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Aus der Stadt Zahl der Asylbewerber bringt Stadt in Not
Hannover Aus der Stadt Zahl der Asylbewerber bringt Stadt in Not
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08:33 25.04.2012
Von Andreas Schinkel
Im ehemaligen Bunker in Oberricklingen sollen Asylbewerber unterkommen. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

 „Wir wissen nicht, welche Leute hier einquartiert werden und wie sich das auf unser Zusammenleben auswirkt“, fasst Anwohner Marc-Dennis Grasdorf die Ängste zusammen. Auch befürchtet er, dass der Wert der Grundstücke in der Einfamilienhaussiedlung sinkt. „Wir fühlen uns von der Stadtverwaltung übergangen und nicht ernst genommen“, ärgert sich Grasdorf. Oberricklingen jedenfalls vertrage kein Flüchtlingsheim, meint er.

Tatsächlich bleiben der Stadt kaum andere Möglichkeiten. „Die vorhandenen Kapazitäten sind ausgeschöpft, und es müssen neue Unterkünfte geschaffen werden“, sagt Stadtsprecher Dennis Dix. Denn Hannover bekomme seit 2010 immer mehr Flüchtlinge vom Land zugewiesen und stehe dann in der Pflicht, Wohnraum bereitzustellen. Im vergangenen Jahr musste die Stadt 492 Asylbewerber aufnehmen, in diesem Jahr könnten es noch mehr werden. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verzeichnet deutschlandweit bereits in den ersten Monaten 2012 eine Steigerung der Asylbewerberzahl um fast 13 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

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Hannover und andere Kommunen müssen die Aufnahme von Flüchtlingen wieder als Daueraufgabe begreifen“, sagt Kai Weber, Geschäftsführer des niedersächsischen Flüchtlingsrates. Denn für die Krisenherde in Afghanistan, Irak und Iran sei keine Besserung in Sicht. Zudem fahre das Land aus Kostengründen die Kapazitäten in den eigenen zentralen Auffanglagern zurück. „Es ist eine Frage der Organisation, Flüchtlinge in der Stadt unterzubringen“, meint Weber. Manche Kommunen kämen sogar ohne Wohnheime aus. In Hannover, so moniert er, fehle ein systematisches Konzept.

Die Grünen im Rat sehen die Aufgabe, die auf Hannover zukommt, ebenfalls mit großer Sorge. „Wir müssen uns fragen, was die Stadt verkraften kann“, sagt Grünen-Sozialexpertin Ingrid Wagemann. Sie befürchtet, dass Hannover einen „Ansturm auf die sozialen Netze“ erleben wird. „Die Stadtverwaltung darf jetzt nicht abwarten, sondern muss eine mittelfristige Planung vorlegen“, fordert Wagemann.

Ihr Parteikollege Belit Onay hat alle vier Wohnheime der Stadt unter die Lupe genommen. Noch platzten die Unterkünfte zwar nicht aus allen Nähten, dennoch bestehe „Handlungsbedarf“, sagt er. „Wir brauchen neue Unterkünfte.“ Problematisch sei, dass immer weniger Familien Asylanträge stellten, sondern vermehrt Einzelpersonen, für die dann ein individueller Wohnraum gefunden werden müsse.

Die Grünen wollen daher Kriterien aufstellen, wie eine menschenwürdige, aber auch sozialverträgliche Unterkunft aussehen soll. „Wir wollen keine Wohnblöcke mit 100 oder gar 200 Flüchtlingen. Auch sollte ein Heim nicht in einem sozialen Brennpunkt liegen“, meint Onay. Je höher aber die Anforderungen, desto schwieriger die Suche nach einer geeigneten Immobilie. „Die Stadt braucht ja Plätze von heute auf morgen, denn sie kann niemanden vertrösten.“ Den ehemaligen Bunker in Oberricklingen hält er dagegen für einen akzeptablen Standort. „Die Ängste der Nachbarn müssen wir jedoch ernst nehmen.“

Nachgefragt: „Das neue Heim muss betreut werden“

Herr Markurth, in Ihrem Stadtbezirk formiert sich Protest gegen das geplante Flüchtlingswohnheim. Wie gehen Sie damit um?

Zunächst ist festzuhalten, dass die Stadt Hannover – wie andere Kommunen auch – durch das Land gehalten ist, Unterkünfte für Asylbewerber zur Verfügung zu stellen. Der frühere Bunker in der Munzeler Straße ist als städtische Liegenschaft bisher als Studenten- und Männerwohnheim genutzt worden. Da hat sich niemand daran gestört. Das geplante Vorhaben der Stadt erfordert aber intensiven Kontakt zur Bevölkerung, weswegen ich weiterhin Gespräche mit den Betroffenen führen werde.

Anwohner sammeln Unterschriften gegen das Heim. Sie fühlen sich von der Stadt übergangen und befürchten, dass die Kriminalität zunimmt. Alles haltlose Behauptungen?

Wir müssen die Ängste der Nachbarn ernst nehmen, auch wenn es vermutlich einige gibt, die man selbst mit guten Argumenten nicht überzeugen kann. Bereits am 30. März wurde die Mitgliederversammlung des Siedlerbundes als erste Informationsmöglichkeit der Bürgerinnen und Bürger genutzt. Die Verwaltung unterrichtete die Mitglieder über die Wohnheimpläne. Viel früher ist auch in der Stadtverwaltung die Entscheidung nicht gefallen, die Asylbewerber in Oberricklingen unterzubringen.

Am 3. Mai steht Ihnen eine heiße Bezirksratssitzung bevor. Dann kommt das Thema auf den Tisch. Haben Sie sich schon eine Strategie überlegt?

Wir wollen auf jeden Fall vermeiden, dass sich die Befürchtungen der Anwohner bewahrheiten. Deshalb habe ich mit der Stadt vereinbart, dass das Asylbewerberheim pädagogisch betreut wird und nach Möglichkeit ein Pförtner im Heim als Ansprechpartner zur Verfügung stehen sollte. Ich halte es für sinnvoll, für das Wohnheim einen Beirat ins Leben zu rufen, der sich sowohl aus Anwohnern, Vertretern von der örtlichen Schule, der Kirchengemeinde als auch aus der Politik zusammensetzt. Dies werde ich anregen. Klar ist aber auch, dass die Flüchtlinge nicht stigmatisiert werden dürfen. Die Fragen stellte Andreas Schinkel.

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