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Aus der Stadt Wohnmobil-Touristen haben keinen Standplatz
Hannover Aus der Stadt Wohnmobil-Touristen haben keinen Standplatz
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20:35 13.07.2012
Von Gunnar Menkens
„Hätten wir schon eher machen sollen“. Die Wenzels und ein Gast im eigenen Heim.
„Hätten wir schon eher machen sollen“. Die Wenzels und ein Gast im eigenen Heim. Quelle: Anastassakis
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Hannover

Natürlich ist nicht aufgeräumt bei Wenzels unterm Sofa. Obwohl Familie Wenzel gar kein Sofa in ihrer Behausung hat, so viel Platz ist nun doch nicht in einem Wohnmobil von vielleicht fünf Metern Länge. Aber jetzt, nach einer Woche Ostsee, stapelt sich Wäsche auf einem Haufen, längst nicht alles Zeug ist abgewaschen und das Bett oben über dem Cockpit nicht gemacht an diesem Morgen. Jörg Wenzel, 46, stutzt sich vorm Außenspiegel in Fahrtrichtung links mit einem Rasierer den Bart, mit langen blonden Haaren, nacktem Oberkörper, Dreivierteljeans und barfuß steht er da, als wäre ein kräftiger Gallier zu Besuch in Hannover. Von innen warnt Ehefrau Susanne Besucher davor, hereinzukommen. „Ist nicht aufgeräumt!“

Das ist Urlaub, wie ihn sich die Wenzels vorstellen. Bloß den Kühlschrank vollpacken, 80 Liter passen rein, und los. Wohnung und Hausrat sind ja immer schon da. Keine Hotels, keine Flüge, keine Koffer, keine Planung. „Man lebt intensiver“, sagt Jörg Wenzel. In Hannover tun es Wohnmobilisten auf Parkplätzen, an Straßenrändern, in Wohngebieten, denn einen offiziellen Standplatz für diese fahrenden Touristen gibt es in der Landeshauptstadt vermutlich erst vom nächsten Frühjahr an.

Seit vier Jahren ist das Hamburger Ehepaar mit dem Wagen unterwegs, im Urlaub und an verlängerten Wochenenden, dahin, wo es schön ist, und dorthin, wo was los ist. An den Strand nach St. Peter Ording und zum Pferderennen an die Elbe. Vorher waren sie immer mit dem Auto los, an der Kupplung hinten hing der Klappfix: ein flacher Anhänger, aus dem sich ein besseres Zelt basteln lässt. Bis die Auf- und Abbauarbeit doch sehr nervte. Experten erwarten, dass der Klappfix über kurz oder lang das gleiche Schicksal nehmen wird wie sein Herkunftsland, ist er doch eine Erfindung aus der untergegangenen DDR. Wenzels schafften sich lieber ein Wohnmobil an, gebraucht für 17000 Euro, Jörg Wenzel ist Kraftfahrer von Beruf und kein reicher Mann.

Das Wohnmobil: Die Fassade ist geschichtet aus Aluminium, Styropor und Sperrholz, „letztlich Pappmaché“, sein Besitzer macht sich da nichts vor. Oben auf dem Dach produziert eine Solaranlage Energie, für zwei Tage muss drei Stunden lang die Sonne scheinen. Innen Hängeschränke, Verstauplätze, Sitze, die zu Betten werden, Kochecke, Kaffeemaschine, Brettspiele. Reisegeschwindigkeit 110 Kilometer pro Stunde. Die chemische Toilette fasst 17 Liter, „das ist die große Schale“, da kann man lange unterwegs sein.

Beim Blick in die paar Quadratmeter Wohnwelt ist es ähnlich wie bei Aufenthalten in Schiffskabinen, Zugabteilen und Hotelzimmern: Plötzlich stellt sich die Frage, wie viel man eigentlich wirklich zum Leben braucht. Wie viel Raum und welche Dinge, die man üblicherweise zu Hause um sich scharrt. Wenn alles sehr beengt ist, ist alles auch sehr übersichtlich. Familie Wenzel glaubt, dass man auch mit wenig auskommt.

Jetzt also Hannover. Auf der Rückfahrt von Usedom sind die Hamburger noch einmal den Umweg ins Niedersächsische gefahren. Zwei Gründe dafür sitzen am Frühstückstischchen nebenein­ander: Tochter LeAnn und Freundin Lena, beide 14 Jahre alt, haben es auf eine Attraktion abgesehen, die die Hansestadt nicht zu bieten hat: Primark, den Billigshopper. Nachher, wenn Vater Jörg rasiert und in Latschen geschlüpft ist, geht es mit der Stadtbahn in die City. Ein weiter Weg, um günstig ein paar Klamotten zu kaufen. Aber Jörg Wenzel hatte nichts einzuwenden. „Ist doch schön hier bei Euch.“ Euch - das sind die Hannoveraner und ihre Stadt. Er zeigt rüber auf ein paar Bäume und abgezirkelt beschnittene Hecken, ein kleiner grasbewachsener Deich und ein Wasserlauf trennen das Wohnmobil vom Grünen. „Schöner Park, wir waren spazieren da.“

Schöner Park - das finden auch Politiker im Rathaus. Bei ihnen heißt er allerdings in einem Antrag feierlich „eine der Hauptattraktionen der Landeshauptstadt Hannover, die Herrenhäuser Gärten“. Gegenüber, dort, wo die Wenzels parken und weitere Wohnmobile aus Osnabrück und Norwegen die Nacht verbracht haben, soll im Frühjahr 2013 nun doch der erste offizielle Stellplatz für 20 Wohnmobile entstehen. Man will vom wachsenden Wohnmobil-Tourismus profitieren. Am Rand der Umweltzone. Strom, Wasser, Entsorgung - was der Mobilist braucht, soll der MTV Herrenhausen stellen. Solange der Ort einfach ein Parkplatz ist, bleibt die Fläche an der Graft ein Zwitter. In manchen überregionalen Fachverzeichnissen ist er gelistet, in manchen nicht, Irrtümer eingeschlossen. Als Wenzel am Abend seiner Ankunft im MTV-Klubhaus acht Euro Gebühren zahlen wollte, so, wie es im Atlas stand, wurde er das Geld nicht los. „Gebühren, da wusste keiner was von.“

Das Verhalten von Wohnmobilisten ist recht gut erforscht. Die Zahlen gibt es beim Fachblatt „Reisemobil-International“. Gut 35 Euro lässt eine Person pro Tag in der Stadt ihrer Wahl. Meist sind mindestens zwei Personen im Wagen, das ergibt die doppelte Summe. Sie bleiben zwei, manchmal drei Tage vor Ort, und da ist genug Gelegenheit, einzukaufen, Veranstaltungen zu besuchen und in Restaurants zu gehen. Bei Familie Wenzel und Gast sind das: Üstra-Tickets, Primark, Pizzabude. Claus-Georg Petri, stellvertretender Chefredakteur des Periodikums, wirbt sehr für feste Stellplätze, die es, wie er sagt, fast überall in Großstädten gibt: „Eine Kommune, die auf solche Einnahmen verzichtet, muss ja steinreich sein.“

Dreißig Meter neben dem Fiat der Wenzels parkt das Wohnmobil von Thorsten und Beate Lucas aus Neuharlingersiel, Ostfriesland. Es ist ein Mercedes 508d, 34 Jahre alt, und es sieht mit Flickwerk hier und da an der Karosserie so aus, als hätte der Wagen weit länger zurückliegende Zeiten überlebt. „Da kann nichts dran kaputtgehen, da ist kein Schickimicki dran, mehr braucht man nicht.“ Lucas ist ein eher sachlicher Typ, aber von dem Mobil spricht er doch mit ein wenig Stolz. 4100 Kilogramm Leergewicht, 90 Kilometer pro Stunde langsam. Das Tempo der Welt ist ein anderes.

Ob man mal einen Blick reinwerfen kann? „Ist nicht aufgeräumt“, sagt Beate Lucas, ehe sie es doch erlaubt. Auf dem Tisch stehen aber bloß Saftpackungen und Kaffeetassen. Innen ist es plüschig mit Vorhängen und einer Polstersitzgruppe, die sich u-förmig um einen Tisch biegt. Geschlafen wird oben und unten, beim Umräumen muss die Familie aufpassen, dass die Näpfe von Hund Benny nicht umstürzen.

Vor 20 Jahren ist Thorsten Lucas von Hannover nach Ostfriesland gezogen. Er wollte ins Grüne, dorthin, wo es ruhiger ist. Vielleicht hat er einen Landstrich gefunden, der seinem Wesen entspricht. Jetzt haben sie ihren großen Sohn besucht. Am Hauptbahnhof hat es der 43-Jährige aber kaum ausgehalten, so hektisch fand er es. Sowieso waren sie auf dem letzten Drücker in der Stadt. An der Nordsee ist die Tourismussaison in vollem Gange, sie werden gebraucht an der Küste. Thorsten Lucas verkauft Fische, Beate Lucas reinigt Ferienwohnungen. Einen Tag hat sie noch, dann greift eine Urlaubssperre nach ihr.

Die nächsten Ferien sind noch nicht ganz klar, irgendwann im Oktober vielleicht. Aber zwei Wochen einfach mal mit den Kindern in die Sonne fliegen, „das können wir uns nicht leisten“, sagt Frau Lucas. Mit dem Mercedes ist es dagegen so, was wiederum Thorsten Lucas sagt, nachdem er sich eine Zigarette gedreht hat: „Das ist günstig, man ist immer zu Hause und liegt nicht in einem Hotelbett, wo schon jeder drin geschlafen hat.“

Leider fährt das Wetter immer mit.

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