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Aus der Stadt Alles offen?
Hannover Aus der Stadt Alles offen?
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00:15 23.11.2014
Von Andreas Schinkel
Das Areal hat eine bewegte Geschichte. Genau 100 Jahr lang wurden dort Gummiwaren gefertigt – von 1899 bis 1999, zunächst von der Firma Excelsior, später von der Continental.
Das Areal hat eine bewegte Geschichte. Genau 100 Jahr lang wurden dort Gummiwaren gefertigt – von 1899 bis 1999, zunächst von der Firma Excelsior, später von der Continental. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Monatelang schwelt nun schon der Konflikt zwischen Bürgern und Verwaltung um die Wasserstadt Limmer. Es geht um nichts Geringeres als ein neues Stadtviertel, das auf der Conti-Brache entsteht und um die Frage, wie viele Menschen dort leben sollen. Bis zu 5000, so will es die Stadtverwaltung; nicht mehr als 2000, meinen Limmeraner und verweisen auf die ursprünglichen Entwürfe, die ein Reihenhausidyll mit rund 650 Wohnungen vorsehen. Ein Bürgerdialog soll jetzt die Gemüter beruhigen - „mit offenem Ausgang“, wie die Stadt betont.

Das Interesse ist riesig bei der Auftaktveranstaltung in der Albert-Schweitzer-Schule am Mittwochabend. Rund 350 Menschen drängen sich in der Aula. Und anfangs sieht es so aus, als würde bereits dieser erste runde Tisch zur Entspannung beitragen. Gewohnt freundlich breitet Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD) in seiner Eröffnungsrede die großen Linien der Stadtentwicklung aus. Hannover wachse und müsse folglich für neuen Wohnraum sorgen, so der Tenor. „Bis zum Jahr 2030 kommen rund 20.000 Menschen hinzu“, sagt er. Das müsse man bedenken, wenn man über die Wasserstadt redet. Unterschwellig klingt das an, was unter Baupolitikern von SPD und Grünen längst Konsens ist. In einer Zeit, in der Mieten steigen und Wohnraum knapper wird, kann es sich die Stadt nicht leisten, auf einem Grundstück in bester Lage lediglich Einfamilienhäuser zu bauen. „Auch die Wasserstadt trägt dazu bei, dass Limmer wächst“, sagt Schostok.

Viele nicken, doch dann provoziert der Oberbürgermeister ein Missverständnis, das den Rest des Abends überschattet. „Bis zum Jahr 2025 ist für den Stadtteil Limmer ein Plus von 2000 Bewohnern zu erwarten“, sagt Schostok lächelnd. Gemurmel im Publikum, einige klatschen spontan, manche grinsen sich an. Hat da der OB gerade beiläufig das Ziel verkündet, für das die Anwohner so lange kämpfen? Kann man sich den Rest der Veranstaltung sparen und nach Hause gehen?

Die Limmeraner freuen sich zu früh. Er habe keineswegs eine neue Einwohnerzahl für die Wasserstadt ins Spiel bringen wollen, betont Schostok auf Nachfrage der HAZ. Vielmehr handele es sich um eine Wachstumsprognose allein für den Stadtteil Limmer - ohne die Zusatzbauten der Wasserstadt.

Die Erläuterungen können die Teilnehmer der Versammlung nicht mehr hören, sie verlassen den Saal, um sich in kleineren Gruppen zusammenzusetzen. Wünsche und Fragen zur Wasserstadt sollen sie jetzt sammeln, so hat es das Moderationsbüro Plan Zwei vorgesehen.

Doch in den überfüllten Klassenzimmern zeigt sich, dass die Bürger in Sachen Wasserstadt schon sehr viel weiter sind, als die Moderatoren offenbar angenommen haben. Man könnte auch sagen: Die Plan-Zwei-Mitarbeiter stecken zu wenig im Thema. Und so kommt es zu der absurden Situation, dass sich in einem ersten „Partnerinterview“ Mitglieder der Bürgerinitiative Wasserstadt Limmer über die Vorzüge ihres Stadtteils und ihre Forderungen für das Neubaugebiet unterhalten sollen, so als würden sie zum ersten Mal aufeinandertreffen.

Als dann die Ergebnisse verkündet werden, kommt Raimund Lazar, einer der Moderatoren, kaum mit dem Beschriften seiner Kärtchen hinterher.

„Wenn Schostok sagt, dass die Wasserstadt nur 2000 Bewohner hat, kann ich damit gut leben“, sagt Jochen Rademann von der Bürgerinitiative. Aber vermutlich habe der OB sein Manuskript bloß falsch abgelesen, meint ein anderer. Keinesfalls wolle man eine dichte Besiedlung mit bis zu achtstöckigen Häusern auf der Conti-Brache, wie es der Entwurf der Stadt nahelegt. „Die Wasserstadt wäre dann dichter besiedelt als Linden-Nord“, sagt Rainer-Jörg Grube, Bezirksbürgermeister in Linden-Limmer. Auffällig viele Bezirks- und Ratspolitiker mischen sich in die Bürgerdiskussion ein. „Wir wollen keine hochpreisigen Nobelwohnungen“, sagt Grube, und Grünen-Ratsfrau Kathrin Langensiepen geht einen Schritt weiter. „Wir dürfen auch Flüchtlinge und Obdachlose nicht vergessen“, sagt sie.

Vorsichtig fragt ein Lindener, ob es nicht widersprüchlich sei, einerseits günstigen Wohnraum einzufordern, andererseits auf ein Reihenhausidyll zu bestehen. Er erntet vehementen Widerspruch. „Man kann doch auch preiswerte Reihenhäuser anbieten“, sagt BI-Vertreter Rademann. „Genau, für Hartz-IV-Empfänger“, ergänzt Langensiepen.

Letztlich einigt sich die Gruppe darauf, dass die Mischung stimmen muss. „Schließlich zeichnet sich Limmer dadurch aus, dass hier verschiedene Milieus zusammenleben“, sagt ein Anwohner. Das solle bitteschön auch in der Wasserstadt fortgesetzt werden.

Als es am Ende der Diskussion darum geht, die Wünsche mit Punkt-Aufklebern zu gewichten, stechen zwei Forderungen hervor: Die Begrenzung der Einwohnerzahl und die soziale Durchmischung.

Die nächste Veranstaltung im Bürgerdialog findet am Donnerstag, 27. November, in der Grundschule Kastanienhof, Harenberger Straße 31, statt. Sie beginnt um 18 Uhr und dreht sich um das Thema Stadtentwicklung.

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