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Aus der Stadt Wie klappt das mit den vielen Flüchtlingen?
Hannover Aus der Stadt Wie klappt das mit den vielen Flüchtlingen?
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00:17 23.11.2015
Von Gunnar Menkens
Andreas Jergentz, 
Leiter des Oststadtkrankenhauses: "Das lange Warten 
kann schon 
frustrierend für 
die Bewohner sein." Quelle: Katrin Kutter
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Herr Jergentz, fangen wir mit Fakten an. Wie viele Menschen leben in diesen Tagen in den Zimmern des ehemaligen Oststadtkrankenhauses?
Jergentz: Das kann ich Ihnen genau sagen. Stand heute ist: 741 Flüchtlinge aus 33 Nationen, davon 120 Frauen und 76 Kinder. Die größte Gruppe, 83 Personen, kommt aus Algerien.

Es ist jetzt später Vormittag. Wie hat Ihr Tag begonnen und was liegt noch vor Ihnen in den nächsten Stunden?
Jergentz: Um acht Uhr morgens geht es los. Ich spreche mit unseren Sicherheitsleuten, ob während der Nacht etwas Besonderes passiert ist und gucke mir das Protokoll an. Manchmal sind Bewohner akut krank geworden, dann wurde ein Rettungswagen gerufen. Es kommt auch vor, dass es Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern gibt. Bei solchen Vorfällen spreche ich mit unseren Sozialarbeitern und den Beteiligten, gemeinsam gucken wir, wie wir schlichten können. Manchmal versuchen Leute auch, unbefugt ins Oststadtkrankenhaus reinzukommen.

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Was für Leute sind das?
Walter: Zum Beispiel Freunde und Familienangehörige von Menschen, die nicht hier leben, sondern etwa in Turnhallen. Flüchtlinge sind durch Handys ... Jergentz: ... ihr letzter Schatz ... Walter: ... gut vernetzt, egal, in welcher Einrichtung sie untergebracht sind. Jergentz: Ja, ein Zimmer mit Bett weckt schon Begehrlichkeiten. Aber unsere Regel ist: Besuch von neun bis 22 Uhr. Übernachten darf nur, wer eine Zuweisung für die Unterkunft hat.

Melanie Walter,
 Städtische Bereichsleiterin Migration. Quelle: Katrin Kutter

Als Heimleiter ist man Ansprechpartner für alles und jeden im Haus?
Jergentz: So ist es. Klemmt es irgendwo, stehen die Leute bei mir vor der Tür. Wenn das Zahnmobil kommt, müssen vorher alle Behandlungsscheine organisiert sein, es gibt ja keine Gesundheitskarte wie in Bremen. Ein großer Teil des Alltagsgeschäft ist die soziale Betreuung. Anträge stellen, Termine für Ärzte absprechen, Behördengänge, was alles anfällt. Das Problem sind die vielen Sprachen. Dolmetscher zu besorgen nimmt viel Zeit in Anspruch. Wir haben hier 22 Sozialarbeiter, die dabei helfen.

Wie sind die Menschen im Haus untergebracht? Trennen Sie bei der Zimmerbelegung nach Religionen?
Jergentz: Nein. Die Zimmer, es sind Zwei- und Vierbettzimmer, belegen wir, wenn es möglich ist, mit Menschen derselben Nationalität.

Mehr als 700 Menschen leben auf engem Raum, sie kommen aus sehr unterschiedlichen Kulturen. Muslimische Männer treffen auf christliche Frauen. Führt das nicht zwangsläufig zu Konflikten
Jergentz: Natürlich kommt das vor, aber es hält sich wirklich in engen Grenzen. Manchmal hapert es an der Eigenverantwortung. Die Bewohner müssen Zimmer und Küchen selber sauber halten. Im Frauentrakt sieht es immer picobello aus, in Etagen mit jungen Männern ist es oft anders. Manchmal müssen wir alle zusammen trommeln, dann wird alles sauber gemacht. Aber es gab bisher keinen Streit aus religiösen Gründen.

Mit welchen Hoffnungen kommen die Flüchtlinge ins Oststadtkrankenhaus? Erwarten Sie schnell Arbeit und Wohnung?
Walter: Es ist für sehr viele Flüchtlinge schon eine große Umstellung, wenn sie Arbeit suchen. In Deutschland müssen Zertifikate und Abschlüsse vorgewiesen werden. Wenn ein Flüchtling sagt, er sei Elektriker, dann kann das heißen, dass er in seiner Familie bei jemandem mitgegangen ist der ihm gezeigt hat, wie es geht. Die sind dann enttäuscht, wenn es nicht gleich klappt mit einem Job. Bisher bringen wir drei bis vier Flüchtlinge aus dem Oststadtkrankenhaus in einem richtigen Job unter.

Sehr viele sind das nicht.
Jergentz: Wir müssen ihnen sagen, dass es Zeit braucht. Warten auf den Asylantrag. Ein Jahr Sprachkurse, praktisch in Vollzeit, dann drei Jahre Ausbildung.

Im früheren Oststadtkrankenhaus leben mittlerweile 741 Menschen. Quelle: Katrin Kutter

Wie lange bleiben Flüchtlinge in der Regel im Oststadtkrankenhaus?
Jergentz: Das ist schwer zu sagen. Ich schätze, ein durchschnittlicher Aufenthalt dauert sechs bis acht Monate. Walter: Das hängt davon ab, aus welchen Ländern die Flüchtlinge kommen. Menschen aus Syrien haben bisher eine hohe Anerkennungsquote …

... was Bundesinnenminister Thomas de Maiziére geändert hat …
Walter: Ja, durch die Einzelfallprüfung werden die Verfahren voraussichtlich wieder länger dauern. Jetzt schon leben manche Menschen aus Afrika seit einem Jahr hier, weil deren Asylanträge nicht entschieden sind. Aber auch Flüchtlinge mit anerkanntem Aufenthaltsrecht bekommen nicht gleich eine eigene Wohnung. Das hat unterschiedliche Gründe: die Wohnungssuche kostet Zeit und auch der Übergang ins das Verfahren des Jobcenters nimmt etwas Zeit in Anspruch.

Gibt es genügend Wohnungen?
Walter: Die Suche nach geeigneten Wohnungen gestaltet sich schwierig. Hilfreich ist es, wenn Sozialarbeiter mit Wohnungsbesitzern telefonieren, allein wegen der Sprache, besonders aber, um die Lage zu besprechen. Inzwischen haben wir 43 Familien aus dem Oststadtkrankenhaus in einem Programm, das wir Auszugsmanagement nennen. Es geht darum, Wohnungen zu finden, Flüchtlinge auf den Umzug vorzubereiten und bei der Organisation zu unterstützen.

In der Umgebung von Unterkünften, auch hier in Groß-Buchholz, tauchen immer wieder Gerüchte über angeblich wachsende Kriminalität auf. Wie nehmen Sie diese Diskussionen wahr?
Alibegashvili: Es sind kleinere Delikte, von denen wir reden. Diebstähle und Schwarzfahren. Um die Dinge schnell aufzuklären, haben mit der Polizei verabredet, dass einige Vernehmungen im Oststadtkrankenhaus stattfinden. Hier können wir schnell Dolmetscher organisieren und die Polizei spart Geld. Jergentz: Schwarzfahren ist das häufigste Delikt. 90 Prozent der Erwischten sind aus Unkenntnis über das Ticketsystem ohne Fahrschein ertappt worden. Ich rede regelmäßig mit der Üstra, wir entwickeln jetzt mehrsprachige Flyer, damit auch Personen, die die lateinischen Buchstaben noch nicht kennen, das Ticketsystem verstehen. Gedacht ist auch daran, einige Flüchtlinge aus dem Oststadtkrankenhaus mit dem Üstra-System vertraut zu machen, die es dann wiederum Bewohnern in anderen Unterkünften beibringen sollen. Diese Helfer sollen auch in der Stadtbahn unterwegs sein. Walter: Das Ticketsystem ist für viele Flüchtlinge in der Tat schwer zu verstehen. Hier besteht ein großer Erklärungsbedarf für Flüchtlinge. Sozialarbeiter und Ehrenamtliche informieren regelmäßig und klären auf. Alibegashvili: Wenn man eine Tageskarte kauft, braucht man keine Wertmarke. Es ist kompliziert.

Guram Alibegashvili (links),
 Leiter der Sozialarbeit, mit Andreas Jergentz, dem 
Leiter des Oststadtkrankenhauses. Quelle: Katrin Kutter

Noch einmal zurück zu manchen Ängsten in der Bevölkerung. Vom Bund der Kriminalbeamten stammt die Zahl, nach der jeder zehnte Flüchtling kriminell werde. Geht diese Schätzung in die richtige Richtung?
Jergentz: Das kann ich überhaupt nicht bestätigen. Walter: So etwas hören wir immer wieder auf den Bürgerversammlungen. Die Polizei vor Ort sagt uns aber, dass die Kriminalität unter Flüchtlingen im Verhältnis zu ihrer Zahl nicht verbreiteter als unter Deutschen ist. Alibegashvili: Schwarze Schafe gibt es überall. Aber bei uns war es bisher so, dass Polizeieinsätze immer wieder denselben paar Leuten gelten. Der Eindruck ist dann natürlich, dass oft Polizei im Oststadtkrankenhaus ist.

Hunderte junge Männer leben hier, die meisten sind zwischen 18 und 35 Jahre alt. Wie beschäftigen Sie diese und andere Bewohner?
Jergentz: Das ist unsere wichtigste Aufgabe. Deutschkurse, allerdings nur für Flüchtlinge aus bestimmten Herkunftsländern. Es gibt Sport und Kultur, die Künstler ohne Grenzen bieten Kurse an in Bildhauerei und Trommeln. Wir haben eine Schachgruppe und einen Chor. Es gibt Hausaufgabenhilfe und Kinderbetreuung.

Sie sehen jeden Tag in der Praxis, woran es mangelt bei der Integration. Welche Wünsche haben Sie an die Politik?
Jergentz: Alles hängt von Sprache und Job ab. Flüchtlinge brauchen eine bodenständige Ausbildung, damit sie nicht in ungelernten und schlecht bezahlten Jobs landen. Aber die meisten scheitern schon an den Berufsschulprüfungen, die auf Deutsch sind und wo nach Dingen gefragt wird, die für die Praxis in der Ausbildung oft nicht von Bedeutung sind. Das sollte man ändern. Das lange Warten kann schon frustrierend für die Bewohner sein. Walter: Es wäre hilfreich, wenn die Gesetzeslage bei der Arbeitsplatzbeschaffung sich ändern könnte. Arbeitgeber sollten entscheiden können, ob sie einen Flüchtling einstellen wollen, bislang prüft die Arbeitsagentur noch, ob Deutsche oder EU-Bürger Vorrang haben. Auch sollten sich die Bildungs- und Förderangebote für Flüchtlinge stärker an deren Aufenthaltsperspektive in Deutschland orientieren. Es gibt beispielsweise immer noch zu wenige Kapazitäten bei zertifizierten Sprachkursen.

Und was wünschen sich Flüchtlinge im Oststadtkrankenhaus?
Alibegashvili: Handys sind ein großer Kostenfaktor. Ein kostenloses Wlan-Netz ist in Vorbereitung. Das ist sehr wichtig für den Kontakt nach Hause.

Interview: Gunnar Menkens

Polizei rückt täglich zu Unterkünften aus

Die Polizei in Niedersachsen ist zunehmend damit beschäftigt, Streitigkeiten und Auseinandersetzungen in niedersächsischen Flüchtlingsunterkünften zu schlichten. Nach Angaben des Landeskriminalamts vergeht derzeit kein Tag, an dem es nicht in mindestens einer Unterkunft zu einem größeren Einsatz für die Beamten im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise kommt. So registrierte die Behörde beispielsweise in der Zeit vom 7. bis 12. November insgesamt zehn größere Polizeieinsätze in Flüchtlingsunterkünften des Landes. In einem Notquartier im Peiner Gewerbegebiet gingen 15 Georgier auf mehrere Sudanesen los, um den afrikanischen Flüchtlingen die Handys abzunehmen. Im Erstaufnahmelager in Friedland stellten die Beamten zahlreiche Gegenstände sicher, die Betreuer unter Büschen entdeckt hatten und die mutmaßlich als Waffen dienen sollten, darunter Eisenrohre, Stuhlbeine, scharfkantige Steine. In der Flüchtlingsunterkunft in Stade musste die Polizei einen Streit zwischen einem Afghanen und drei Syrern schlichten – anschließend wurden die Beamten selbst Ziel eines Angriffs. 20 bis 30 Syrer rotteten sich zusammen, um auf die Polizei loszugehen, nur durch das Engagement einiger arabischer Übersetzer ließ sich die Lage wieder beruhigen.

Wegen der angespannten Lage in den Unterkünften hält sich in Hannover, wie aus Gewerkschaftskreisen zu erfahren war, stets ein Zug einer Hundertschaft, bestehend aus 30 Beamten, in Bereitschaft, falls es in Niedersachsen zu Übergriffen unter Flüchtlingen kommen sollte. Zudem steht ein zweiter Zug in Bereitschaft, der offiziell zu allen Einsätzen hinzugezogen werden kann, de facto aber ausschließlich für die Sicherheit in der Flüchtlingsunterkunft in Bad Fallingbostel sorgen soll. In Hannover mussten diese beiden Einheiten noch nicht eingesetzt werden. In der Landeshauptstadt sind stets genügend Einsatzkräfte im Streifendienst, die auf Übergriffe in Flüchtlingsheimen schnell reagieren können. ran/tm     

Mathias Klein 20.11.2015
Michael Zgoll 20.11.2015
Michael Zgoll 19.11.2015