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Aus der Stadt Fahrgast beschimpft Zugbegleiter als „Nazi“
Hannover Aus der Stadt Fahrgast beschimpft Zugbegleiter als „Nazi“
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20:51 16.12.2014
Von Michael Zgoll
Foto: Ein Zugbegleiter wurde von einem Fahrgast mehrmals als Nazi beschimpft.
Ein Zugbegleiter wurde von einem Fahrgast mehrmals als Nazi beschimpft. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Hannover

Wenn sie an die falschen Kunden geraten, werden sie angespuckt. Geschubst. Geschlagen. Oder „nur“ beschimpft. Zugbegleiter müssen ein dickes Fell haben. Manchmal bekommen sie den Ärger von Bahnfahrern ab, denen sie erklären müssen, dass ihr Anschlusszug aufgrund einer Verspätung über alle Berge ist. Manchmal rasten Reisende aus, die bei einer Kontrolle keinen Fahrschein vorweisen können. Am Dienstag musste sich vor dem Amtsgericht ein S-Bahn-Kunde verantworten, der einen Zugbegleiter auf einer Fahrt vom Hauptbahnhof in Hannover zum Flughafen Langenhagen mehrfach als „Nazi“ bezeichnet hatte.

Weil der 53-jährige Angeklagte nicht auftauchte, verwarf Amtsrichter Koray Freudenberg den Einspruch des Österreichers gegen einen Strafbefehl. Somit muss Günter K. wegen Beleidigung 200 Euro Geldstrafe zahlen. K. hatte dem Gericht frühmorgens per E-Mail mitgeteilt, dass er aufgrund eines Gerichtstermins in Österreich nicht in Hannover erscheinen könne – offenbar eine faule Ausrede.

Zugbegleiter erscheint als Zeuge

Allerdings war der als Nazi beschimpfte Zugbegleiter als Zeuge ins Gericht gekommen. Der Familienvater aus Hannover erinnerte sich noch gut, was ihm im Dezember 2013 in der ­S-Bahn zum Flughafen widerfahren war. Bei einer Kontrolle hatte der 45-Jährige eine Frau – ebenfalls Österreicherin – ertappt, die keinen gültigen Fahrschein vorweisen konnte. Sie hatte zwar ein Streifenticket dabei, dies aber nicht abgestempelt. Als der Kontrolleur darauf hinwies, dass damit ein erhöhtes Fahrgeld von 40 Euro fällig sei, mischte sich Günter K. ein – obwohl er selbst eine gültige Fahrkarte besaß. K. pöbelte den Zugbegleiter an, ob er nur bei Ausländern abkassiere, beschimpfte ihn mehrfach als Rassisten und Nazi. K. selbst behauptete später, er habe die Fahrkartenkontrolle nur als „Methode aus der Nazi-Zeit“ gebrandmarkt. Als die S-Bahn an der Station Flughafen stoppte, warteten sechs Bundespolizisten auf den wütenden Österreicher, um ihn zu befragen. Was folgte, war eine Anzeige des Zugbegleiters wegen Beleidigung.

Wie der Mitarbeiter der Bahn am Rande des Prozesses erzählte, werde er oft beschimpft. Pro Schicht ertappe er zehn bis zwölf Schwarzfahrer, diese Kunden würden besonders häufig aus der Rolle fallen. Bitter sei, dass sich die übrigen Bahnreisenden fast immer auf die Seite der ertappten Sünder schlagen. Dabei habe das Amtsgericht erst jüngst einen jungen Mann, der ihm einen Faustschlag verpasst habe, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Ein weiterer Prozess gegen einen Fahrgast, der ihm beim Gerangel um eine abgelaufene Monatskarte einen Finger ausgekugelt hat, läuft noch. Wie der Zugbegleiter ergänzte, habe er etwa alle zwei Monate einen Termin beim Amtsgericht, entweder als Zeuge einer Schwarzfahrt oder als Opfer eines Übergriffs.

Häufige Attacken auf Zugbegleiter

Nach Angaben der Bahn wurden ihre Mitarbeiter im Jahr 2013 rund 1200-mal Opfer von Körperverletzungen – häufiger denn je. Rund zwei Drittel der Attacken betrafen Sicherheitsleute, die etwa bei Fußballspielen verstärkt zum Einsatz kommen, ein Drittel der Opfer waren Zugbegleiter. Anfang dieses Jahres machte die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) mit einem Aktionstag auf die zunehmende Gewalt gegen das fahrende Personal aufmerksam. Laut einer Umfrage in Nordrhein-Westfalen müssen sich 93 Prozent der GDL-Mitglieder täglich Beschimpfungen gefallen lassen, 63 Prozent der Zugbegleiter im Nah- oder Fernverkehr sind von Fahrgästen schon einmal körperlich attackiert worden. Besonders vor den Nachtschichten, so die Gewerkschaft, hätten viele Mitarbeiter inzwischen Angst.     

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