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Aus der Stadt Wie erkennt man Radikalisierung früh genug?
Hannover Aus der Stadt Wie erkennt man Radikalisierung früh genug?
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02:15 06.02.2017
Was tun, wenn die Schülerin nach den Ferien vollverschleiert in der Klasse erscheint? Erst mal: Genau hinschauen, sagen Experten. Quelle: dpa, Symbolbild
Hannover

Bärte, Verschleierung, Kalifat und Pierre Vogel. Diese vier Begriffe fallen den Teilnehmern ein, als sie von Verfassungsschutzreferentin Isabella Gellert nach ihren Assoziationen zum Thema Salafismus gefragt werden. Kita-Erzieherinnen aus Peine, Polizisten aus Uetze, Sozialarbeiter aus Flüchtlingsheimen und sogar Gasteltern von unbetreuten minderjährigen Geflüchteten haben sich zu der KurztagungRadikalisierung von Jugendlichen“ angemeldet. Alles Menschen mit gutem Willen – und der Furcht, irgendein wichtiges Zeichen nicht zu sehen.

Das Jugendamt Burgdorf ist in voller Stärke vertreten. Viele Kommunen aus dem Nordosten der Region haben ihre Mitarbeiter zu der in diesem Umfang erstmalig durchgeführten Veranstaltung in die Polizeiinspektion Burgdorf entsandt. Das gemeinsame Interesse: zu verstehen, warum sich Jugendliche aus allen gesellschaftlichen Schichten zunehmend den gefährlichen Ideologien radikaler Islamisten verbunden fühlen.

Welche Mechanismen wirken bei der Radikalisierung, und welche pädagogischen Maßnahmen, Meldewege und Beratungsangebote eignen sich, um eine zweite Safia zu vermeiden? Die damals 15-jährige Schülerin aus Hannover wurde jüngst vor dem Oberlandesgericht Celle zu sechs Jahren Haft verurteilt. Sie hatte 2015 im Hauptbahnhof einen Polizisten mit einem Messer schwer verletzt. Das Gericht hatte den Angriff als IS-Attacke gewertet.

Eine „dynamische Bewegung“

„Für solche Taten gibt es keine Rechtfertigung, aber wir müssen nach den Ursachen und Bedingungen fragen“, erklärt Kriminaldirektor Jürgen Graver, Initiator der Veranstaltung. Laut Verfassungsschutzbericht 2015 sei die salafistische Szene die „dynamischste islamistische Bewegung in Deutschland“, sagt Isabella Gellert, Islamwissenschaftlerin des Niedersächsischen Verfassungsschutzes. Seit 2014 ist die Zahl der Anhänger in Niedersachsen von 400 auf etwa 680 Personen angestiegen.

Am Beispiel der bekannten Salafisten-Prediger Pierre Vogel und Mohamad Cifci erklärt Gellert, wie die Szene im Internet, in Flüchtlingsheimen und in Fußgängerzonen neue Anhänger anwirbt. „Die Salafisten docken an der Lebensrealität der Jugendlichen an“, sagt sie. „Seht euch die Spielotheken an, die Bordelle und den Drogensumpf“, schreit an der Leinwand hinter ihr der Konvertit Vogel in einem Youtube-Video – bevor er seine Zuschauer dazu aufruft, „Soldaten für Allah“ zu werden.

„Wir haben alle schon mal gehört, dass es Sunniten und Schiiten gibt, aber den genauen Unterschied zu verstehen, das ist schon interessant“, sagt Polizeihauptkommissar Wolfgang Seffer, der aufmerksam zuhört. Radikalisierte Jugendliche selbst sind ihm im Aufgabenbereich seiner Polizeistation in Uetze noch nicht untergekommen. Es gebe allerdings Familienstreitigkeiten, bei denen die Polizei nur durch die Vermittlung eines Imam weiterkommt. „Das sind so Sachen, die auf uns zukommen“, sagt Seffer.

Hilfe? Lieber früh als gar nicht

André Taubert kennt als Mitarbeiter der Hamburger Fachstelle für religiös begründete Radikalisierung, „Legato“, die Gründe und Motive für islamistische Radikalisierung. Zu Taubert kommen nach Syrien ausgereiste Frauen, die ein glorifiziertes Kalifat erstrebten und nun schwanger auf eine Rückkehr hoffen. Viel öfter sind es aber Eltern, Sozialarbeiter oder Lehrer, die Angst haben. „Wenn etwa eine Schülerin nach den Ferien vollverschleiert zur Schule kommt, dann macht das zu Recht Sorgen“, sagt Taubert. Er ermuntert dazu, mögliche Anzeichen ernst zu nehmen.

Lieber einmal zu früh bei der Beratungsstelle nachgefragt, als gar nicht, lautet die zentrale Botschaft der Tagung.
Hendrik Alberts, Sozialarbeiter in der Berufsschule Burgdorf, hat die Erfahrung gemacht, dass Lehrer häufig verunsichert sind. „Da wurden Kontaktdaten von Beratungsstellen weitergegeben, aber man rief nicht an. Vielleicht, weil ein Gefühl des Scheiterns mitschwingt“, erzählt er.

Am Ende, das kann man an diesem Tag lernen, kommt es darauf an, sich jeden Jugendlichen genau anzuschauen. Taubert warnt davor, hinter jedem Interesse für islamistisches Gedankengut gleich einen potenziellen Terroristen zu befürchten. Erfahrungsgemäß steht die Radikalisierung in engem Zusammenhang mit einer jugendtypischen persönlichen Krise. „Akzeptieren Sie den Status quo, und versuchen Sie, sich an ihre eigene radikale Jugendphase zu erinnern“, sagt Taubert.

Wenn das geschafft ist, müsse man verhindern, dass junge Muslime sich isolieren, meint Taubert. Sein Rat im Kampf gegen die Radikalisierung: die Jugendlichen ernst nehmen und ihren Krisen individuell begegnen. Scheint die Radikalisierung allerdings in gefährliche Fahrwasser zu driften, dann sollten Polizei und Verfassungsschutz hinzugezogen werden.
So weit, so gut. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt, die Sicherheitsbehörden einzuschalten, will ein Teilnehmer wissen. Das ist einfach, sagt Taubert: „Wenn Sie darüber nachgedacht haben, dann sollten Sie sich melden.“     

Von Mario Moers

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