschloss, um sich für künftige Fälle zu wappnen. Die Reinigungsfirma kommt nun jedes Mal, wenn neue Tags an der Wand sind, und entfernt sie.

Ähnlich halten es viele Hausbesitzer. Die Haus und Grundeigentum Service verwaltet in der Region Hannover mehr als 12 000 Objekte für deren Eigentümer. Immer wieder werden die Gebäude beschmiert. „Darüber führen wir aber keine genauen Listen“, sagt Bernd Scheunert, Abteilungsleiter der Mietshausverwaltung. „Das würde den Rahmen sprengen.“

Sein Mitarbeiter Marc Göres erinnert sich dennoch an einen prägnanten Fall in der Nordstadt. Dort hatten zwei Sprayer den Rollladen eines Kiosks komplett mit Farbe besprüht. 8,5 Quadratmeter, wie in der Anzeige der Polizei stand. „Das Deprimierende war, dass die Beamten die Täter sogar kannten“, sagt Göres. „Allerdings wurde die Sache dann trotzdem eingestellt.“ Warum, weiß der Hausverwalter nicht. „Ich nehme an, dass die Täter zu jung waren, um sie zur Rechenschaft zu ziehen.“ Auf den Kosten von mehr als 650 Euro blieb der Kioskbesitzer sitzen. Einen ähnlichen Betrag bezahlte auch J. für die Reinigung seiner Mauer. „Das ist einfach nur ätzend.“

Die 
Reinigungsfirma

Auf eine Tatsache ist Ralf Möllmann besonders stolz: Die Reinigungs- und Prophylaxemittel, die in seiner Firma Greencare entwickelt werden, entsprechen alle den aktuellen Umweltstandards. Und das, obwohl damit die giftigsten und penetrantesten Farben von Mauern und Fenstern, von Bushaltestellen und Bahnen gewaschen werden. 1996 gründete Möllmann sein Unternehmen in Hannover. Inzwischen ist Greencare nach Hemmingen umgezogen. Mit seinen Gels, Trockenreinigern, Anstrichen und Versiegelungen beliefert Möllmann vor allem Unternehmen in der Region Hannover. „Die meisten sind Betreiber und Inhaber von öffentlichen Gebäuden“, sagt er.

Wenn die eigenen Putztrupps dieser Unternehmen nicht mit der Arbeit fertig werden, schickt Möllmann seine Männer zur Unterstützung. Und läutet damit die zweite Runde des Katz-und-Maus-Spiels zwischen Sprayern und Hausbesitzern ein. Denn die Farben, die die Täter benutzen, werden immer widerstandsfähiger. Die Mittel, mit denen sie entfernt werden, müssen auch stets auf dem aktuellen Stand sein.

„Wenn wir irgendwo ein Graffito entfernen, bieten wir den Kunden eine sogenannte Graffiti- und Verwitterungsprophylaxe an“, sagt Möllmann. Nach der Reinigung tragen seine Mitarbeiter dann eine unsichtbare Grundierung auf die entsprechenden Wände auf, die verhindert, dass sich Farbe in den Poren der Wand festsetzen kann. Werden dort wieder Schmierereien angebracht, sind sie wesentlich leichter wieder abzuwaschen. Als Besonderheit können die Hauseigentümer sich sogar gegen eine jährliche Gebühr gegen Graffiti versichern. Jedes Mal, wenn sie Opfer einer Farbattacke werden, kommen dann Greencare-Mitarbeiter und reinigen die betroffene Stelle innerhalb von 72 Stunden. „Gerade dieser Bereich hat stark zugenommen“, sagt Möllmann. „Die Leute haben einfach keine Lust mehr, sich selbst darum zu kümmern.“

Leid tut es Möllmann nicht um die Bilder, die er entfernt. „Die meisten sind nur noch irgendwelches Gekrakel“, sagt er. „Früher gab es Sprayer, die haben wirklich kunstvolle Sachen gemacht, aber mittlerweile habe ich den Eindruck, es geht nur darum, irgendwo irgendetwas hinzuschmieren.“

Der Fotograf

Was würden Sie sagen, wenn Unbekannte über Nacht Schmierereien an Ihrem Haus hinterlassen hätten?

Das würde ich mir verbitten. Ich habe volles Verständnis für Hausbesitzer, die sich über so etwas ärgern. Wichtig ist bei der Diskussion über Graffiti, eine klare Trennlinie zu ziehen zwischen illegalen Schmierereien und hochwertiger Kunst, die in den allermeisten Fällen legal ist.

Sie haben sich über Jahre mit der Kunstform Graffiti beschäftigt. Als Fotograf haben Sie mehr als 3000 Fotos von Graffiti in ganz Deutschland aufgenommen und daraus Collagen gemacht. Was fasziniert Sie daran?

Die bunten Farben und der Witz, der häufig in den comicartigen Bildern steckt. Ich habe Hochachtung vor dem Können der Graffiti-Sprayer, die eine profane Mauer mit ein paar Farbdosen in ein Kunstwerk verwandeln.

Bei Ihren Fotoreportagen sind Sie der Graffitiszene sehr nah gekommen. Wie würden Sie diese beschreiben?

Häufig sind es junge Männer zwischen 14 und 20 Jahren, die Hip-Hop hören und Breakdance tanzen. Das gehört wie das Sprayen zu ihrer Kultur. Die Szene trifft sich an den „Halls of Fame“, das sind Plätze, wo legal gesprüht werden darf oder die zumindest als Betätigungsfeld für Sprayer toleriert werden. Dort erproben sie ihre Fertigkeiten, die Graffiti werden immer wieder übermalt und neu gestaltet. In Hannover geschieht das etwa an der Glocksee oder am Bunker Welfenplatz. Zudem gibt es Auftragsarbeiten für Sprayer wie zum Beispiel am Ihme-Zentrum. Wichtig zu wissen ist, dass solche Graffiti von anderen nicht mehr übersprüht werden – da gilt ein Ehrenkodex. In gewisser Weise ist das auch eine Form der Prävention: Hausbesitzer, die Graffitikünstlern Flächen zur Verfügung stellen, können relativ sicher sein, dass keine Schmierereien hinzukommen.

Gleichwohl nimmt die Zahl derjenigen zu, die einfach wüst drauflos schmieren.

In der Regel haben alle, die Graffiti als Kunst betreiben, kein Interesse, ungebeten fremdes Eigentum zu beschmieren. Ich will aber nicht ausschließen, dass es den einen oder anderen mal in den Fingern juckt. Mein Appell an alle Sprayer: Lasst die Finger von illegalen Aktionen! Wer die Regeln nicht einhält, schadet dem Ruf der gesamten Szene. Andererseits müssen in den Städten auch genug legale Graffitiflächen bereitgestellt werden.

Interview: Juliane Kaune

Der Sprayer

Über Jahre hinweg war Orlando 
Brakel Opfer von Vandalismus. Immer wieder wurde der Laden des heute 39-Jährigen in der Königsworther Straße Ziel eines Farbbeutelwerfers. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um einen älteren Herrn, der die Front des Geschäftes beschmutzte. Er war der Meinung, das Writers Corner würde Vandalismus fördern, weil dort seit 1995 alles verkauft wird, was Sprayer für Graffiti brauchen. Der Fall zeigt, wie verfahren die Situation zwischen Sprayern und Hausbesitzern in Hannover ist. Für die einen ist Graffiti Kunst, für die anderen Sachbeschädigung.

„In der ganzen Graffiti-Kultur kann man nicht eindeutig sagen, wer gut und wer böse ist“, sagt Brakel. Das trifft auch auf ihn zu. In seinem Laden bietet er Farbdosen mit Namen wie „Molotow“ an, dicke Filzmarker, deren Farbe auf jedem Untergrund haftet, sogar Sturmmasken für 2,95 Euro liegen in den Regalen. Andererseits gibt es auch Klebeband, mit dem Malerarbeiten sauber abgeklebt werden, und Bleistifte, mit denen kein Vandale etwas anfangen könnte. In einer Ecke des Writers Corner hängen Busfahrpläne zur Glocksee. Dort befindet sich einer von zwei legalen Plätzen in Hannover, wo Sprayer Graffiti an Wände sprühen dürfen.

„Vielen Sprayern geht es gar nicht darum, etwas Illegales zu machen oder Eigentum zu beschädigen“, sagt Brakel. Immer wieder kommen Jugendliche in Begleitung ihrer Eltern ins Writers Corner. „Die Kids wollen das Sprayen einmal ausprobieren, und die Eltern wollen sichergehen, dass ihre Kinder dabei keine Gesetze brechen“, sagt Brakel. Oft kann selbst der Insider den Familien nicht helfen.

Ein Ehrenkodex in der Szene besagt, dass man ein gutes Graffito nur mit einem besseren Motiv übermalt. „Ein Anfänger findet in Hannover keinen Platz, um dort zu sprayen“, sagt Brakel. „Das UJZ an der Glocksee und der Bunker reichen einfach nicht.“ Der 39-Jährige sieht die Stadt in der Pflicht. „Es gibt genügend Stellen, an denen Graffiti niemanden stören würden“, sagt er. Vor einiger Zeit wurde überlegt, den Sprayern eine Wand an einem Gebäude der Stadtwerke zur Verfügung zu stellen. Die Stadt verwarf den Plan. Anstelle von bunten Bildern hängen an der Mauer jetzt acht Überwachungskameras, um den Platz davor zu sichern.

Von Jörn Kießler

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