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Aus der Stadt Wo Google in Hannover nicht hingeschaut hat
Hannover Aus der Stadt Wo Google in Hannover nicht hingeschaut hat
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20:13 05.11.2011
Von Felix Harbart
Bis hierher und nicht weiter: In der Straße Buschriede endet der „Street View“-Modus, weite Teile von Ledeburg sind nicht erfasst.
Bis hierher und nicht weiter: In der Straße Buschriede endet der „Street View“-Modus, weite Teile von Ledeburg sind nicht erfasst. Quelle: Screenshot
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Hannover

In gewisser, digitaler Hinsicht gibt es Frau Frieses Laden gar nicht. Mag ja sein, dass man ihn sehen kann, wenn man in der Baldeniusstraße steht.„Geschenk Design“ steht darüber, und in der Auslage liegt schon das Sortiment für Weihnachten. Aber im Internet, beim Kartendienst „Street View“ des US-Internetriesen Google, sieht man rein gar nichts. Da kommt man in die Baldeniusstraße gar nicht hinein. Seit einem Jahr ist Hannover, wie 19 weitere deutsche Großstädte, nun virtuell begehbar. Ledeburg aber haben die Google-Leute vergessen, in weiten Teilen zumindest. Und Teile von Burg und Stöcken auch.
Was die Frage aufwirft: Ist das jetzt gut oder schlecht?

Seit vier Jahren betreibt Silvia Friese ihr kleines Geschäft für Geschenkartikel und Schreibwaren in der Baldeniusstraße, und wer so etwas macht, der hat es nicht leicht. Zwei Jahre habe es gedauert, bis die Ledeburger in hinreichender Regelmäßigkeit und Anzahl bei ihr eingekauft haben, und auch jetzt „werde ich nicht reich damit“, sagt Frau Friese. Damit es vorangeht, hat sie für ihren Laden eine Homepage eingerichtet, sie ist bei Facebook und StayFriends, warum hätte sie also etwas gegen Google „Street View“ haben sollen? Wer weiß, vielleicht hätte da jemand ihren Laden gesehen und wäre gekommen, um sich eine Zeitung zu kaufen. „Wär’ ja Werbung für mich“, sagt Friese.

Und irgendwie ärgert es sie auch, dass sie ausgerechnet Ledeburg vergessen haben.

Beim Spaziergang durch den Stadtteil versteht man, was Frau Friese damit meint. Trotz der Nähe zum Werk von VW Nutzfahrzeuge blüht der Einzelhandel in Ledeburg nicht gerade. Hier und da hat sich ein Kiosk gehalten, noch häufiger aber fällt der Blick auf leer stehende Ladenflächen. Viele Kollegen hätten aufgeben müssen, sagt Friese. Auch der Militaria-Händler, der seine Sachen übers Internet verkauft hat, ausgerechnet von einem Laden direkt neben der Kirche aus. „Hier einen Laden zu haben ist ein ständiger Kampf“, sagt Frau Friese. Da passt die Sache mit Google irgendwie ins Bild.

Wenn man von Google Deutschland etwas wissen will, dann muss man dem Unternehmen eine E-Mail schreiben. Die Antwort kommt nett und prompt von einer Agentur aus Hamburg, die dazu anmerkt, man könne das Geschriebene Lena Wagner, Pressesprecherin Google Deutschland, zuschreiben. So gesehen sagt Lena Wagner auch etwas zur Problematik des Schwarzen Lochs in Ledeburg: Man habe versucht, alle öffentlichen Straßen in den 20 größten deutschen Städten in „Street View“ verfügbar zu machen. Baustellen oder Schwierigkeiten beim Fotografieren könnten hier und da dazu geführt haben, dass eine Straße fehle. „Oder der Fahrer hat sie schlicht vergessen zu befahren.“ Dass das offenbar in Ledeburg geschehen ist, haben die meisten Betroffenen noch gar nicht wahrgenommen. Für sie sei „Street View“ nach wie vor „mehr eine Spielerei“, sagt eine junge Mutter. Und auch andere Passanten zucken die Schultern.

Vor einem Jahr war das anders. Damals war der Internetdienst ein großes Thema, die finstersten Utopien drohten sich zu bewahrheiten. Das Konzept von „Street View“ klang wie die Perfektionierung des Überwachungsstaates, das Ende der Privatsphäre. Entsprechend groß war der Widerstand der Deutschen, als das Internetunternehmen mit seinen Kameraautos durch die Gegend fuhr. Nicht wenige machten sich Sorgen, Einbrecher könnten „Street View“ nutzen, um ihre Grundstücke auszuspähen. Anderen war der Gedanke zuwider, sie könnten auf einem der Fotos zu sehen sein, in einer Pose womöglich, die nun wirklich nichts für die weltweite Internetöffentlichkeit sei.

Stellvertretend stritt sich der Datenschutzbeauftragte des Landes Hamburg mit Google herum und presste dem Unternehmen genau 13 Zugeständnisse ab. Das wichtigste: Das Unternehmen verpflichtete sich, Häuser auf Wunsch der Eigentümer zu pixeln. 244 237 „Anträge auf Unkenntlichmachung“ habe Google aus den 20 veröffentlichten Großstädten erhalten, heißt es aus Hamburg im Namen von Lena Wagner, das entspreche 2,89 Prozent der Haushalte. Inzwischen aber sei es ruhig geworden um den Internetdienst, sagt Michael Knaps, Sprecher des Datenschutzbeauftragten des Landes Niedersachsen.

Bei Google drückt man das euphorischer aus: Von den Nutzern werde die Plattform inzwischen „begeistert aufgenommen“, lässt Lena Wagner sagen. In keinem der anderen 26 „Street View“-Länder sei die Klickrate unmittelbar nach dem Start des Programms so groß gewesen wie in Deutschland. Genaue Zahlen lässt Frau Wagner nicht ausrichten.

Die, die da klicken, amüsieren sich unterdessen über die kleinen Kuriositäten, die das Programm zu bieten hat. In Ricklingen zum Beispiel, wo man sich der Kreuzung Pfarrstraße/Ricklinger Stadtweg aus Richtung Osten im schönsten Sonnenschein nähert. Vor der Apotheke überquert ein Mann in kurzen Hosen und Sandalen auf seinem Fahrrad den Überweg, und rechts sitzen die Bauarbeiter, mit dem Bau des neuen Hochbahnsteigs für die Stadtbahnstation beschäftigt, in ihren Baugruben. Bewegt man sich einen Schritt weiter auf die Kreuzung, ist indes plötzlich Herbst. Der Fahrradfahrer mit den kurzen Hosen ist weg, dafür sind Menschen in langen Jacken zu sehen, orangefarbenes Laub liegt an den Straßenrändern, und der Hochbahnsteig ist auch fertig.

Auch das kann Lena Wagner erklären: „Wir sind in einigen Straßen mehrfach gefahren und haben dann das qualitativ beste Bildmaterial veröffentlicht“, lässt sie ausrichten.

Nur eben nicht aus Ledeburg.

Immer mehr Straßenbilder

Googles „Street View“ ist ein Zusatzdienst zum Kartenprogramm „Google Maps“, in dem schon seit Jahren weite Teile der Erde aus der Vogelperspektive zu sehen sind. Als erstes Programm zeigt „Street View“ 360-Grad-Panoramaaufnahmen vom Straßenlevel aus. Mithilfe des Dienstes kann ein jeder also virtuell durch die Straßen der 20 größten deutschen Städte gehen. Laut Michael Knaps, Sprecher des Niedersächsischen Datenschutzbeauftragten, hat der Konzern indes ganz Deutschland mit seinen Fotoautos abgefahren und abgelichtet. Insgesamt ist „Street View“ mittlerweile für 25 Länder verfügbar, darunter weite Teile Westeuropas, die USA, Südafrika, Brasilien, Hongkong und Australien.

In Deutschland war der Dienst vor allem aus datenschutzrechtlichen Überlegungen umstritten. Am Ende verpflichtete sich Google, Hauseigentümern und Mietern ein Vorabwiderspruchsrecht zu gewähren, und machte die betroffenen Häuser dann unkenntlich. Auch jetzt ist ein Widerspruch noch möglich. Dazu ist auf der Internetseite http://maps.google.de das Feld „ein Problem melden“ anzuklicken.

Unterdessen macht sich ein zweiter Anbieter an eine Totalerfassung deutscher Straßen. Das US-Unternehmen Microsoft fährt für seinen Dienst „Bing Streetside“ seit Mai durch das Land, bis Sommer 2012 werden die Autos auch durch Hannover fahren. Auch Microsoft gewährt, in Kenntnis der Probleme von Google, das Recht zum Widerspruch – allerdings erst, nachdem der neue Dienst an den Start gegangen sein wird. „Dieses Prozedere ist aus unserer Sicht ein Witz“, sagt Datenschutz-Sprecher Knaps. „Was einmal im Internet ist, bekommt man nicht mehr weg.“

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