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Aus der Stadt Weil lernt Hannover neu kennen
Hannover Aus der Stadt Weil lernt Hannover neu kennen
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06:15 27.07.2012
Von Gunnar Menkens
Foto: Jemand hat ihm einen Korb gegeben: Am Ende des Tages feiert Stephan Weil bei den Kleingärtnern der Kolonie Flora.
Jemand hat ihm einen Korb gegeben: Am Ende des Tages feiert Stephan Weil bei den Kleingärtnern der Kolonie Flora. Quelle: Dimi Anastassakis
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Hannover

Faltschachteln, überall Faltschachteln. Zu Tausenden befördert ein Fließband platte, rote Pappe. Schachteln für Süßigkeiten, gerade ist Halloweensaison, Schachteln für Conti, Bahlsen, Jägermeister, Stelltafeln für Supermärkte. In der Hannoverschen Kartonagenfabrik greift Stephan Weil in den Produktionsprozess ein. Exakt legt er einen Karton auf eine Metallplatte, ein Gerät saust herunter und stanzt ein Muster hinein. Aufgestellt ergibt dies eine mit Berggipfeln und blauem Himmel bedruckte Schachtel mit Einwurfschlitz und Schrift, sie wird später Behältnis für ein Preisausschreiben. „Gewinnen Sie ein Wellness-Wochenende in Oberstdorf für 2 Personen“. Auflage: 100 Stück.

Stephan Weil hat sich Urlaub genommen vom Amt des Oberbürgermeisters. König im Dorf ist er schon, jetzt will er das ganze Land regieren. Er bereist Niedersachsen, um seine Kandidatur für das Amt des Ministerpräsidenten voranzubringen, und zum Land gehört auch Weils eigener Wahlkreis. Hannover-Buchholz ist vor vier Jahren irgendwie an die CDU geraten, er soll das Unglück reparieren, aber selbst wenn Weil die Gegend nicht zurückgewinnen sollte, was persönlich unschön wäre, wäre das kein Beinbruch. Als Spitzenkandidat der SPD ist ihm ein Platz im Parlament gewiss.

In der Fabrik, wo es rumst und tackert und zischt, erfährt der Kandidat am Dienstagmorgen von den Sorgen eines mittelständischen Unternehmens. Auszubildende mit hinreichenden Kenntnissen in Mathematik und Rechtschreibung sind schwer zu finden, und es gibt Probleme mit der geplanten Erweiterung, wobei ein städtisches Grundstück eine Rolle spielt. Weil bietet seine Hilfe an. Er tut dies in dieser lockeren Art, mit der er auf Leute zugeht, eine Lässigkeit, die ihm in den vergangenen Jahren dazu verholfen hat, Fisch im hannoverschen Wasser zu sein. „Ich bin zwar heute nicht als Oberbürgermeister hier“, sagt er, „aber ich kenne den ganz gut.“ Umherstehende schmunzeln. Genau das geht der CDU in der Landeshauptstadt wirklich auf die Nerven, dieses Umarmende.

Es folgen Heimspiele im Kulturtreff Roderbruch und im Familienzentrum der AWO in Misburg. 110 Kinder kommen ins Haus mit den riesigen Bullaugenfenstern, ein Drittel von ihnen lernt Deutsch in Sprachförderkursen. Weil konstatiert bei Keksen und Kaffee, dass Erzieherinnen und alle Pflegeberufe zu schlecht bezahlt würden und spricht von der „Riesenbaustelle der frühkindlichen Bildung“. Die Kinder werden in Gruppen betreut, die Seepferdchen, Robben und Piraten heißen. Und so sieht es auch aus. Stephan Weil geht in die Hocke, hinunter zu den vielen Kleinen, die den Onkelbesuch angucken. Fotografen machen Bilder. Plötzlich ist eine gebastelte Schiffchenmütze im Spiel. Der Spitzenkandidat stülpt sie sich über, was im Ergebnis komisch aussieht, wenngleich nicht komischer als, zum Beispiel, Faschingshüte. Die Frauen im Familienzentrum freuen sich. Abends geht es ins Milieu, in den Hoppelweg in Vahrenheide. Grillen bei Kleingärtnern.

Wahlkampf ist für Politiker mitunter eine schwierige Sache. Man denkt, sie sollten lieber keine drolligen Sachen auf ihren Köpfen befestigen. Würden sie es nicht tun, gelangten sie schnell in den Ruf, gehemmte Spielverderber zu sein. Stephan Weil macht es mit, es wirkt nicht einmal gespielt. Aber es scheint, als hätte der Sozialdemokrat seinen Kampagnenstil geändert, professionalisiert, wie Genossen in seiner Nähe sagen. Er muss in Niedersachsen Wähler erreichen, die noch nie von ihm gehört haben. Deshalb ist der Sozialdemokrat darauf aus, möglichst viele Menschen zu erreichen und tut Dinge, die man nicht von ihm kannte. Als er vor Kurzem in den Dolomiten wanderte, lief die „Bild“-Zeitung mit. Urlaub war bisher privat. Jetzt hat das Blatt bewegende Momente der Tour festgehalten, diesen etwa: „Hoffentlich klart es bald auf: Das Panorama ist herrlich.“ Noch nie hat Stephan Weil das Maschseefest eröffnet - am 1. August wird er es tun. Er kündigte es als Teil seiner Sommerreise an, was die CDU prompt monierte: Nicht der Spitzenkandidat der SPD eröffne das Fest, sondern der OB. Die Leute dürften das kaum auseinanderhalten, und das sollen sie auch nicht.

Die Union hat derweil auf Gegnerbeobachtung umgeschaltet. Selbst diejenigen Christdemokraten, die Stephan Weil schätzen, sprechen inzwischen kühler vom Stadtoberhaupt. Sie suchen nach Fehlern, nach Grenzüberschreitungen, um das Renommee des Sozialdemokraten anzukratzen. Heraus kam, dass Weil eine Wahlkampfrede von Rathauspersonal abschreiben ließ. Sie hatten ihn erwischt.

Mittlerweile läuft das volle Programm der Observierung. Im Rathaus beobachtet die Union, in welchen Sitzungen das Stadtoberhaupt fehlt, ob er zu spät kommt, ob er seinen Dienstwagen stehen lässt, wenn er Wahlkampftermine wahrnimmt, und wer in den Autos sitzt, die zu diesen Terminen unterwegs sind. Städtisches Personal etwa? Bekommt er Kandidatur und Oberbürgermeisteramt unter einen Hut, wie er es zugesagt hatte? CDU-Fraktionschef Jens Seidel schreibt Pressemitteilungen, wenn er meint, Unkorrektheiten gefunden zu haben. Einmal sah sich der Stadtsprecher hinterher gezwungen, in Form von vielen humorlosen Sätzen zu reagieren. Es ist eine Fehlersuche, die die Union kleinkariert erscheinen lassen könnte.

Die Sozialdemokraten sind derweil nicht untätig. Michael Rüter, Landesgeschäftsführer, ruft auf einer Internetseite praktisch dazu auf, Interna aus dem Innenleben der Landesbehörden preiszugeben, im Netz hat er einen „toten Briefkasten“ aufgestellt. Hannovers CDU-Chef Dirk Toepffer hat das als Aufruf zum „denunzieren und unterste Schublade der politischen Auseinandersetzung“ bezeichnet. Und natürlich meint er Stephan Weil.

Nur vor dem Bett von Rico, vier Jahre und drei Monate alt, ist das alles egal. Dann kommt einem ein Wahlkampf, der sich zu verschärfen beginnt, sehr belanglos vor. Rico ist mit seiner Mutter aus Magdeburg in die MHH gekommen, seine Stoffente ebenfalls. Der kleine Junge war fast schon tot, bevor Mediziner ihm zwei neue Lungenflügel transplantierten. Stephan Weil ist gerührt, wie alle im Raum, „ein Wonneproppen“, sagt er. „Und extrem tapfer“, sagt ein Arzt.

Dennoch: Der Wahlkampf geht weiter. Kandidat Weil hat sich eine Zahl vom MHH-Verwaltungschef gemerkt. Würden hierzulande Leistungen berechnet wie in Rheinland-Pfalz, dann hätte die MHH 22 Millionen Euro mehr in der Kasse. Und diese Zahlen sind Politik.

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