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Aus der Stadt Welt-Aids-Tag wirbt um Akzeptanz von Menschen mit HIV
Hannover Aus der Stadt Welt-Aids-Tag wirbt um Akzeptanz von Menschen mit HIV
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10:10 01.12.2012
Von Veronika Thomas
„Aids – das sind doch die in Afrika“: Das Thema HIV ist vielen Deutschen kaum noch präsent.
„Aids – das sind doch die in Afrika“: Das Thema HIV ist vielen Deutschen kaum noch präsent. Quelle: dpa
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Hannover

Wenn man Pastor Ernst-Friedrich Heider fragt, was er sich zum Welt-Aids-Tag wünscht, erhält man drei Antworten, die ebenso gut als Forderungen gemeint sein könnten. Erstens: die Bereitschaft, sich über die Krankheit zu informieren, damit die irrationalen Ängste vor einer Infektion endlich ein Ende haben. Zweitens: die Bereitschaft, einen HIV-Positiven in den Arm zu nehmen, weil das nämlich nicht ansteckend ist. Und drittens: die Bereitschaft, über die eigene Sexualität zu sprechen.

Der HIV- und Aids-Seelsorger der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover bedauert es, dass das Thema Aids - bis auf ein paar Plakate der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung („Wir lieben Kondome ... und du?“) an Haltestellen - immer mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet. „Die landläufige Meinung zu Aids lautet doch, das betrifft uns nicht, Aids, das sind doch die in Afrika“, empört sich Heider. Die Fakten hingegen, die er präsentiert, sprechen eine andere Sprache. 78.000 Menschen sind nach einer Hochrechnung des Robert-Koch-Instituts in Deutschland mit Aids infiziert. „Aber 14.000 von ihnen wissen nichts von ihrer Infektion, und die Dunkelziffer dürfte noch deutlich darüber liegen“, sagt Heider, der auch Koordinator Nord des nationalen Aktionsbündnisses gegen Aids ist, eines Zusammenschlusses von bundesweit 400 kirchlichen, zivilgesellschaftlichen und Basisorganisationen. „Auch in diesem Jahr sind in Hannover wieder Menschen an den Folgen einer HIV-Infektion gestorben.“

Rund 500 HIV-Infizierte und Aids-Kranke leben in der Region Hannover, durchschnittlich 70 Neuinfizierte kommen jährlich hinzu. Zwei Drittel von ihnen sind Männer, die Sex mit Männern haben, danach kommen Heterosexuelle, die sich bei ungeschütztem Sex infiziert haben, an letzter Stelle rangieren Drogenabhängige. Was Heider aufreibt, ist die Tatsache, dass das Thema Aids noch immer in der Schmuddelecke steckt, genauso wie Homosexualität. Auf der einen Seite die, mit einer „normalen Sexualität“, auf der anderen „jene mit der unnatürlichen“.

Das Motto zum Welt-Aids-Tag lautet „Positiv zusammenleben ... und arbeiten!“. Denn Stigmatisierung, Diskriminierung und die Ausgrenzung HIV-Positiver oder Aids-Kranker sei noch immer an der Tagesordnung, bedauert Heider. Eine HIV-Positive habe es einmal so formuliert: „Beruflich gelten wir als schwer vermittelbar, juristisch als potenzielle Täter, moralisch gelten wir als Versager, sexuell als gefährlich und gesellschaftlich als Außenseiter.“ Sicher, dank verbesserter Medikamente habe sich die Lebenserwartung Aids-Erkrankter deutlich verlängert, doch die Nebenwirkungen seien zum Teil erheblich. „Doch wer sich outet, im Freundeskreis oder am Arbeitsplatz, ist raus.“ Deshalb überlege es sich jeder Infizierte dreimal, Vorgesetzte oder Kollegen darüber zu informieren.

In Afrika werde der Name der Krankheit komplett verschwiegen, dort sei nur die Rede von der Drei-Buchstaben-Krankheit. 500.000 Babys kommen jährlich HIV-positiv zur Welt, weil 40 Prozent der erkrankten Mütter nicht wissen, dass sie sich infiziert haben. „Nahezu alle diese Babys könnten gesund geboren werden, wenn ihre Mütter entsprechende Medikamente bekämen.“ Als Skandal bezeichnet es der Seelsorger, dass das Bundesentwicklungsministerium die Mittel für den globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV, Tuberkulose und Malaria von 0,7 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts auf jetzt 0,38 Prozent kürzt. „Deshalb müssen dort Informationskampagnen gestoppt werden.“

Wie wichtig Aufklärung auch in Deutschland sei, belege ein Bericht des Hautarztes und Aids-Forschers Prof. Norbert Brockmann. Ihm zufolge schicken etwa 20 Prozent aller Ärzte Aids-Patienten zu ihren Kollegen - weil sie meinen, sie hätten nicht die nötigen Kenntnisse über die Erkrankung und aus Angst vor Ansteckung.

Juliane Kaune 01.12.2012
Sonja Fröhlich 30.11.2012
Bernd Haase 30.11.2012