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Aus der Stadt Witwe klagt nach Ärztestreik
Hannover Aus der Stadt Witwe klagt nach Ärztestreik
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21:54 06.08.2009
Von Sonja Fröhlich
Medizinische Hochschule Hannover (MHH) Quelle: Frank Radel
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Zehnmal wurde seine Krebsoperation verschoben, bis der schwierige Eingriff schließlich erfolgte. Drei Wochen später starb der 48-Jährige.

Mit B.s Fall beschäftigt sich seit gestern das hannoversche Landgericht. Die Frau des Verstorbenen sieht ihren Mann als Streikopfer und verklagt die Klinik auf 150 000 Euro Schmerzensgeld. Eine frühzeitige Operation hätte zumindest lebensverlängernd gewirkt oder den Tod sogar verhindert, sagt ihr Anwalt Burkhard Remmers. Der Vertreter der Medizinischen Hochschule argumentiert dagegen, dass der Krebs inoperabel gewesen sei und eine frühere Operation „ohnehin nichts genutzt hätte“.

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Die Ehefrau des Verstorbenen, die mit einem der Söhne vor Gericht erschienen war, wirkte noch immer erschüttert. Ihr Mann war an dem seltenen Klatskin-Tumor erkrankt, einer Sonderform von Gallengangkrebs, der sich schnell ausbreitet und im fortgeschrittenen Stadium kaum vollständig entfernen lässt.

An der MHH fand im Frühjahr 2006 ein beispielloser Arbeitskampf der Angestellten und Ärzte statt – gut 200 Operationen mussten jeden Monat verschoben werden. Es seien aber nur Eingriffe betroffen, die nicht dringlich seien, hatte ein Ärztesprecher damals zugesichert. Offenbar galt dies auch für B. Über Ostern wurde er zwischenzeitlich nach Hause geschickt, in dem Entlassungsbrief habe es noch geheißen, dass seine Erkrankung „gut operabel“ und „abgrenzbar“ sei, sagt Anwalt Remmers.

Nach den Festtagen kam der Patient wieder in die Klinik – und musste weiter warten. Innerhalb von drei Wochen wurde er etliche Male für die OP vorbereitet und durfte zuvor weder essen noch trinken. „Das alles hat meinen Mann stark geschwächt“, sagt die Witwe und kämpft mit den Tränen. Die Familie habe den Druck kaum ausgehalten, sie habe jeden Tag versucht, die Ärzte umzustimmen: „Wir haben gebettelt, gefleht und geschimpft“, sagt die Witwe. Am 22. Mai wurde B. tatsächlich in den Operationssaal gebracht. Die Ärzte sollen dann festgestellt haben, dass sich die Metastasen bereits so stark ausgebreitet hatten, dass eine komplette chirurgische Entfernung nicht mehr möglich war.

Das Gericht entschied gestern, einen Gutachter zurate zu ziehen. Dieser soll klären, ob es ein Fehler der Ärzte war, die Operation zu verschieben, und was ein früherer Eingriff hätte bewirken können. Nach Angaben einer MHH-Sprecherin ist die Klage von Frau B. bisher die einzige, die sich auf die Folgen des Arbeitskampfes bezieht.

Sie habe während der Wartezeit ähnlich schwere Fälle von Krebspatienten erlebt, die trotz Streiks schnell operiert worden seien, sagte die Witwe – „und die leben heute noch“.