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Aus der Stadt „Schindlers Liste sollte nach Israel“
Hannover Aus der Stadt „Schindlers Liste sollte nach Israel“
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00:25 02.04.2015
Verbrachte die letzten Monate seines Lebens in Hildesheim: Oskar Schindler.
Verbrachte die letzten Monate seines Lebens in Hildesheim: Oskar Schindler. Quelle: Archiv
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Hannover

Eine 79-jährige Hannoveranerin könnte zu einer entscheidenden Zeugin im Prozess um das Erbe des Judenretters Oskar Schindler und seiner berühmten Liste werden. Die Rentnerin war in jener Zeit mit dem Hildesheimer Arzt Heinrich Staehr liiert, dessen Frau Annemarie eine Beziehung zu Schindler pflegte. Und sie ist absolut sicher: „Schindlers Koffer war schon vor seinem Tod in der Wohnung der Staehrs in Hildesheim - und er hatte klar gesagt, dass die Dokumente darin nach Israel gelangen sollten.“

Eine Aussage von großer Bedeutung: Wie berichtet hat die Argentinierin Erika Rosenberg, Erbin von Schindlers Ehefrau Emilie Schindler, die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem verklagt. Sie fordert die Herausgabe verschiedener Dokumente, darunter auch die berühmte Liste Schindlers mit den Namen von ihm geretteter Juden. Der Koffer war 1997 nach dem Tod von Heinrich Staehr auf dem Dachboden von dessen Wohnung in der Göttingstraße 30 in Hildesheim entdeckt worden, sein Sohn Christian Staehr schickte die Dokumente nach Yad Vashem.

Rosenberg argumentiert, als Erbin Emilie Schindlers, die 2001 verstorben war, sei sie auch die rechtmäßige Eigentümerin des Nachlasses von Oskar Schindler. Mit Blick auf den Koffer behauptet sie, Annemarie Staehr habe diesen 1974 nach Oskar Schindlers Tod aus dessen Frankfurter Wohnung geholt und ihn sich somit widerrechtlich angeeignet. Die Anwälte von Yad Vashem sind hingegen der Ansicht, Schindler habe den Koffer zu Lebzeiten den Staehrs übergeben.

„Was historisch richtig ist“

Die 79-Jährige möchte anonym bleiben. Sie ist eine hellwache, vitale Frau. Zum Gespräch mit dieser Zeitung hat sie Urlaubsfotos herausgesucht, die sie mit Heinrich Staehr zeigen. Sie berichtet präzise über das Geschehen vor mehr als 40 Jahren. Sie habe sich noch nie öffentlich dazu geäußert, betont sie - doch als sie den Bericht über den anstehenden Prozess um Schindlers Liste in dieser Zeitung gelesen habe, sei sie schnell entschlossen gewesen, ihr Schweigen zu brechen: „Ich habe dabei nichts zu gewinnen“, betont sie. „Aber hier geht es um das, was historisch richtig ist. Es geht nicht an, dass diese Dokumente jetzt kommerzialisiert werden. Sie sind da, wo Schindler sie haben wollte.“ Dass die Staehrs Schindlers Koffer aus Frankfurt geholt hätten, sei schlicht nicht wahr. „Der Koffer war öfter Gesprächsthema mit Heinrich Staehr. Er wusste, wo der stand und was darin war - und dass Schindler mehrmals gesagt habe, der Inhalt gehöre nach Israel.

Dass der Koffer in Hildesheim gewesen sei, als Schindler dort 1974 starb, sei logisch, ebenso, dass er ihn zu Lebzeiten nicht nach Israel geschickt habe, sagt die 79-Jährige: „Das war ja sein Koffer, er hatte keinen anderen. Wenn er nach Hildesheim kam, hatte er den natürlich dabei, da war auch seine Wechselkleidung drin.“ Bekanntlich verbrachte der am Schluss schwer kranke Schindler die letzten Monate seines Lebens in Hildesheim, zunächst in der Obhut der Staehrs, die letzten vier Wochen dann im St.-Bernward-Krankenhaus.

Die 79-Jährige pflegte ihre Beziehung zu Heinrich Staehr über gut zehn Jahre. Die Zeitspanne umfasst auch die Jahre von 1970 bis 1974, in denen die Staehrs Oskar Schindler kennenlernten und sich eine Beziehung zwischen Annemarie Staehr und dem Judenretter entwickelte. Letzteres bestätigt die Hannoveranerin andeutungsweise, ins Detail möchte sie zumindest gegenüber den Medien nicht gehen: „Das muss jetzt nicht sein, die Beteiligten sind doch bis auf mich schon lange tot.“

Allerdings erklärt die Hannoveranerin auch eindeutig: „Wenn man mich in Israel als Zeugin will, stelle ich mich zur Verfügung.“ Dass sie dann auch intimere Fragen zum Beispiel zur Beziehung zwischen Annemarie Staehr und Oskar Schindler beantworten müsse, sei ihr klar: „Vor Gericht würde ich das auch machen, jetzt möchte ich das nicht.“

Und was sagt sie zur These der Yad-Vashem-Anwälte, Annemarie Staehr sei die wichtigste Person in Oskar Schindlers Leben gewesen, weit wichtiger als zum Beispiel dessen Ehefrau Emilie, von der er von 1957 bis zu seinem Tod getrennt lebte? „Die wichtigste Frau? Ich weiß nicht, er hat ja wirklich nichts anbrennen lassen.“ Andererseits hätten die Staehrs ihn bis zu seinem Tod betreut. „Besonders wichtig waren sie also schon.“

Sicher sei jedenfalls: „Von Emilie Schindler war nie die Rede.“

von Tarek Abu Ajameh

31.03.2015
Rüdiger Meise 02.04.2015