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Aus der Stadt Wieviel Schickimicki darf noch sein?
Hannover Aus der Stadt Wieviel Schickimicki darf noch sein?
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00:15 08.06.2013
Von Andreas Schinkel
Sachliche Debatte: Prof. Heiko Geiling (v. li.), Moderator Conrad von Meding, Grünen-Politiker Steffen Mallast und Rainer Beckmann, Chef von Haus- und Grundeigentum.Wallmüller (8) Quelle: Michael Wallmueller
Hannover

Der Graben verläuft zwischen Alt und Jung, Rot und Grün, Immobilieneigentümern und Mietern. Kaum ein anderes Thema spaltet Hannover derzeit so stark wie die sogenannte Gentrifizierung. Das wurde auch beim HAZ-Forum am Dienstagabend in der Schalterhalle des Anzeiger-Hochhauses deutlich. Werden in den Szenevierteln Linden und Nordstadt tatsächlich die Alteingesessenen verdrängt? Führen Luxussanierungen, steigende Mieten und Immobilienverkäufe in großem Stil wirklich zu einem Bevölkerungswandel in den Vierteln? Im ausverkauften HAZ-Forum gingen nicht nur Experten aus Wissenschaft, Politik und Wohnungswirtschaft diesen Fragen nach, auch aus dem Publikum kamen zahlreiche Einwände und Anregungen. 120 Zuhörer waren gekommen und erlebten eine leidenschaftliche, aber sehr sachlich geführte Diskussion, die von HAZ-Redakteur Conrad von Meding moderiert wurde.

Zwar stehen sie auf dem Podium dicht beieinander, doch sind die Positionen von Steffen Mallast und Rainer Beckmann denkbar weit voneinander entfernt. Zwischen beiden Polen eröffnet sich das Spannungsfeld für die Diskussion an diesem Abend. Der 24-jährige Mallast sitzt für die Grünen im Bezirksrat Linden-Limmer, ist erklärter Gentrifizierungsgegner und hat bei diversen Hausbesetzungen in Linden mitgemischt. Der 72-jährige Beckmann, einst CDU-Politiker in Rat und Landtag, ist Chef des Immobilieneigentümervereins Haus- und Grundeigentum. Beckmann sagt, von Gentrifizierung könne keine Rede sein, Mallast kontert das mit Statistiken (siehe Text links). Am Ende bleibt es Auslegungssache.

Aus dem Publikum kommt Zustimmung für Mallast. Eine junge Frau greift zum Mikrofon: „Total viele Häuser in Linden werden saniert. Die Mieter müssen dann ausziehen, weil sie sich die Wohnung nicht mehr leisten können“, erzählt sie. Ludwig Prilop vom Lindener Mieterladen springt ihr bei. „In den letzten drei Jahren verzeichnen wir einen leichten Zuwachs bei den Beratungen, die sich um Mieterhöhungen drehen“, sagt er. Sozialwissenschaftler Daniel Gardemin, ebenfalls Grünen-Migtlied, argumentiert: „Der verstärkte Zuzug nach Hannover übt Druck auf den Wohnungsmarkt aus.“ Sein Parteifreund Mallast bezieht sich auf das sogenannte Vier-Phasen-Modell der Gentrifizierung, das der mitdiskutierende Professor für politische Soziologie Heiko Geiling beschreibt (siehe Text links). „Wir befinden uns in Phase 2 der Gentrifizierung“, sagt Mallast. Kurz gesagt heißt das: Immer mehr Wohlhabende ziehen nach Linden, den anderen macht das Sorgen.

Wie viel Gentrifizierung gibt es in Hannover? Steigen in Stadtteilen wie Linden oder der Nordstadt die Mieten wirklich überproportional? Werden alteingesessene Bewohner durch eine kaufkräftige Klientel verdrängt? Diese Fragen waren am Dienstagabend Thema beim HAZ-Forum "Gefahr oder Gespenst? – Gentrifizierung" im Anzeiger-Hochhaus.

Ein anderer Zuhörer wendet ein, dass jedem Hauseigentümer eine energetische Sanierung teuer zu stehen kommt, etwa, wenn er Dach und Wände dämmen oder besser isolierte Fenster einsetzen muss. „Ich will gar nicht die Mieten erhöhen, aber die Kosten sind einfach zu hoch“, sagt er. Bei jeder Fassadensanierung sei er aber zur Dämmung verpflichtet.

In solchen Vorgaben liegt auch eine Hürde für den sozialen Wohnungsbau, wie ihn die rot-grüne Ratsmehrheit jetzt auf den Weg bringt. „Der Ansatz des Rates ist richtig, aber wie soll das bezahlt werden?“, fragt Geiling. Beim Bauvorhaben auf dem Klagesmarkt, ein viel zitiertes Beispiel in der Diskussion, habe sich gezeigt, dass selbst ein Konsortium aus mehreren Wohnungsgenossenschaften nicht in der Lage war, Mietpreise anzubieten, die unter 8,50 Euro pro Quadratmeter liegen. Jedenfalls dann nicht, wenn solch hohe energetische Standards erfüllt werden müssen, wie sie die Stadt in ihrer Ausschreibung für den Klagesmarkt vorgab.

Was also ist zu tun? Hausbesetzungen, wie sie Mallast und einige Aktivisten in Linden als Mittel des Protests einsetzen, seien völlig inakzeptabel, betont Beckmann und bekommt Unterstützung von Andreas Adler, Leiter der Polizeidirektion West. Seine ehemalige Dienststelle in der Gartenallee wurde nach dem Umzug der Polizei mehrere Male von Gentrifizierungsgegnern okkupiert. Dabei sei Mobiliar beschädigt und sogar an Stromleitungen herumgebastelt worden. „Das sind eindeutige Verstöße gegen Rechtsnormen. Es ist bedenklich, dass sich der Bezirksrat nicht davon distanziert“, sagt Adler.

Das von Grünen und Linken dominierte Gremium hatte unlängst eine Resolution verabschiedet, in der „ziviler Ungehorsam“ als „legitime Form der Meinungsäußerung“ bezeichnet wird. Die Opposition interpretierte dies als Toleranz gegenüber Hausbesetzern und Steinewerfern. „Die Grünen befeuern eine politische Debatte, die Linden schadet“, meldet sich Eike Geffers, SPD-Fraktionschef im Bezirksrat, während der Diskussion zu Wort.

Das HAZ-Forum zum Thema erreicht das Gegenteil: Es glättet manches, was sich in den Debatten zuvor verkantet hatte, und bringt Argumente an einen Tisch, die man sich vorher vielfach maximal per Megafon zurief. Ganz einig aber werden sich die Diskutanten nicht. Es bleibt Raum für weitere Debatten.

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