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Aus der Stadt Wirtschaftsförderer verurteilt: Er erpresste Kosmetikfirma und finanzierte Prostituierte
Hannover Aus der Stadt Wirtschaftsförderer verurteilt: Er erpresste Kosmetikfirma und finanzierte Prostituierte
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00:15 31.01.2013
Von Michael Zgoll
Manfred K. (l., hier mit Verteidiger Raphael Busch) hat alles verloren. Quelle: Michael Zgoll
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Hannover

Den Nachbarn aus Barsinghausen, die der Wirtschaftsförderer Manfred M. um vierstellige Beträge anpumpte, erzählte er, er bräuchte das Geld für die Renovierung seiner Garage. Oder für die Reparatur eines Vordachs. In Wirklichkeit bezahlte er damit Erpresser aus dem Zuhältermilieu. Und finanzierte das Leben seiner Geliebten, einer Prostituierten aus dem Steintorviertel. Er spendierte ihr Kleidung, Geschenke, unterstützte sie beim Autokauf.

Doch als K. dem Wennigser Naturkosmetik-Hersteller Laverana mit einer Drohung nach Mafiaart 95.000 Euro abpressen wollte, scheiterte er kläglich. Zwei Verhandlungstage beim Landgericht Hannover reichten aus, um der Öffentlichkeit den vollständigen Ruin einer bürgerlichen Existenz binnen weniger Jahre vorzuführen. Am Montag verurteilte die 3. Große Strafkammer den 70-jährigen Angeklagten wegen versuchter schwerer räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten.

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Woher kamen die Schulden?

Warum war der früher bei der Bezirksregierung und dem niedersächsischen Innenministerium tätige K. so verschuldet, dass er trotz erfolgreicher beruflicher Karriere und einer Pension von 3200 Euro den Geschäftsführer von Laverana, Thomas Haase, erpresste? Dass er Haase in seiner Eigenschaft als Wirtschaftsförderer nach dem Erhalt von vereinbarten 25.000 Euro eine Nachhonorierung von 100.000 Euro für seine Dienste als Firmenansiedlungsvermittler in Rechnung stellte, zugesandt per Post? Und dass er dem Firmenchef nahezu zeitgleich ein Erpresserschreiben mit einer toten Maus und drei Patronen zukommen ließ, in dem er mit der Vergiftung von Laverana-Kosmetik in dm-Drogeriemärkten und mit Brandstiftung drohte? Vergangene Woche war diese entscheidende Frage vor Gericht noch offen geblieben, am Montag wurde sie beantwortet.

2007 ging K. in den Ruhestand, als stellvertretender Leiter der Regierungsvertretung Hannover. Doch der umtriebige Mann wollte sich nicht aufs Altenteil begeben. Die Stadt Barsinghausen war dankbar, einen mit Firmenansiedlung und Förderpolitik wohlvertrauten Experten gewinnen zu können, knapp 5000 Euro Aufwandsentschädigung pro Jahr für einen ehrenamtlichen Wirtschaftsförderer schienen auch dem Bürgermeister gut angelegtes Geld. Aber was Manfred K. im beruflichen Umfeld noch passabel gelang - die Sinnkrise eines auf die 70 Jahre zusteuernden Seniors zu bewältigen -, lief privat völlig aus dem Ruder.

Motiv so alt wie die Menschheit

2007 war die Frau von Manfred K. noch Schulleiterin im Barsinghäuser Ortsteil Hohenbostel, sie wurde erst 2011 nach mehr als 40 Dienstjahren mit vielen anerkennenden Worten in Pension geschickt. Das Ehepaar, verheiratet seit 1969, lebte in einem Eigenheim, die zwei erwachsenen Söhne waren beruflich erfolgreich, hatten ihrerseits Kinder. Dann, Ende 2009, geriet K. auf Abwege. Das Motiv war so alt wie die Menschheit: Alternder Mann verfällt junger Frau, sucht sexuelle Lust und Bestätigung - und merkt viel zu spät, dass alles nur ein bitterböses Spiel ist. In diesem Fall war es eine „Yasmin“ aus dem hannoverschen Rotlichtviertel, die K. bei einem Gründerseminar kennenlernte. Sie wolle ein Nagelstudio aufmachen, erzählte sie ihm. Er wollte ihr helfen, verliebte sich, griff der jungen Frau unter die Arme. Er sei auf der Jagd, erzählte er seiner Frau, wenn er mal wieder stundenlang auf Achse war. Dabei war er bei der Geliebten.

Erpressung mit kompromittierenden Fotos

Dann der Schock: Es sollte kompromittierende Fotos geben. K. wurde von Unbekannten „aus dem südosteuropäischen Raum“ mit Anrufen und SMS bombardiert, sollte zahlen. Und er bezahlte: Zweimal 25.000 Euro. Doch damit nicht genug: Nun wollte er Yasmin aus den Händen ihrer Zuhälter befreien, zumindest finanziell. Er griff tief in die Tasche, um ihr die Arbeit auf dem Strich zu ersparen, wollte auch verhindern, dass sie - möglicherweise - nach Polen verschleppt wird. 4500 Euro, so sagt die Staatsanwaltschaft, habe diese „Förderung“ ihn monatlich gekostet. Nach gut zwei Jahren, Anfang 2012, war die Beziehung beendet. Die ehemalige Geliebte siedelte nach Dresden um, Manfred K. sah sie nie wieder. „Die haben mich abgezogen“ - so viel weiß er inzwischen auch.

Schuldensumme konnte K. niemandem mehr erklären

Rund 120.000 Euro betrugen die Schulden, die K. „nebenher“ angehäuft hatte. Die er keinem mehr erklären konnte, seiner Frau nicht, seinen privaten Gläubigern nicht und den kreditgebenden Banken ebenso wenig. Die Erpressung von Laverana im Sommer 2012 sollte der finanzielle Befreiungsschlag werden. Doch spätestens mit der Festnahme in der hannoverschen Altstadt zerplatzten die letzten Träume von K., neben einer Streugutkiste in der Burgstraße, in der nur eine Geldattrappe auf den Erpresser wartete.

Vier Jahre Haft: Das fordert Oberstaatsanwalt Ingo Rau in seinem Plädoyer. Bei aller menschlichen Tragik rund um diesen Fall habe K. doch hohe kriminelle Energie an den Tag gelegt. Die Erpressung sei sorgfältig geplant gewesen, und bei der geplanten Geldübergabe lag ein Jagdgewehr im Auto, dessen Magazin mit Patronen bestückt war. Letztendlich, sagt Rau, sei das Schicksal des ehemaligen Wirtschaftsförderers selbst verschuldet: „Ich habe mehr Mitleid für die Ehefrau, für ihr Spießrutenlaufen in Barsinghausen.“

Verteidiger betont Verzweiflungstat

Verteidiger Raphael Busch hält eine zweijährige Haftstrafe auf Bewährung für ausreichend. Er betont die Verzweiflung, die seinen Mandanten zu der Erpressung getrieben habe, den privaten Scherbenhaufen, vor dem er nun stehe. Die Scheidung läuft, das Haus steht zum Verkauf, die Schulden aber sind noch da. Die Kinder wollen nichts mehr von K. wissen, die Freunde haben sich abgewandt, und in der Lokalpolitik ist der ehemals Prominente eine persona non grata. „Er könnte sich jetzt auch den Strick nehmen“, meint Busch. Das letzte Wort vor dem Urteilsspruch hat Manfred K.: „Ich entschuldige mich ganz tief, bei meiner Familie und meiner Frau.“

Richterin hält Haftstrafe für unumgänglich

Dass dieser Angeklagte, der mit 70 Jahren zum ersten Mal vor Gericht steht, ein „besonderer Fall“ für sie ist, sagt auch die Vorsitzende Richterin Renata Bürgel bei der Urteilsverkündung. Sie hält dem Angeklagten sein Geständnis und die Entschuldigung bei Geschäftsführer Haase zugute, die dieser noch im Gerichtssaal annahm. Doch sie prangert auch an, dass möglicherweise 250 Arbeitsplätze gefährdet gewesen wären, wenn die Drohung mit der Kosmetikvergiftung öffentlich geworden wäre und Laverana seinen besten Kunden verloren hätte.

Eine Haftstrafe sei bei der Schwere der Tat unumgänglich, sagt Bürgel zu K., obwohl „Sie schon so gestraft sind, wie wir Sie gar nicht bestrafen können“. Aber wenngleich dieser, bei guter Führung, wahrscheinlich nur noch weniger als zwei Jahre im Gefängnis bleiben muss - die Untersuchungshaft aufheben will die Richterin nicht. Der ehemalige Wirtschaftsförderer sei nun völlig bindungs- und perspektivlos, und es bestehe durchaus die Möglichkeit, dass er sich bei erstbester Gelegenheit absetze.

Tobias Morchner 31.01.2013
Conrad von Meding 28.01.2013