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Aus der Stadt Wie Hannover die Wahrheit über den Krieg lernte
Hannover Aus der Stadt Wie Hannover die Wahrheit über den Krieg lernte
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06:15 05.08.2012
Von Gunnar Menkens
Richard Koch hat die historischen Flugblätter dem Stadtarchiv übergeben. Die HAZ bat ihn, seine Geschichte zu erzählen. Quelle: Gabriel Poblete Young
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Hannover

Er möchte sie nicht mehr behalten, diese vergilbten dünnen Blättchen, die man so vorsichtig in die Hand nehmen muss. Bomben sind darauf gedruckt, Grafiken der Vernichtungskraft, Karten mit Frontlinien und Aufrufe an deutsche Soldaten, ihren sinnlosen Kampf aufzugeben. Richard Koch hat diese Flugblätter vor bald 70 Jahren in der Eilenriede aufgesammelt, nachdem englische Flieger sie abgeworfen hatten. Er war ein junger Mann damals, die Zeitdokumente sind Erinnerung an einen wichtigen Tag in seinem Leben. Dennoch hat sich der 86-Jährige jetzt entschlossen, seine Funde dem hannoverschen Stadtarchiv zu überlassen. Da, sagt der Zeitzeuge Koch, sind sie besser aufgehoben als bei ihm zu Hause in einem Karton.

In der Nacht des 9. Oktober 1943 flogen 430 Bomber der Royal Air Force eine Stunde nach Mitternacht einen Angriff auf die Stadt. Oben in den Kanzeln der Maschinen klinkten Besatzungen 258000 Brandbomben und 3000 Sprengbomben aus, unaufhaltsam fielen sie herab, um Häuser und Straßen in ein flammendes Inferno zu verwandeln. Nach 40 Minuten verschwanden die britischen Flugzeuge, der Schrecken blieb. 1245 Menschen starben, 250000 wurden zu Obdachlosen, eine halbe Stadt. In der Stadt stieg die Temperatur in dieser Nacht von zehn auf 34 Grad.

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Es war der schwerste Luftangriff auf Hannover während des Zweiten Weltkriegs. Deutschland hatte diesen Krieg begonnen, dies war ein Preis dafür.

Richard Koch war an diesem Tag 17 Jahre alt und eigentlich Schüler am Kaiser-Wilhelm-Gymnasium. Aber wenige Monate vor dieser Nacht zog ihn die Wehrmacht ein, der junge Mann lebte nun in einer Kaserne am Nordring und wurde als Offiziersanwärter zum Horchfunker ausgebildet. Als alle Bomben gefallen waren, sagte ihm jemand in der Kaserne, er solle mal nach Hause fahren, da sei etwas passiert. Richard Koch wählte den kürzesten Weg in die Südstadt, durch die Straßen des zerstörten Hannover. Überall lagen Tote, verbrannt und verstümmelt, manche von der Hitze zerberstender Bomben in bizarren Posen gekrümmt, Menschen, die dem Feuer nicht entkommen konnten. Zwischen den Leichen schrien Verletzte, Männer und Frauen, schutzlose Kinder.

„Es war die Hölle. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen.“ Weil es so unvorstellbar war, erinnert sich Koch noch bald 70 Jahre später an viele Details. In der Lutherstraße 28 war von dem Fünf-Parteien-Haus kaum etwas übrig geblieben. Koch stand vor einer glimmenden Ruine, nur die Mauern des Badezimmers hielten stand. Von den Bewohnern keine Spur. Vater und Mutter war nichts passiert, sie lebten bereits in Osterode. Er, ein Jugendlicher, sah auf Trümmer, die eben noch sein Elternhaus waren. Nie wieder ist er in dieses Haus zurückgekehrt, wie er nie wieder von Nachbarn hörte.

Richard Koch machte sich auf den Weg zurück in die Kaserne. Aber noch einmal durch die Straßen, das traute er sich kein zweites Mal zu. Diese Hölle hinter sich lassend, wählte er Wege in der Eilenriede. Bis er dort, querbeet verteilt, zufällig Papier herumliegen sah: Flugblätter, von englischen Fliegern über Hannover abgeworfen und noch recht aktuell. Koch sammelte sie auf, es war jugendlicher Leichtsinn, „aber es interessierte mich“. Unter seiner Uniformjacke schmuggelte er den Fund in die Kaserne. Ein lebensgefährliches Unternehmen. Feindpropaganda zu hören, zu besitzen oder gar zu sammeln, das konnte mit dem Tode bestraft werden. Er hätte diese Luftpost abgeben müssen, so, wie es viele Hannoveraner taten, das Büro der NSDAP-Ortsgruppe in der Edenstraße lag nicht weit entfernt. Auf der gemeinsamen Stube zeigte er seinen Fund einem Vertrauten. Der erschrak: „Mensch Richard, mach bloß keinen Blödsinn.“ Aber Richard las die am Wegesrand aufgeklaubte Luftpost und steckte die Blätter in einen kleinen braunen Umschlag. „Aufheben!“ schrieb er noch drauf. „Englische Flugblätter, gefunden in der Eilenriede nach Zerstörung unserer Wohnung.“ Damit die verräterischen Zeilen nicht vor falsche Augen gerieten, schob Koch den kleinen Umschlag in einen großen Umschlag und sandte die riskante Post Richtung Osterode.

Nach Berechnungen der Royal Air Force fielen die Blätter bei völliger Windstille 66 Meter pro Minute. Sie zeichneten ein völlig anderes Bild vom Kriegsverlauf als die Nazi-Propaganda. Gepunktete Linien auf einer Landkarte zeigten, dass die Wehrmacht im Osten zurückgeschlagen wurde; die Rückseite beschrieb, wo deutsche Soldaten „umsonst“ starben, im U-Boot-Krieg, an der Südfront, im Osten und in der Luft: „Hitler weiß, dass er den Krieg verloren hat. Um sein Ende hinauszuschieben, werdet ihr geopfert.“ In kühlem Ton verkündete ein Wurfzettel hannoverschen Lesern, dass „sämtliche deutschen Industriestädte einen Kriegsschauplatz“ darstellten. Zivilpersonen liefen „selbstverständlich ebenso Gefahr, ihr Leben zu verlieren“, wenn sie blieben. Damit war die Trennung zwischen Soldaten und Zivilbevölkerung aufgehoben. Das Blatt schließt: „Wer diese Warnung missachtet, hat sich die Folgen selbst zuzuschreiben. London, 1. September 1943.“

Zu lesen war von einer stetig wachsenden Schlagkraft gegnerischer Streitmacht, der Deutschland bald wehrlos ausgesetzt sein würde. „Die Festung Europa hat kein Dach“, stand auf einer martialischen Zeichnung, sie zeigt eine brennende Stadt unter einem Bomberschwarm. Dass diese Flächenbombardements Zivilisten nicht verschonten, machte Luftmarschall Arthur Harris später zu einem auch in England umstrittenen Mann. Seine Strategie war es, die Deutschen zu zermürben, die Angriffe sollten die Bevölkerung demoralisieren.

Auf den 17 Jahre alten Richard Koch, Mitglied beim Jungvolk und der Hitler-Jugend, Abteilung Feuerwehr, machte die Luftpost allerdings keinen sonderlichen Eindruck. „Ich habe das mehr als Propaganda gesehen“, sagt er heute, „wir waren ja alle so programmiert, dass es nur noch ein paar Wochen dauern würde, bis wir den Krieg gewonnen haben. “ Der Krieg erwischte den Schüler dann noch richtig. Da ging es nicht mehr darum, zu Hause mit den Hitlerjungen Brände zu löschen. Koch wurde Anfang 1944 an die Ostfront geschickt, als Horchfunker hörte er mit Dolmetschern zusammen sowjetischen Funk ab. Dort, sagt er, habe er auch zum ersten Mal von Konzentrationslagern für Juden gehört.

Historiker haben nachgewiesen, dass die Flugblätter, faktisch regierungsamtliche Dokumente, wahrheitsgetreu den Kriegsverlauf wiedergeben sollten. Wo Fehler passierten, geschah dies aus Unwissenheit. Über allen deutschen Großstädten wurden Schriften abgeworfen, schon seit Kriegsbeginn waren sie Mittel psychologischer Kriegsführung, um den Widerstandswillen von Truppen und Bevölkerung zu schwächen. „Flugblätter waren eine Art Gegenöffentlichkeit, die Menschen wollten genau wissen, wo die Front verläuft“, sagt Historiker Werner Heine vom Stadtarchiv. Die Wirkung auf die Menschen dürfe man jedoch nicht überschätzen. Sie seien mit zunehmender Schwere der Luftangriffe resigniert und apathisch geworden, die Luftschläge hätten aber auch zu verzweifelter Wut geführt. Zu Beginn des Krieges und unter dem Eindruck militärischer Erfolge interessierten Flugblätter kaum jemanden. Gegen Ende, als die angebliche Festung ihr Dach verloren hatte, beklagten Nationalsozialisten, dass nach jedem Luftangriff neue Gerüchte durch die Stadt schwirrten, verursacht von neuen Flugblättern, deren Informationen von eigenen Lügen stark abwichen.

Für Richard Koch endete der Krieg in amerikanischer Gefangenschaft. Dann beteiligte er sich am Aufbau der Stadt. Er studierte Architektur und Rechtswissenschaften. Und beim Staatshochbauamt war er Bauleiter für ein repräsentatives Projekt: den Landtag in Hannover.

Bärbel Hilbig 02.08.2012
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