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Aus der Stadt Schwein gehabt – am Maschsee
Hannover Aus der Stadt Schwein gehabt – am Maschsee
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00:18 21.11.2014
„Es werden einfach zu viele“: Stadtjäger Heinz Pyka geht am Maschsee auf Wildschweinjagd.
„Es werden einfach zu viele“: Stadtjäger Heinz Pyka geht am Maschsee auf Wildschweinjagd. Quelle: Körner
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Hannover

Lutz, du musst den Willi holen. Gerald hat ‘ne Sau geschossen.“ Aufgeregt telefoniert Heinz Pyka, um seinen Jagdfreund Lutz Stache zum Kommen zu überreden. Mit dessen Hund Willi. Eigentlich hatte sich Stadtjäger Pyka allein mit Jagdfreund Gerald Uhrner auf die Lauer legen wollen. Der Mann aus dem Harz sitzt schon seit Sonnenuntergang an – und ist Pyka zuvorgekommen. Per Handy hat Uhrner den hannoverschen Weidmann über den Schuss informiert. Die Sau, das ist ein Wildschwein. Jagdszenen, kaum vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt am Maschsee, zwischen Leine und Bahngleisen. „Wir müssen eine Nachsuche machen“, erklärt Pyka, denn das getroffene Wildschwein hat sich davongeschleppt und liegt nun möglicherweise verletzt in der Landschaft.

Seit drei Jahren kämen die Tiere so weit ins Zentrum Hannovers, berichtet Pyka, während er sich auf den Weg zu Uhrner macht. Anpassungsfähig seien sie, die Angst vor dem Menschen hätten sie abgelegt. Er erzählt weiter, doch seine Worte werden vom lauten Poltern eines vorbeirauschenden Güterzuges verschluckt. Nicht einmal solch ein Lärm schreckt die Tiere, die sich im Grün am Westufer des Maschsees offenbar sauwohl fühlen. Die Jagd ist nötig, betont Pyka. Nicht nur, weil der 64-Jährige leidenschaftlicher Jäger ist. „Es werden einfach zu viele.“ Allein in jüngster Zeit hätte ihn die Polizei zu fünf schweren Unfällen gerufen, an denen Wildschweine beteiligt waren – allesamt im Bereich der Schnellwege. Vor der Zivilisation machen die Tiere nicht halt. „Die gehen bis an den Maschsee heran.“

Der Marsch zu Gerald Uhrner ist nicht ohne Hindernisse. Vom festanlegten Weg, der an der Leine entlangführt, geht es auf einem kleinen Trampelpfad ins Grün. Ein provisorisch eingerichteter Damm aus Holz führt über eine sumpfige Stelle. „Hier muss man aufpassen, wo man hintritt“, sagt Pyka.

Sechs bis acht Wildschweine habe er beobachtet, erzählt der 58-Jährige, während er über die hölzerne Leiter von seinem Aussichtspunkt herunterklettert. Zwei Stunden hatte er dort gesessen, bis ihm die Rotte vor die Flinte lief. „Sie kamen von links“, erzählt der Jäger. Auf 40 Meter Entfernung zielte er – und traf. Obwohl es dunkel ist und der Mond sich hinter einer dichten Wolkendecke versteckt, sieht man gut. Die Stadt sorgt für genügend Licht. Richtig dunkel wird es hier nie. Trotzdem brauchen die Männer Taschenlampen, um im plattgetrampelten Gras die Stelle zu finden, an der das Schwein getroffen wurde. Auf eigene Faust loszuziehen, das trauen sich die Jäger aber nicht. Verletzte Wildschweine können gefährlich sein. Selbst weibliche Tiere, die nicht so große Zähne haben wie ihre männlichen Artgenossen.

Der Bayerische Gebirgsschweißhund Willi hilft bei der Nachsuche. Quelle: Körner

Erst als der Hund Willi kommt, kann die Spurensuche weitergehen. Willi ist ein Bayerischer Gebirgsschweißhund, mitten in der Ausbildung. Er soll bei der Nachsuche helfen, dem Finden und Stellen des verletzten Wildschweins. Aufgeregt hat der Hund die Nase am Boden, wirft sich ins Halsband. Stache muss viel Kraft aufwenden, um nicht davongezerrt zu werden. „Hier ist noch mehr Schweiß“, ruft Pyka schließlich und leuchtet mit der Taschenlampe auf eine Stelle im Gras. Schweiß heißt Blut im Jägerlatein. Der Weg, der über die Wiese ins dichte Unterholz nahe der Bahngleise führt, ist blutig, vor allem aber das Gras links von der Spur. Das  Vorankommen zwischen den tief hängenden Ästen ist nicht leicht. Dieses Stück Natur ist nicht für Menschen gemacht. Für das getroffene Schwein aber ist es eine letzte Zuflucht.

„Hier ist sie!“ Es dauert nicht lange, bis Uhrner das Tier entdeckt. Die Bache, ein weibliches Wildschwein, ist bereits tot, ein Schuss hat genügt. Im Taschenlampenlicht betrachten die drei Jäger den stattlichen Kadaver. Etwa 45 Kilo, schätzen sie, bringt das Tier auf die Waage. Zu zweit zerren Pyka und Uhrner den Kadaver an den Vorderläufen aus dem Gebüsch. An einer lichteren Stelle lehnen sie ihn mit dem Rücken an einen Baum. Die Position wirkt bizarr.

Nach der Jagd wird das Wildschwein „aufgebrochen“. Quelle: Körner

Mit einem Messer und bloßen Händen rasiert Uhrner der Sau das Bauchfell weg. Dann schneidet er. Erst nach unten, dann nach oben, in Richtung Brustkorb. „Ich hab noch eine Säge im Auto“, sagt Pyka, als das Messer nicht sofort durch die Knochen schneidet. Das sogenannte Aufbrechen, also das Ausweiden und Ausblutenlassen, sei wichtig, damit das Fleisch nicht verhitzt, also unbrauchbar wird, erklären die Männer. Ein Schuss durch die Leber, stellen sie mit prüfendem Blick fest. Der eine hat gesessen. Die Innereien werden verscharrt. Das tote Tier schleppen sie mit vereinten Kräften zum Weg. Hier wollen sie es später mit dem Auto abholen. Das Fleisch könnte auf dem eigenen Teller landen.

Etwa 45 Kilo wiegt der Kadaver – zu schwer, um ihn allein zu tragen. Quelle: Körner

Eine Obergrenze für die Anzahl der gejagten Wildschweine gibt es nicht. „Die Tiere vermehren sich überproportional schnell“, meint Pyka. Allein in diesem Bereich Hannovers seien mindestens 30 Tiere unterwegs. Mehrere Bachen, mit zwei, vier oder gar acht Frischlingen. Auch ein Keiler, ein männliches Tier. „Mindestens hundert Kilo schwer“, schätzt der Stadtjäger. Wenn Wetter und Licht mitspielen, geht es in einigen Tagen wieder auf die Jagd – nur wenige Meter vom Maschsee entfernt, mitten in Hannover.

Wie rette ich mich vor einem Wildschwein?

Wildschweine sind echte Anpassungskünstler. Von Natur aus tagaktiv, haben sie sich auf das Leben in menschlicher Nähe eingestellt und ihre Aktivität in die Nacht- und Dämmerungsstunden verlagert. Vor allem in dieser Zeit kann es zum Aufeinandertreffen von Mensch und Tier kommen. „Im Normalfall verlaufen solche Begegnungen relativ problemlos“, sagt Florian Rölfing von der Landesjägerschaft Niedersachsen. Wer die Wege in einem Waldgebiet nicht verlässt, würde selten einem der Tiere begegnen.

Kommt es doch zu einem Aufeinandertreffen, sollte man vor allem eines: Ruhe bewahren. „Wenn man die Tiere mit dem richtigen Respekt behandelt, passiert nichts“, beruhigt Rölfing. Sein Rat: Blick abwenden und langsam, ohne Hast, den Rückzug antreten. Gefährlich kann es werden, wenn die weiblichen Wildschweine Nachwuchs haben. Als Mutter verteidigt eine Bache ihre Frischlinge. Bedrängen sollte man die Tiere im Falle eines Aufeinandertreffens deshalb nie. „Normalerweise haben Wildschweine aber genauso viel Angst wie der Mensch, dem sie begegnen.“

Von Sabine Gurol

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