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Aus der Stadt Wegen Schweinegrippe in Quarantäne
Hannover Aus der Stadt Wegen Schweinegrippe in Quarantäne
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21:23 24.07.2009
Wohnungstür als Antivirenschleuse: Einkäufe werden dem Quarantänepatienten Uwe Meyer von Fremden nach Hause geliefert - allerdings nur bis zur Schwelle (Szene nachgestellt). Quelle: Rainer Surrey
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Das Schlimmste hat Uwe Meyer (Name von der Redaktion geändert) überstanden. Noch vor zwei Tagen, so erzählt er, tat ihm „jeder Quadratzentimeter“ seines Körpers so weh, dass er starke Schmerzmittel schlucken musste. „Ich konnte noch nicht einmal das Gewicht der Bettdecke ertragen“, sagt der 46-Jährige und ist heilfroh, dass er inzwischen genesen ist.

Vor etwas mehr als einer Woche hatte alles angefangen: Meyer war mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen von der Baleareninsel Mallorca zurückgekehrt. Es war ein schöner, erholsamer Familienurlaub fernab der überlaufenen Partyhochburgen gewesen. Doch kaum war die Familie ins heimische Neustadt am Rübenberge zurückgekehrt, machten sich bei dem Außenhandelsvertreter heftige Krankheitssymptome bemerkbar: Kopf- und Gliederschmerzen, Mattigkeit und kurz darauf 39 Grad Fieber. Das war am Sonnabend.

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„Mir war auf Anhieb klar, dass es nur die Schweinegrippe sein kann“, sagt Meyer. Also rief er gleich am Sonntag früh im Neustädter Krankenhaus an, wo man ihm nach langem Hin und Her mitteilte, er solle vorbeikommen, um sich auf die H1N1-Influenza testen zu lassen. „Was dann im Krankenhaus geschah, hat mich doch verwundert“, sagt der Familienvater. Obwohl man in der Klinik um seinen Zustand wusste, habe er ohne Virenschutz durch die Krankenhausflure streifen können, ehe man ihm endlich einen Mundschutz verpasst und ihn untersucht habe.

Und noch etwas erstaunte den Urlaubsheimkehrer: „Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass die mich dabehalten und isolieren, bis das Ergebnis feststeht.“ Doch nichts dergleichen geschah. Die diensthabende Ärztin schickte Meyer nach Hause – mit dem Hinweis, man werde sich melden, sobald der Befund vorliege.
30 weitere Stunden vergingen, bis am Montagabend der Anruf kam. Der Befund sei positiv, teilte ihm die Ärztin mit - und verlas im Anschluss eine amtliche Belehrung. Sie sprach von einer einwöchigen Quarantäne, die Meyer und seine Familie ab sofort einzuhalten hätten – und über die Konsequenzen, mit denen bei Zuwiderhandlung zu rechnen wäre: eine empfindliche Geldbuße etwa oder bis zu zwei Jahre Gefängnis.

Strafandrohungen wären allerdings gar nicht nötig gewesen, denn Meyer, der ein sehr verantwortungsvoller Mensch ist, hatte sich vorsorglich bereits selbst Hausarrest verordnet – und seiner Familie dazu. „Theoretisch aber hätte ich vor der Anordnung der Quarantäne mehr als zwei Tage Zeit gehabt, draußen herumzulaufen und munter Viren zu verteilen“, sagt der Neustädter.

Doch selbst wenn Meyer gewollt hätte: Inzwischen war er ohnehin schon zu viel krank, um das Haus zu verlassen. Anders als in den meisten Fällen von H1N1-Infektionen hatte er nämlich einen schweren Krankheitsverlauf. Das Fieber blieb zwar moderat, aber die Schmerzen waren ungewöhnlich heftig. „Das bereitete mir doch ein paar Sorgen“, gesteht Meyer, „schließlich hört man immer wieder von dramatischen oder tödlichen Krankheitsverläufen“. Also konsultierte der Patient – natürlich telefonisch – seinen Hausarzt. Dieser sah keinen Anlass, bei Meyer vorbeizuschauen, aber verordnete ihm immerhin ein Mittel gegen die Schmerzen. Das wurde Meyer prompt gebracht – per Boten, der die Tüte aus der Apotheke an die Wohnungstür hängte.

Genauso geschah es mit den notwendigen Einkäufen. Freunde, die sich bereit erklärt hatten, nach Feierabend im Supermarkt vorbeizufahren, stellten den Meyers die Lebensmittel vor die Haustür, klingelten und suchten flugs das Weite, um sich nicht anzustecken. „Wir hatten Glück, denn wir haben Menschen, die das Notwendige für uns organisieren konnten“, sagt Meyer. „Aber was ist mit den alleinstehende Menschen? Wer kümmert sich um die?“

Jetzt, da er die Krankheit überwunden hat, findet Meyer alles „halb so schlimm“. Nur als es ihm so richtig dreckig gegangen sei, habe er sich schon ein wenig im Stich gelassen gefühlt und hätte sich eindeutige Informationen gewünscht: Worauf muss man sich einstellen? Wann ist es kein normaler Krankheitsverlauf mehr? Wen soll man um Hilfe bitten? Wie nah darf man seiner Familie kommen? Muss man den Mundschutz immer tragen? Fragen über Fragen, auf die ihm niemand Antworten geben konnte. Wenigstens keine Antworten, die so verlässlich sind, dass Sie einem Kranken Sicherheit vermitteln. „Man sollte den Leuten klipp und klar sagen, was sie erwartet“, fordert Meyer deshalb.

Aber auch ohne einen Ratgeber an seiner Seite hat der Neustädter alles richtig gemacht: Er zog aus dem Schlafzimmer aus, um seine Frau nicht anzustecken und trug stets einen Mundschutz, wenn er abends mit den Söhnen zusammensaß, um zwei, drei Partien Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen.
Ab heute ist die Quarantäne der Meyers beendet. Die Jungen dürfen wieder vor dem Haus bolzen, Frau Meyer geht auf den Wochenmarkt und ihr Mann wird am Montag wieder bei der Arbeit erscheinen. Die Normalität ist in das Leben der Familie zurückgekehrt. „Gut, dass das alles vorbei ist“, sagt Uwe Meyer erleichtert, „denn es war wirklich alles andere als eine schöne Zeit.“

Inzwischen hat das Neustädter Krankenhaus eingeräumt, dass die lückenhaften Sicherheitsvorkehrungen bei der Untersuchung von Meyer ein Fehler gewesen seien. Ein Situation, wie der 44-Jährige sie erleben musste, werde nicht mehr vorkommen, beteuerte eine Sprecherin des Hauses und kündigte an, man werde bei Verdachtsfällen künftig unverzüglich einen Mundschutz ausgeben und Merkblätter zum korrekten Umgang mit der neuen Influenza verteilen.

Chaos um Grippetests

Die Nachricht hat niedergelassene Ärzte ebenso in Aufregung versetzt wie Experten der Medizinischen Hochschule (MHH) und des Landesgesundheitsamtes: Auf ihrer Internetseite informierte die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) gestern darüber, dass die Kosten des für eine zuverlässige Diagnose von H1N1 erforderlichen Labortests nicht von den Krankenkassen finanziert würden. Die Patienten müssten die rund 20 Euro teuren Tests selbst bezahlen, sofern diese nicht vom Landesgesundheitsamt durchgeführt würden, heißt es weiter.

Diese Information, die zudem per Mail an zuständige Stellen verschickt wurde, stellte sich aber als falsch heraus. Auf Nachfrage der HAZ teilte der Spitzenverband GKV in Berlin mit, dass der Test in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen gehört.

Bisher übernimmt das Landesgesundheitsamt (NLGA) den Löwenanteil der Tests und erhält dafür eine Kostenerstattung vom Land. Weil die Behörde mit bis zu 300 Tests täglich derzeit aber an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, wurden private Labore einbezogen. Noch Anfang der Woche hatte die KVN mitgeteilt, diese könnten mit den Kassen abrechnen, zog die Aussage aber wieder zurück – und verbreitete dann die Fehlinformation. Mehrere Privatlabore hätten darum bereits erklärt, dass das NLGA ihre Proben wieder übernehmen müsse, sagt Behördenleiter Matthias Pulz. Dabei habe sein Amt keinen personellen Spielraum mehr.

Dass die Kassen die Testkosten nun doch tragen, ist für den MHH-Virologen Albert Heim eine besonders gute Nachricht. Aus Unsicherheit in Bezug auf die Kostenübernahme seien viele niedergelassene Ärzte dazu übergegangen, ihre Patienten zum Test an die MHH zu verweisen. Die Labore der Hochschule seien aber nicht für die Diagnose der ambulanten Fälle gedacht. „Betroffene sind bei ihrem Hausarzt gut aufgehoben“, erklärt Heim.

Nach den Worten von Pulz ist es eine Frage der Zeit, wann die Verpflichtung zum Test wegen der Vielzahl der H1N1-Fälle grundsätzlich gelockert wird. Denn der Test habe keine Auswirkungen auf die Therapie der neuen Influenza.

von Daniel Behrendt und Julian Kaune

Stefanie Kaune 24.07.2009
Felix Harbart 24.07.2009