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Aus der Stadt „Mit dem Auflösen von Schulen kenne ich mich aus“
Hannover Aus der Stadt „Mit dem Auflösen von Schulen kenne ich mich aus“
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00:18 23.06.2018
Eckhart Bolte  geht in den Ruhestand. Und die Schule, die er leitet, die Maximilian-Kolbe-Förderschule, gibt zugleich ihren Standort am Nackenberg auf.
Eckhart Bolte geht in den Ruhestand. Und die Schule, die er leitet, die Maximilian-Kolbe-Förderschule, gibt zugleich ihren Standort am Nackenberg auf. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Eckhart Bolte leitet ein Auslaufmodell. Er tut es ruhiger Hand und einem Lächeln, und in dem Wissen, dass er in den vergangenen vier Jahren viel erreicht hat für seine Schüler. Mit seinem Abschied aus dem Schuldienst wird auch der Standort der Maximilian-Kolbe-Schule am Nackenberg in Kleefeld aufgegeben. Ab dem nächsten Schuljahr wird es nur noch eine öffentliche Förderschule für Kinder mit Lernproblemen in Hannover geben, und zwar an der Albrecht-Dürer-Schule in Bothfeld. Auch die Martin-Luther-King-Schule in Oberricklingen wird geschlossen, das Gebäude soll die Peter-Ustinov-Schule nutzen.

Auch die Eltern waren Lehrer

„Ich komme aus einem Lehrerhaushalt“, sagt Bolte. Schon in der 11./12. Klasse stand für ihn fest, dass auch er Pädagoge werde wollte, aber Sonderpädagoge. „Ich wollte mich um die Ursachen kümmern, warum manche Kinder nicht so gut lernen können.“ Nach dem Studium in Hannover ging er für ein Jahr nach London, unterrichtete an zwei Gesamtschulen. In dieser „prägenden Zeit“ konnte er viel ausprobieren. Ausgewiesene Förderschüler habe es dort nicht gegeben, wohl aber „schwierige Kinder“. Sein Referendariat machte Bolte an der Schule Auf der Bult und blieb dort 21 Jahre, eine „total schöne Zeit“, wie er sagt. Später engagierte sich in der Lehrerausbildung, an der Universität und im Studienseminar. 2011 kam er an die Christian-Andersen-Schule in Wülfel, die 2014 aufgelöst wurde.

An Regelschulen finden Förderschüler keine Gleichgesinnten

„Mit dem Auflösen von Schulen kenne ich mich also auf“, sagt der 65-Jährige schmunzelnd. Förderschulen sieht er als Durchgangsschulen: „Hier sollen Kinder so stabilisiert werden, dass sie im Regelunterricht zurecht kommen.“ Er kenne Schüler, die erst Lernprobleme gehabt hätten und am Ende sogar doch das Abitur gemacht hätten. In Wülfel sei er für Schüler ans zwölf Regelschulen zuständig gewesen: „Da kannte ich noch noch alle.“ Jetzt sei er für 36 Standorte verantwortlich, da ginge der enge Kontakt verloren. An einer Förderschule seien die Klassen kleiner, es seien nur zwischen zwölf und 16 Kinder, man könne individueller auf die einzelnen Schüler eingehen. An regulären Schulen seien Förderschüler mit Lernschwierigkeiten nach zwei Jahren abgehängt, würden oft nur verwaltet, sozial isoliert und vernachlässigt. „Sie haben keine Gruppe, dabei brauchen auch diese Kinder Peers.“

Sonderpädagogen nicht als Hilfslehrer wahrnehmen

Doch die Inklusion lasse sich nicht zurückdrehen, sagt Bolte. Er wünscht sich, dass die Förderschullehrer, die an Regelschulen kommen, von Regellehrern nicht wie Hilfslehrer betrachtet werden, die mit schwierigen Kindern aus dem Raum gingen. Die Schüler mit Förderbedarf sollten in die Gruppe integriert und nicht herausgezogen werden. „Inklusion muss in den Köpfen ankommen“, meint der Schulleiter. Solange es immer noch Lehrer gebe, die meinten, sie hätten sich bewusst für das normale Lehramt und nicht für Sonderpädagogik entschieden und nun diese Kinder mit Handicap auf einmal in ihren Klassen hätten, sei es schwierig.

Nach 43 Jahren im Schuldienst freut sich der Vater dreier erwachsener Kinder, der auch schon ein Enkelkind hat, endlich wieder mehr Zeit draußen in seiner Blockhütte im Wald zu verbringen, Langstreckenfahrrad zu fahren und sich im Kirchenvorstand zu engagieren.

Von Saskia Döhner