Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Zeichen gegen rechts – Hannover rückt zusammen
Hannover Aus der Stadt Zeichen gegen rechts – Hannover rückt zusammen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:16 02.05.2009
Von Gunnar Menkens
Unter dem Motto „Bunt statt braun“ führte ein Sternmarsch vom Freizeitheim Linden zum Klagesmarkt. Quelle: Kris Finn
Anzeige

„Rückt noch zusammen.“ Diese Bitte von Moderator Lothar Pollähne war räumlich gemeint, Tausende füllten schon den Klagesmarkt, als immer noch mehr Gewerkschafter zur DGB-Kundgebung „Bunt statt Braun“ drängten.

Doch ungewollt traf sie den Sinn der Versammlung: Gemeinsam zeigten rund 15.000 Menschen Flagge gegen Rechtsextremismus. Was wörtlich zu verstehen war. Ob Liberale oder Linke, Protestanten oder Katholiken, Jung oder Alt, Arbeiter oder Angestellte, viele hielten Transparente und Fahnen hoch.

Anzeige

Und mitten in der Menge standen Yazid Shammout und Michael Fürst bei-einander. Eigentlich geht das nicht, der eine ist Vorsitzender der Palästinensischen Gemeinde, der andere steht der Jüdischen Gemeinde in Hannover vor. Aber sie verständigten sich, an diesem Tag alles Trennende der Weltgeschichte einfach zu ignorieren, um zusammen gegen Neonazis zu demonstrieren.



found at http://corp.brightcove.com/legal/terms_publisher.cfm.

-->













„Eine großartige Geste“, sagte Oberbürgermeister Stephan Weil, und der Klagesmarkt klatschte einen stillen, beinahe andächtigen Beifall. Juden und Palästinenser kamen ins Gespräch. „Sehr bemerkenswert“, fand Shammout. Fürst sagte, alles sei „sehr, sehr gut“ gewesen. Man trifft sich erneut und hat schon ein Thema: Schicksalen der anderen zuzuhören.

Die zwei Hauptpersonen an diesem ungewöhnlichen „Tag der Arbeit“ zwischen Weltwirtschaftskrise und Nazi-Bedrohung aber waren der regionale DGB-Vorsitzende Sebastian Wertmüller und Hannovers Polizeichef Uwe Binias. Der stand am Freitagmorgen in grauem Anzug am Rand der Bühne und hatte durch eine sorgfältige juristische Begründung verhindert, dass Rechtsextreme überhaupt nach Hannover kommen durften. „Die ganze Stadt ist Ihnen dankbar“, sagte Weil.

Binias tippte sich an eine imaginäre Mütze, es war sein Gruß zurück nach oben auf die Bühne. Da wusste der Präsident noch nicht, dass es abends am Hauptbahnhof doch noch tagesbedingt Arbeit geben sollte: Beamte mussten linke Randalierer in Schach halten. Wertmüllers Ehrgeiz, eine sichtbare Kampagne gegen Rechtsextreme zu organisieren, hatte gleichfalls Erfolg. Sie zeichnete erneut das Bild einer Stadt, die Neonazis nicht gleichmütig gegenübersteht. Aber Wertmüller hat auch ein Scharmützel mit Binias nicht vergessen.

In Hannover protestierten am 1. Mai Tausende friedlich gegen Rechtsextremismus. Laut Polizei beteiligten sich rund 12.000 Menschen an drei Sternmärschen und Kundgebungen.

Der Präsident hatte Aktivisten, die Neonazis am ZOB umzingeln wollten, in die Nähe von Straftätern gerückt und damit auch Wertmüller gemeint. Der antwortete von der Bühne herunter: „Man muss sich nicht an Umzingelungen beteiligen. Aber man soll diejenigen, die das machen, nicht in Misskredit bringen.“ Ein Streit der Vergangenheit. Gegenwärtig haben Mitarbeiter von Continental und Gilde handfestere Sorgen, ein lang gestrecktes Ruderboot vor der Bühne erinnerte daran, dass es am Tag der Arbeit im Jahr 2009 wirklich um Existenzen geht.

Ministerpräsident Christian Wulff, trotz roter Nelke und DGB-Anstecknadel am Pullover mit Pfiffen bedacht, sagte, „jedes Unternehmen, das in Hannover produziert, hat eine Verantwortung für den Standort“. Er näherte sich dem Publikum an, aber Wulff verspielte alles mit der Bemerkung, in seiner Regierungszeit würden so viele Gesamtschulen genehmigt wie nie zuvor. Empört pfiffen zahlreiche Gewerkschafter, besonders laut war es in der GEW-Ecke. Wulff blieb bei seinem Text, er pries Betriebsräte: „Niedersachsen kann stolz auf seine Gewerkschaften sein.“ Ein Lob, über das gewerkschaftsintern vielleicht zu reden sein wird.

Oberbürgermeister Weil reihte den Conti-Vorstand in scharfem Kundgebungston in die Reihe schlechter Managementbeispiele ein. „Es ist nicht akzeptabel, wenn in Basta-Manier mal eben ein Standort geschlossen wird.“ Vom Conti-Vorstand war allerdings niemand zu sehen. Wertmüller hätte ihm noch gesagt, dass es in der Krise keine Entlassungen geben dürfe.

Felix Harbart 01.05.2009
Bernd Haase 01.05.2009