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Aus der Stadt Wird auch der Ernst-August-Platz umbenannt?
Hannover Aus der Stadt Wird auch der Ernst-August-Platz umbenannt?
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00:23 06.11.2015
Von Simon Benne
„Ich habe dieser Demokratie die Flügel gestutzt“: Ernst August, König von 1837 bis 1851, auf seinem Lieblingspferd Ibrahim. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Jürgen Junghänel, der für die Piratenpartei im Bezirksrat Mitte sitzt, zieht dabei unerschrocken gegen einen 1851 verstorbenen Monarchen zu Felde - und gegen „unkritische royalistische Rückbesinnung“. Er hat den Antrag gestellt, den Ernst-August-Platz vorm Bahnhof umzubenennen: „Ernst August war der Vertreter eines Unrechtsregimes“, moniert er. Es gebe keinen Grund, diesen König durch einen Straßennamen zu ehren.

Junghänels Vorstoß ist eine Art späte Rache: Im Jahr 1837 hatte der erzkonservative Ernst August die halbwegs liberale Landesverfassung kurzerhand außer Kraft gesetzt. Sieben Göttinger Professoren, die dagegen protestierten, ließ er feuern. „Ich habe dieser Demokratie die Flügel gestutzt“, flohlockte er in einem Brief an britische Freunde. Als nach seinem Tod für ein Denkmal am Bahnhof gesammelt wurde, flossen Spenden nur spärlich. Das Reiterstandbild wurde anfangs eingezäunt, um dem Landesvater sein treues Volk vom Leibe zu halten. Gleichwohl trägt der Ernst-August-Platz bis heute seinen Namen.

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Erst kürzlich hatte ein städtischer Beirat empfohlen, mehrere Straßen umzutaufen. Offenbar hat dies den Piraten Junghänel beflügelt: Es sei die Pflicht des Bezirksrates, hier aufklärerisch zu wirken, erklärt er - zumal auch ein Einkaufszentrum und ein Brauhaus nach dem „Verfassungsbrecher“ benannt sind. Das Denkmal selbst will er nicht antasten: „Darüber zu entscheiden, liegt nicht in der Hand des Bezirksrats Mitte.“

Möglicherweise könnte der Platz seinen Namen behalten, wenn man ihn nur „umwidmen“ würde, wie bei anderen Straßen schon geschehen. So ist seit 2010 die Wißmannstraße offiziell nicht mehr nach dem Kolonialisten Hermann von Wißmann benannt, sondern nach dem Kommunisten Hermann Wißmann. In der Welfenfamilie finden sich zahlreiche Ernst Augusts, die den konservativen König als Namenspatron beerben könnten - sofern der Bezirksrat sie eines Straßenschilds für würdig erachtet.

Der ehrgeizige Barockherrscher

Ernst August (1629-1698), ehrgeiziger Barockherrscher, stieg 1692 zum Kurfürsten auf. Seine verschwenderischen Feste - Karneval wurde bei Hofe wochenlang geprasst - zeugen allerdings von mangelnder Haushaltsdisziplin. Mit äußerster Härte ahndete er eine Affäre seiner Schwiegertocher Sophie Dorothea - sie wurde lebenslang nach Ahlden verbannt. Um die Kurwürde zu erlangen, soll er großzügig „Präsente“ und „Handsalben“ verteilt haben - Bestechungsgeld also. Ein Verhalten, das den Grundsätzen der heutigen Rechtsordnung ebenso widerspricht wie denen der Piratenpartei.

Der Bischof blieb unauffällig

Sein Sohn Ernst August II. (1674-1728) war Bischof von Osnabrück und lag ständig im Clinch mit dem dortigen Domkapitel. In der Reihe der Welfen blieb er sonst eher unauffällig. Immerhin förderte er den Steinkohlebergbau am Teutoburger Wald. Ob das reicht, um ihn aufs Straßenschild zu heben?

Der Sohn des letzten König

Ernst August (1845-1923), Sohn von Hannovers letztem König Georg V., lebte nach der Niederlage gegen Preußen (1866) im Exil in Österreich. Seinen Anspruch auf den hannoverschen Thron hielt er aufrecht. Genau genommen haben die Welfen diesen bis heute nicht aufgegeben - als einziges der vormals regierenden deutschen Herrscherhäuser.

Er appellierte, Hitler zu folgen

Sein Sohn Ernst August (1887-1953) appellierte nach Hitlers Machtergreifung an die Welfentreuen, „dem Führer zu folgen“. Historiker schicken sich derzeit an, seine Verstrickungen in NS-Machenschaften auszuleuchten. In der Debatte um Straßennamen sind sie eine schwere Hypothek.

Der Offizier an der Ostfront

Sein Sohn Ernst August (1914-1987) kämpfte als Offizier an der Ostfront und muss damit wohl als „Vertreter eines Unrechtsregimes“ gelten. Allerdings wurde er nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 kurzzeitig von der Gestapo inhaftiert.

Die lebenden Nachfahren

Dessen Sohn Ernst August (geboren 1954, verheiratet mit Caroline von Monaco) und Enkel Ernst August (geboren 1983, (Foto) Besitzer der Marienburg) scheiden als Straßennamenpaten unter anderem deshalb aus, weil sie noch am Leben sind.

Im Falle einer Namensumwidmung würde das Denkmal freilich immer noch an den konservativen König erinnern. Dem Piratenpolitiker Junghänel ginge sie ohnehin nicht weit genug: Er will, dass der Platz künftig Leibnizplatz heißt. Der Philosoph hat einen Ehrenplatz in Hannovers Historie: Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass Hannover 1692 zum Kurfürstentum aufstieg. Sein Brötchengeber Ernst August wurde dadurch zum Kurfürsten.

Bezirksrat skeptisch bei Ernst-August-Platz

Der Bezirksrat Mitte, verantwortliches Gremium für eine mögliche Umbenennung des Ernst-August-Platzes, ist skeptisch. „Wir diskutieren jeden Antrag, aber es dürfte nicht leicht für Herrn Junghänel werden, eine Mehrheit für seine Forderung zu finden“, sagt Bezirksbürgermeister Michael Sandow (SPD). Piraten-Vertreter Jürgen Junghänel fordert in der nächsten Sitzung des Gremiums am 16. November, den Ernst-August-Platz in Leibnizplatz umzutaufen. Sandow rät, sich zunächst mit den Empfehlungen des wissenschaftlichen Beirats der Stadt zu beschäftigen. Dieser hatte zehn Straßen für eine Namensänderung vorgeschlagen, darunter auch die Hindenburgstraße, über die der Bezirksrat Mitte entscheiden muss.

Auch die Grünen bleiben in Sachen Ernst-August-Platz zurückhaltend. „Die Hürden für eine Umbenennung sind hoch, da kann nicht jeder Hobby-Historiker vorbeikommen“, sagt Grünen-Fraktionschef Martin Nebendahl. Die CDU tritt sofort auf die Bremse. „Dann wäre auch die Wallensteinstraße fällig und etliche andere Straßen. Wo soll das enden?“, fragt Fraktionschef Dieter Prokisch. Die CDU will noch in dieser Woche die Anwohner der Hindenburgstraße befragen, ob sie sich einen anderen Namen wünschen.

asl

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