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Aus der Stadt Hier entsteht Hannovers neue Skateboard-Attraktion
Hannover Aus der Stadt Hier entsteht Hannovers neue Skateboard-Attraktion
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17:45 08.08.2017
Von Bernd Haase
„Man darf keine Sekunde zu früh oder zu spät mit dem Glätten anfangen“: Lennie Burmeister baut einen Skaterpool in Linden-Süd. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Hannover

Es gibt Momente, in denen man Lennie Burmeister und seine Kollegen am besten in Ruhe lässt. Wenn sie zum Beispiel frischen Beton mit Kellen glätten, können sie keine Ablenkung gebrauchen. „Man darf keine Sekunde zu früh oder zu spät mit dem Glätten anfangen“, sagt Burmeister. Nur dann lassen sich die feinen Bestandteile am besten nach außen reiben und eine Oberfläche herstellen, wie sie Skater lieben: hundertprozentig glatt, porenlos und geschlossen, das ist das Ziel.

Die Spezialisten bauen am Ihme-Ufer Hannovers ersten sogenannten Skaterpool, der tatsächlich von der Bauweise amerikanischer Swimmingpools inspiriert worden ist. Yamato Living Ramps heißt die Firma, die Burmeister und Max Beckmann als Geschäftsführer gegründet haben und die mittlerweile europaweit unterwegs sind. „Wir sind eine von fünf Firmen, die sich den Markt teilen“, sagt Burmeister. Der Jahresumsatz der Lindener mit ihren acht Mitarbeitern liegt im hohen sechsstelligen Bereich.

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Anarchische Wurzeln

Man darf Yamato Living Ramps als Start-up bezeichnet - aber keines, das den üblichen Weg über Gründungsschmieden und -wettbewerbe gegangen ist. Die Wurzeln sind eher etwas anarchisch und liegen natürlich in der Skaterszene.

Der 38-jährige Burmeister ist in den Neunzigerjahren als Vollprofi auf Rollen unterwegs gewesen. „Das hat funktioniert, weil Sponsoren für Videos und Fotos gezahlt haben“, erzählt er. Auch Beckmann war auf Rollen unterwegs. Schon früher hatten sie Rampen aus Holz gebaut, wie sie zwischenzeitlich in vielen Orten auftauchten und die mittlerweile oft vor sich hinrotten.

Neuer Stadtteilpark

Die Skateanlagen am Ihme-Ufer zwischen Legionsbrücke und ehemaliger Hautklinik sind Teil des neuen Stadtteilparks Linden-Süd, dessen erster Bauabschnitt Ende des Jahres fertig sein soll. Dort bauen die Mitarbeiter von Yamato Living Ramps zum einen einen Pool mit gerundeten Übergängen zwischen Boden und den wellenförmigen Seitenwänden. Er ist der erste seiner Art in der Stadt. Zum anderen entsteht eine Flow-Arena, in der sich Rampen und frei modellierte Abschnitte befinden. Zum Stadtteilpark gehören außerdem ein Basketballfeld, ein direkter Zugang zum Ihme-Ufer, ein Mehrgenerationen-Fitnessparcours und Sitzgelegenheiten. Geplant wurde der Park mit Bürgerbeteiligung und in Absprache mit der hannoverschen Skaterszene

„Irgendwann kam der Wunsch, solche Sachen für die Szene professioneller zu machen“, sagt Burmeister. Das Problem war: Wo in Hannover könnte das passieren? „Skaten ist nun einmal laut, und wenn wir auf Plätzen wie am Küchengarten unterwegs waren, gab es schnell Stress“, erzählt Daniel May, der ebenfalls zu den Firmenpionieren gehört.

In Linden entdeckten die Skater auf einer etwas versteckt Brache, die der Firma Wabco gehörte, eine ideale Fläche. Sie bauten dort die ersten Anlagen aus Beton und nannten den Platz schlicht 2er. Das geschah mit Hintersinn. Die Skater kategorisieren die Anlagen, Kategorie 2 gehört zu den niedrigsten. „Wir wollten das Projekt außerhalb der Szene nicht an die große Glocke hängen und haben es deshalb runtergeredet“, erklärt May, der Vorsitzender des Verein 2er Skateboarding ist.

Die Sache war die: Die Skateanlagen auf dem 2er waren nicht ganz legal; es gab anfänglich weder Genehmigungen noch verbriefte Nutzungsrechte oder ähnliche Dinge, die kreatives Handeln erschweren und mit der der Skaterszene innewohnenden gewissen Lässigkeit nicht immer kompatibel sind. Seit 2010 ist das ausgeräumt und genehmigungstechnisch alles in Ordnung. Gleich nebenan ist mit dem Platzprojekt ein Kreativzentrum entstanden, das als eine Art Versuchslabor für jugendorientierte Stadtentwicklung gilt und als solches vom Bund gefördert wird.

Weil es in Linden so gut gelaufen war, reifte der Plan, so etwas in größerem Rahmen anzugehen. Dafür taten sich die Hannoveraner mit Berlinern zusammen, die parallel ein ähnliches Projekt aufgezogen hatten. Firmensitz wurde Linden.

„Richtig konzipiert wird ein Skatepark zur Bewegungs- und Begegnungsstätte junger Menschen und Junggebliebener“, heißt es auf der Homepage von Yamato Living Ramps. Jede der mittlerweile knapp drei Dutzend von den Lindenern gebauten Anlagen ist individuell. Um Pläne, die am Computer entstanden sind, vor Ort umzusetzen, sind Fertigteile ungeeignet. Modelliert wird mit Frischbeton. Das notwendige handwerkliche Know-how haben sich die Skater durch Lehren und Praktika angeeignet.

Skaterpark als Wohnzimmer

Viele Städte haben den Bau von Skaterparks als Möglichkeit entdeckt, Jugendlichen coole Freizeitmöglichkeiten zu bieten. Sie sollen sowohl Anfängern als auch Profis Anreize bieten. „Die ideale Anlage ist so konzipiert, dass man nie zu langsam oder zu schnell unterwegs und sich nicht gegenseitig im Weg ist“, sagt Burmeister. Außerdem muss natürlich alles glatt gehen.

Bleibt noch die Frage, wie das Kind zu seinem Namen kam. Yamato heißt ein Judoverein, in dem Beckmann früher Mitglied war. „Als wir den 2er gebaut haben, haben wir uns mit Kampfschreien angefeuert. Irgendwie ist Yamato hängen geblieben“, erklärt er. Erste Namensidee für eine Firma sei dann Yamato Knallbrettrutschen gewesen. Als die Gründung dann konkret wurde, haben sich die Skater dann doch für Living Ramps entschieden, ein Wortspiel mit dem englischen Living Rooms: „Das Wohnzimmer eines jeden Skaters ist der Skaterpark“, sagt Beckmann.

Skate-Entwicklungshilfe in Indien und Bolivien

Die Yamato-Crew ist nicht nur in Deutschland unterwegs, sondern leistet zusammen mit dem Lindener Verein 2er Skateboarding und anderen Partner auch international Entwicklungshilfe. Sie haben schon zweimal in Indien Anlagen gebaut und einmal in Bolivien. Dort entstand im Frühjahr 2014 in der Nähe der Hauptstadt La Paz auf 3800 Metern über dem Meeresspiegel der höchstgelegene Skaterplatz der Welt. „Wir machen so etwas als Non-Profit-Angelegenheiten“, sagt Yamato-Geschäftsführer Max Beckmann. Der Gewinn steckt also nicht im Finanziellen, sondern in der Erkenntnis, dass man derartige Dinge mit einem Netzwerk aus Skatern und Sympathisanten in Gang bringen kann.

Finanziert worden sind die Anlagen in Asien und Südamerika über Crowdfunding-Kampagnen und mithilfe des amerikanischen Jeans-Herstellers Levi’s als Sponsor. Die Organisationsform heißt „Builders’ Jam“ und zeigt ein wenig, wie die Szene tickt. Volontäre aus aller Welt – in Bolivien etwa waren Deutsche, Japaner, Inder, Dänen, Australier und Amerikaner am Start – finden sich zusammen und bauen gemeinsam mit einheimischen Jugendlichen. Im indischen Bangalore ist 2012 auf diese Weise „nicht nur ein ziemlich spaßiger Skaterpark entstanden, sondern auch eine Begegnungsstätte für arme und reiche Jugendliche“, heißt es in einem Projektbericht auf der Internetseite von Yamato. Dies sei in einem immer noch vom Kastensystem geprägten Land wie Indien keine Selbstverständlichkeit.