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Aus der Stadt Zahntechniker zweigt Gold für 372.000 Euro ab
Hannover Aus der Stadt Zahntechniker zweigt Gold für 372.000 Euro ab
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07:19 06.03.2014
Von Michael Zgoll
Foto: Ein Zahntechniker mit Geldsorgen hat Zahngold im Wert von 372.000 Euro über Ebay verkauft.
Ein Zahntechniker mit Geldsorgen hat Zahngold im Wert von 372.000 Euro über Ebay verkauft. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Hannover

Ein Zahntechniker mit Geldsorgen bestellte für die Gemeinschaftspraxis, mit der er nur am Rande zu tun hatte, Zahngold. Die Lieferungen stellte er der Oststädter Dental- und Implantologiepraxis in Rechnung; das Edelmetall schmolz er ein und verkaufte die 50-Gramm-Nuggets auf dem Internet-Verkaufsportal Ebay. Am Mittwoch wurde der 60-Jährige Hans-Horst H. wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 95 Fällen zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Als Gesamtschaden stellte das Amtsgericht Hannover gut 372.000 Euro fest.

Aufgefallen waren dem Praxischef die zahlreichen Rechnungen, für die er keinen Gegenwert erhalten hatte, im September 2012 - bei einer eher zufälligen Durchsicht seiner Bestellungen. Er stellte den Zahntechniker zur Rede, dieser beichtete sofort. Auch vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Amtsrichterin Svenja Tittelbach-Helmrich legte der Vater von drei erwachsenen Kindern gestern ein volles Geständnis ab. Ein Hauskauf in den siebziger Jahren habe ihn über die Zeit in eine Schuldenfalle getrieben, die Verbindlichkeiten seien ihm über den Kopf gewachsen, und deshalb sei er zum Betrüger geworden. Sein Reingewinn aus dem illegalen Goldhandel habe im Übrigen nur bei gut der Hälfte der 372.000 Euro gelegen.

"Wie der Gang zum Geldautomaten"

Zunächst hatte Staatsanwalt Martin Lienau in der Anklageschrift 119 betrügerische Bestellungen verlesen - ein ermüdender Vorgang, der mehr als 20 Minuten währte. Lienau begann seine Auflistung im Januar 2008; weitere Delikte aus den zwei Jahren davor sind bereits verjährt. Auffällig war, dass die Einzelbestellungen von Palladium-, Biokeramik- oder Gussgold in den ersten Jahren bei durchschnittlich 1500 bis 3000 Euro lagen, während sie gegen Ende meist um die 7000 Euro pendelten. „Das war wie der Gang zum Geldautomaten“, beschrieb der Angeklagte seine Einkäufe auf fremde Rechnung. Weil das Gericht letztendlich einige Orders mit Labormaterial herausrechnete, schrumpften die 119 betrügerischen Bestellungen schließlich auf 95.

Es bedurfte einer betrieblichen Besonderheit, die Hans-Horst H. seine Gaunerei überhaupt erst ermöglichte. Hauptberuflich arbeitete der Zahntechniker für eine Praxis aus der nördlichen List. Weil diese kein eigenes Labor besaß, hatte sie in der Oststädter Gemeinschaftspraxis - mit 25 bis 30 Mitarbeitern nicht gerade klein - einen Raum gemietet. Dort arbeitete H. in erster Linie für die Lister Doktoren und auf Minijobbasis auch für den Hausherrn. Als der Angestellte merkte, dass seine privaten Materialbestellungen bei einem Vahrenwalder Lieferanten niemandem auffielen, steigerte er sich in einen wahren Goldrausch. „Da war nichts mit Kontrolle“, äußerte der 60-Jährige gestern. Und: „So lange die Praxisumsätze stimmten, war alles in Ordnung.“

Albrecht-Paul Wegener, der Verteidiger des Zahntechnikers, plädierte für eine Bewährungsstrafe. Doch das Schöffengericht folgte dem Antrag des Staatsanwalts. Wie Tittelbach-Helmrich sagte, liege dies vor allem an der Höhe des Schadens, der Steigerung der Bestellmengen und der Selbstverständlichkeit, mit der H. gegen Ende agiert habe. Die Konsequenzen des Urteils bekommt auch dessen Familie zu spüren. Für VW-Golf und Beetle wurden gleich zwei Pfändungsbeschlüsse verkündet - ein erster Schritt zur Wiedergutmachung des Schadens.

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