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Aus der Stadt Zeugenbefragung im Prozess um Mord nach WM-Streit in Hannover
Hannover Aus der Stadt Zeugenbefragung im Prozess um Mord nach WM-Streit in Hannover
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22:55 27.01.2011
Holger B. steht vor Gericht.
Holger B. steht vor Gericht. Quelle: Michael Thomas
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Am frühen Morgen des 5. Juli erschüttert eine kaltblütige Tat Hannover: Der 42-jährige Frührentner Holger B. erschießt in der Bar „Columbus“ am Steintor die beiden Italiener Francesco S. (47) und Guiseppe „Pippo“ L. (49). Der Grund ist ein nichtiger Streit um Fußball – darüber, wie viele Weltmeisterschaften Italien bereits gewonnen hat. Nach dem Streit holt Holger B. eine Pistole und schießt den beiden Gästen in den Kopf und in den Nacken. Am Abend flüchtet er nach Mallorca, wo er sich später den Behörden stellt. Beim Prozessauftakt in der vergangenen Woche räumte sein Verteidiger die Tat für seinen Mandanten ein. Der Angeklagte selbst schwieg auch am Donnerstag, am zweiten Prozesstag. An die Tat und die Zeit bis zu seinem Abflug will sich der Angeklagte nicht mehr erinnern. Die acht Zeugen, denen er auf seinem Weg begegnete und die am Donnerstag vor dem Landgericht aussagten, erinnern sich besser. Und sie zeichnen ein Bild von einem Täter, der in dieser Zeit offenbar genau wusste, was er tat.

1. Der 31-jährige Alexej W. ist einer der wichtigsten Zeugen in dem Prozess: Kurz vor den tödlichen Schüssen sitzt er für mehrere Stunden allein mit Holger B. an einem Tisch im „Columbus“. Kurz nach Mitternacht sei er mit seinem Freund Rudi gekommen, sagt der Zeuge, sein Freund sei aber sofort am Tisch eingeschlafen. Der russischstämmige Industriemechaniker setzt sich daraufhin zu dem ihm unbekannten Holger B. Sie trinken zusammen „alles mögliche“ – und reden über Privates. Dabei habe sein Gesprächspartner mal lustig, mal deprimiert und teilnahmslos gewirkt, erinnert sich der Zechkumpan. Nach einem Telefongespräch behauptet Holger B., dass sein Vater gestorben ist. „Er war sehr traurig und hat geweint“, sagt Alexej W. Im weiteren Verlauf sei B. dann aggressiv geworden: „Er hat mich auch ein bisschen angeschrien“, sagt der 31-Jährige. „Da habe ich mir ein Taxi gerufen.“ An Details kann sich der Mann nicht erinnern. Er gibt an, zwei Tage nicht geschlafen und in der Zeit 800 Euro für Alkohol ausgegeben zu haben. Auch zu seinem Gerichtstermin erscheint der Zeuge mit einstündiger Verspätung und einer scharfen Alkoholfahne. Widerwillig räumt er ein, er habe noch bis um acht Uhr getrunken, etwa eine Flasche Wodka. Die Erinnerung an den Mann, den er später im Fernsehen als Täter wiedererkannte, ist dennoch nicht verblasst.

2. Heiko S. will auf dem Weg zum Arbeitsamt noch einen Absacker trinken oder sich ein Brötchen bei der türkischen Bäckerei am Steintor holen – so genau weiß er das noch nicht. Während er sich eine Zigarette dreht und überlegt, begegnet ihm Holger B., den er flüchtig aus dem „Columbus“ kennt. Dieser sei zielstrebig gegangen und habe hitzig gewirkt, sagt Heiko S., ein hagerer Mann mit langen Haaren und einem Zöpfchen am Vollbart. „Dann ist er rein und sofort wieder raus, als wenn er noch überlegt, und dann ist er wieder rein.“ Kurze Zeit später hört Heiko S. Schüsse in der Bar: „Ich dachte, da hat jemand mit Gas geschossen – da laufen ja genug Verrückte rum“, sagt er vor Gericht. Dann sieht er den Angeklagten weglaufen – mit Schritten „wie ein rennender Storch“ und „rudernden Armen“.

3. Auch Chemiestudent Patrick R., der im Haus gegenüber am Schreibtisch für eine Klausur lernt, hört die Schüsse. „Erst habe ich mir nichts gedacht, hier gibt es ja öfter laute Geräusche“, sagt er. Er guckt aus dem Fenster seiner Wohnung im dritten Obergeschoss mit direktem Blick auf das „Columbus“ und sieht Holger B. herauslaufen. Der Flüchtende trägt eine kurze Radlerhose, ein orangefarbenes T-Shirt und eine Baseballkappe. Der 25-Jährige nimmt seine Digitalkamera und drückt ein paar Mal ab, dann meldet er seine Beobachtungen der Polizei. Wie Holger B. gewirkt habe, wisse er nicht, sagt der Student im Zeugenstand. Er habe sich aufs Fotografieren konzentriert.

4. In einem Transporter gegenüber vom Arbeitsamt sitzt der polnische Bauunternehmer Wojzeck Y. und wartet auf einen Mitarbeiter, als er Holger B. sieht. Er beobachtet, wie der Mann mit der kurzen Hose und der Baseballkappe zu einer Mülltonne geht und sich immer wieder umschaut. Dann habe der Mann den Deckel geöffnet und eine Plastiktüte hineingeworfen. „Ich dachte, in der Tüte wäre Hundekot“, sagt der Bauunternehmer, der mit seinem Anwalt und einer Dolmetscherin zu dem Gerichtstermin erschienen ist. Dann verschwindet Holger B. aus seinem Sichtfeld.

5. Gegen 10 Uhr klingelt es bei Mario S. in Linden-Nord. Der 40-Jährige ist auf dem Sprung zum Arzt. Er will sich krank melden, um nicht zu seinem Ein-Euro-Job zu müssen. Doch vor der Tür steht Holger B., mit dem der Lindener seit fast 15 Jahren befreundet ist. „Ich habe Scheiße gebaut“, soll der Freund gesagt haben. Mario S. behauptet, er habe sich nicht weiter für die Schilderungen interessiert. Auch als der Freund ihm von zwei Italienern berichtet, die er getötet habe, will er nicht weiter nachgefragt haben („Ich dachte, der spinnt wieder rum“). Holger B. bittet den Freund um frische Kleidung zum Wechseln. Die habe er ihm gegeben, weil er geglaubt habe, sein Freund habe in die Hose gemacht. Dies sei auch der Grund, warum er die alten Klamotten des Freundes in einen Plastiksack gesteckt habe, gibt Mario S. an. Nein, gerochen habe er nichts. Nach dem Kleiderwechsel gehen die Freunde zu Fuß zur „Deisterquelle“ nach Linden-Mitte. Auf dem Weg dahin soll B. ihn gebeten haben, nichts von der Tat zu erwähnen. „In der ,Deisterquelle‘ habe ich dann geknobelt, irgendwann war der Holger weg“, sagt Mario S. und guckt zu dem 42-Jährigen auf der Anklagebank. Die Launen seines Freundes beschreibt er so: „Nüchtern ist er ruhig und in sich gekehrt. Mit Alkohol ist er impulsiv, aber nicht aggressiv.“

6. Das bestätigt auch Theodoros K. Er steht hinter dem Tresen der „Deisterquelle“, die seiner Frau gehört. Holger B. soll an dem Vormittag zwar angetrunken, aber noch so klar gewesen sein, dass er ihn noch bedienen konnte. „Es brennt bei mir gewaltig“, habe Holger zu ihm gesagt – aber das nicht näher ausgeführt. Der Zeuge will mit dem Gast auch schon andere Erfahrungen gemacht haben. Mehrmals habe er dem Holger schon Hausverbot erteilt. Einmal soll ihn Holger B. schon mit einer Waffe in der Hand gesucht haben. „Als ich von der Tat aus dem Fernsehen erfahren habe, habe ich sofort gedacht: Das war der Holger.“

7. Nach zwei Bier verlässt Holger B. die „Deisterquelle“, um sich ein Flugticket nach Mallorca zu kaufen. Im Reisebüro in der Falkenstraße erklärt ihm Sabine K., für die Bezahlung mit ec-Karte sei die Buchung zu kurzfristig. Daraufhin holt der Kunde Bargeld aus einem Automaten in der Nähe. Kurz darauf sei er zurückgekehrt und habe einen Hinflug gebucht, schildert die Kauffrau. Der korpulenten, freundlichen Frau erzählt Holger B. die Sache mit dem Knoblauch: Er wolle seinen Stiefvater besuchen und ihn zum Geburtstag mit einem Korb Knoblauch überraschen. Er wisse, dass der Stiefvater keinen Knoblauch mag. Vielleicht schicke der ihn deshalb sofort zurück. Vielleicht werde er sogar enterbt. Ein Scherz. Die beiden lachen. Der 52-Jährigen erscheint der Kunde als „reichlich betrunken“, aber höflich und aufnahmefähig. „Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, er weiß nicht, was er tut, hätte ich ihm keine Reise verkauft“, sagt die Zeugin.

8. Bevor sich Holger B. in die S-Bahn zum Flughafen Langenhagen setzt, besucht er Raschid J. Der 38-Jährige ist Frisör in der Nähe der „Deisterquelle“. R. erinnert sich vor Gericht, dass der Kunde damals noch sechs bis neun Millimeter lange Haare gehabt habe – und nach einer Glatze verlangte. Ein anderer Mitarbeiter übernimmt die Rasur. Während der Prozedur soll der Kunde „ein bisschen gewackelt“ und „mit dem Spiegel geredet“ haben. Was Holger B. dabei sagte, wusste der Mitarbeiter seinen Kollegen aber nicht zu berichten – er spricht nur türkisch.

Kurze Zeit später tritt Holger B. aus dem Frisörsalon, mit neuer Kleidung, einer neuen Frisur und einem Flugticket zu seinem Stiefvater nach Mallorca in der Tasche. Der Stiefvater wird am 10. Februar vor dem Landgericht in Hannover als Zeuge erwartet.

Sonja Fröhlich